»Darf man das denn?«

Die Kritik von Malte Bremer über das Buch Mein Pixel-Ich hat eine scharfe Diskussion ausgelöst. Das Buch ist zweifelsohne eine bleibende und interessante Dokumentation eines gelungenen und ausgezeichneten Online-Projektes. In Papierform wird es sicher die Kurzlebigkeit des Netzes überdauern und zu einer wichtigen Primärquelle werden. »Für die Literaturwissenschaft ist dieses Buch ganz bestimmt nicht überflüssig, sondern ein wichtiges Dokument«, wie die Herausgeberin Sabrina Ortmann richtig feststellt.
     Darf man es also - wie in der Kritik des Literatur-Cafés - wagen, die literarische Qualität unabhängig von diesem Umfeld zu bewerten? Müssen also andere Maßstäbe angelegt werden, wenn man das Buch literarisch beurteilen will? Ja, darf man das überhaupt?
     Wir haben Roberto Simanowski gefragt, der sich seit einigen Jahren wissenschaftlich mit der Ästhetik digitaler Literatur befasst. Simanowski ist Herausgeber von dichtung-digital und hat auch das Vorwort zum Buch geschrieben.
     Hier seine Antwort an den Chefredakteur des Literatur-Cafés:

Lieber Wolfgang,

Der Pixel-Streit - Wie literarisch muss ein Online-Text sein?

Wie alles begann:
Zum Ausdruck drängt doch alles
Malte Bremers Kritik zum »Pixel-Ich«

»Darf man das denn?«
Roberto Simanowski über die Bewertungskritiken von Online-Texten

Verriss = Fair Riss?
»Pixel-Ich« Mitautor Wilfried Bienek über Kritiker und Kritisierte

die Diskussion scheint in der Tat seltsame Züge anzunehmen, wenn der kritische Kritiker schon als »arbeitsloser Germanist auf Höhenflug« bezeichnet und von einer Erbfeindschaft zwischen Literatur-Café und Berliner Zimmer gemunkelt wird. Und dann die Kleinkriegtirade! Das ist argumentum ad hominem in schönster Lehrbuchform - die freilich unprofessionell wird, wenn man dem anderen kleinlich Tippfehler vorhält und selbst »auf gefallen« schreibt, was, wie alle guten GermanistikstudentInnen wissen, zusammengeschrieben gehört, außer es steht am Satzanfang und der erste Teil soll besonders betont werden - aber auch dann nieeee bei Partizipien ;)

Was hat denn diese Zuspitzung bewirkt? Hat Malte Bremer inzwischen eine zweite, viel schärfere Kritik geschrieben? Eigentlich könnte man es ja als Zeichen voranschreitender Etablierung nehmen, dass nun auch das literarische Feld der Netzkultur seine Grabenkämpfe und Skandälchen hat. Hoffen wir nur, dass niemand die Gelassenheit verliert und dass alle brav ihren Goethe gelesen haben: »Wer sich nicht selbst zum besten hält, ist bestimmt nicht von den Besten.«

Deine Bitte um ein klärendes Wort verstehe ich wohl, allein was erwartest du, nachdem ich zuvor der Bitte der Herausgeber um ein Vorwort für das inkriminierte Buch nachgekommen bin. Ich werde mich also nicht zur literarischen Qualität des Buches äußern - du hast in der Einleitung zu Malte Bremers Kritik schon ganz richtig bemerkt, dass ich mich um diesen Punkt drücke, und dabei bleibt es natürlich -, ich kann dir aber sagen, wie ich diese Frage bei kollaborativen Schreibprojekten generell sehe. Nur, bitte erlaube mir, hier einmal zu einem Mittel zu greifen, das zwar sehr dem digitalen Medium entspricht, eigentlich aber trotzdem nicht zu meinen Lieblingsmethoden gehört. Jedoch: Wenn du mich mitten in der Arbeit aufstörst, dann kriegst du eben auch einfach Copy-Paste-Brocken aus dieser Arbeit:

...Wenn Christiane Heibach für Mitschreibprojekte festhält, dass »der Produktionsprozess das eindeutige Primat vor dem Ergebnis hat«, so lässt sich aus den oben gemachten Beobachtungen als 7. Punkt hinzufügen, dass der Reiz dieser Texte weniger in ihrer literarischen Qualität liegt als in der abzulesenden Gruppendynamik....

...Kollektivgeschichten sind v.a. spannend durch ihre soziale Ästhetik: Unter dem Text liegt ein Text, der von den Autoren, von der Dynamik der Kommunikation im Netz handelt; die Autoren der ‘offiziellen’ Geschichte sind die Figuren einer geheimen und schreiben im Schreiben an jener zugleich an dieser über sich selbst....

...Jan Ulrich Hasecke verweist auf das Dilemma zwischen Demokratie und Ästhetik, wenn er mit Blick auf den »Assoziations-Blaster« bemerkt: »Wenn der Inhalt banal ist, und er ist es manchmal, dann ist dies eine notwendige Banalität, weil sie die Banalitäten des Netzes aufgreift.« Die zur Auswahl stehenden Parameter heißen Authentizität und Literarizität; die Einwände der verschiedenen Parteien lauten: Was nützt Authentizität, wenn man sich durch Unmassen authentischen Datenmülls kämpfen muss? Was nutzt Lesbarkeit, wenn sie mit verzerrender Selektion erkauft ist?...

...Zwar bringt das Internet in der Tat eine neue Demokratie des Redens hervor, zwar beseitigt das Internet viele traditionelle Zugangsbarrieren und öffnet damit zugleich die Schleusen zu einer gewissen Überproduktion an öffentlicher Rede, aber von der Pensionierung der diskursiven Polizei kann keine Rede sein. Wer eher auf die Karte der Qualität als der Radikaldemokratie setzt, wird dies nicht unbedingt bedauern....

...Das raffinierte Setting von »23:40« belegt zugleich, wie sehr ein Mitschreibprojekt unabhängig von den eingegangenen Texten allein durch die technische Struktur wirken kann. Da diese wiederum vom Projektleiter ausgeht, kann der als der eigentliche Künstler betrachtet werden, dem die anderen zuarbeiten. Das Mitschreibprojekt wird hier im Grunde zu einer Spielform konzeptioneller Kunst, in der die tragende Idee des Ganzen sich vor dessen Einzelbeiträge schiebt – weswegen die Qualität der einzelnen Beiträge letztlich auch nicht das entscheidende ist. Das oben erwähnte Dilemma zwischen Demokratie und Ästhetik, zwischen Authentizität und Literarizität scheint in »23:40« eine interessante Auflösung zu erfahren. Da Grigat die eingesandten Beiträge nicht zensiert, stößt man freilich auf eine Menge Texte, die nichts mit Erinnern zu tun haben und das verfehlte Thema auch kaum durch literarische Qualität wettmachen. Für diese Nebenwirkung des demokratischen Zugangs entschädigt schließlich das Konzept des Ganzen. Das Authentische der Textsammlung ist aufgehoben in der künstlerischen Idee der Textpräsentation. Dieses Zugleich der beiden Betrachtungssebenen Konzept und Inhalt ist ein Wesensmerkmal vieler kollaborativer Schreibprojekte. Wo die konzeptionelle Ebene kaum entwickelt ist – wie in »Beim Bäcker«, aber auch im »Generationenprojekt« – kommt es auf die Texte der Autoren an oder eben auf den Text zwischen den Autoren. Wo die konzeptionelle Ebene ein eigenes Gewicht erhält – so im Falle von »23:40« oder »Der Assoziations-Blaster« – hat das, was als Netzliteratur nicht überzeugt, noch eine zweite Chance als Netzkunst...

Und damit genug an Selbstzitaten. Alles in allem schließe ich mich also ganz Sabrinas Meinung an, dass das Buch »Mein Pixel-Ich« in wenigen Jahren ein wichtiges Zeitdokument sein wird. Malte Bremer aber rate ich, nicht an den falschen Orten nach den falschen Dingen zu suchen. Dokumentarliteratur stand noch nie im Verdacht, das El Dorado schöner Sprache zu sein (um noch einmal, und diesmal aus freien Stücken, zu einem Euphemismus zu greifen ;) Was aber die soziologische Perspektive betrifft, ist sein Zählverfahren methodisch raffiniert und erhellend zugleich.

Und was den Medienwechsel betrifft, so habe ich mit der Buchform des ursprünglichen Netzprojekts eigentlich kein Problem. Ich kann mir gut vorstellen, dass viele, die weder etwas von der Netzkultur noch von der Netztechnik wissen, dankbar sein werden, dass man ihnen das eine zugänglich macht, ohne sie zum anderen zu zwingen. Geben wir ihnen die Chance!

Herzliche Grüße

Roberto

Enno E. Peter, Sabrina Ortmann, Sabrina Ortmann, Enno E. Peter: tage-bau.de - Ein literarisches Online-Tagebuch: Mein Pixel-Ich. Taschenbuch. 2001. Books on Demand. ISBN/EAN: 9783831113484


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