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Gmeiner-Verlag: Wenn bei der Übernahme eines Krimi-Verlages niemand von Krimis spricht

Die Logos der Unternehmen Saga Egmont und Gmeiner
Die Logos der Unternehmen Saga Egmont und Gmeiner (Collage: literaturcafe.de)

Der Gmeiner-Verlag wurde zum 1. Januar 2026 von Saga Egmont übernommen. In der Pressemitteilung kommt das Wort »Krimi« genau einmal vor – obwohl es sich um einen der bekanntesten Regionalkrimi-Verlage Deutschlands handelt. Nicht wirklich ein beruhigendes Zeichen.

Wo sind die Krimis?

Der Gmeiner-Verlag aus Meßkirch ist zum 1. Januar 2026 von Saga Egmont übernommen worden. Wer auf der Verlagswebsite die Pressemitteilung dazu liest, erfährt viel über Hörbücher, über Sachbücher, über digitale Potenziale. Was man kaum erfährt: dass es sich beim Gmeiner-Verlag um Deutschlands bekanntesten Regionalkrimi-Verlag handelt.

In der Mitteilung kommt das Wort »Krimi« genau einmal vor – versteckt in einer Aufzählung, in der der Verlag als seit 1986 »insbesondere mit Kriminalliteratur, Regionalia sowie Sachbüchern« positioniert beschrieben wird. Ansonsten ist viel die Rede von »mitreißenden Geschichten«, von »starken Geschichten«, von »hervorragenden Büchern«. Das Kerngeschäft, das den Verlag seit der Neugründung 2002 als Gmeiner-Verlag GmbH groß gemacht hat – die deutschsprachigen Regionalkrimis von Flensburg bis Graz –, verschwindet hinter Allgemeinplätzen.

Stattdessen dominiert ein anderes Thema die Kommunikation: Hörbücher. Saga Egmont ist kein klassischer Buchverlag, sondern ein dänischer Digitalverlag mit Schwerpunkt auf Audioformaten, Teil der Egmont-Gruppe. Das Münchner Schwesterunternehmen dotbooks verlegt E-Books. Thilde Pfeifer, Verlagsleiterin von Saga Egmont Deutschland, erklärt in der Mitteilung, man arbeite »bereits seit vielen Jahren mit dem Gmeiner-Verlag bei der Lizenzierung von Hörbuchrechten zusammen«. Künftig würden diese Rechte »innerhalb der Gruppe gebündelt, anstatt sie extern zu lizenzieren«.

Das scheint also die primäre Logik hinter dieser Übernahme zu sein. Ein Digitalverlag mit Hörbuch-Schwerpunkt sichert sich einen etablierten Lieferanten von Lizenzstoffen. Das scheint günstiger als der Einzelerwerb von Hörbuchrechten zu sein.

»Kontinuität« und andere Phrasen

Was das für das Programm bedeutet, bleibt offen. Armin Gmeiner, der Verleger und Gründer, bleibt laut Meldung als Geschäftsführer an Bord. Lasse Korsemann Horne von Saga Egmont verspricht, der Verlag werde »weiterhin das tun, was er bis heute so außergewöhnlich gut gemacht hat«. Solche Formulierungen kennt man aus Übernahme-Kommunikation. Sie sollen beruhigen. Ob sie das auch sollten, steht auf einem anderen Blatt.

Auffällig ist die Abspaltung der Sachbuchsparte: Sie firmiert künftig als »Gmeiner studio« und gehört Armin Gmeiner sowie mehrheitlich seinem Sohn Florian. Die Bildbände, Chroniken, Reiseführer und Spiele bleiben also in Familienhand. Was zurückbleibt bei Saga Egmont: die Belletristik. Also die Krimis, die in der Meldung nicht erwähnt werden.

Schon im September 2025 gab es einen Wechsel in der Programmleitung des Verlages. Claudia Senghaas, über zwei Jahrzehnte dabei, ging in den Ruhestand. René Stein übernahm. Bei Führungswechseln wenige Monate vor einer Verlagsübernahme ist anzunehmen, dass da bereits Weichen gestellt wurden.

160 Krimis pro Jahr – geht es so weiter?

Der Gmeiner-Verlag bringt laut eigener Aussage pro Jahr etwa 160 Neuerscheinungen im Krimi-Segment heraus – eine Zahl, die auch intern nicht unumstritten gewesen sein dürfte.

Viele kleine und mittlere Verlage haben in den vergangenen Jahren ihre Programme gestrafft, weil sich die schiere Masse bei gleichbleibenden Ressourcen nicht mehr sinnvoll betreuen lässt. Von den Papierpreisen wollen wir gar nicht erst sprechen. Ob Saga Egmont, dessen Geschäftsmodell auf Digitalisierung und Skalierung basiert, hier andere Maßstäbe anlegt oder einiges ins rein Digitale verlegt, wird sich zeigen.

Was in den Mitteilungen fehlt, ist jede konkrete Aussage zur Zukunft des Krimi-Programms. Kein Wort dazu, wie viele Titel künftig erscheinen sollen, ob der Regionalfokus bestehen bleibt, wie die Zusammenarbeit mit den Autorinnen und Autoren aussehen wird. Stattdessen allgemeine Versicherungen: »Kontinuität bei gleichzeitiger strategischer Weiterentwicklung«, so die offizielle Sprachregelung. Auch in einer E-Mail an die Autorinnen und Autoren wurde betont, dass sich für sie nichts ändern werde.

Digitalverlag mit Hörbuch-Schwerpunkt übernimmt Krimi-Traditionshaus

Armin Gmeiner spricht in der Meldung von einer »glücklichen und sehr stimmigen Fügung«.

Man habe einen Partner gefunden, »der die verlegerische Identität des Hauses respektiert«. Diese Phrase kann nicht unbedingt beruhigen. Auch in einem Interview mit dem Südkurier hält sich Gmeiner an diese Sprachregelung, spricht ebenfalls von »verlegerische Identität respektieren« und »Kontinuität«. Kein einziges Mal fällt auch hier das Wort »Krimi«.

Dass überhaupt ein Nachfolger gesucht wurde, ist nachvollziehbar. Der Gmeiner-Verlag war ein klassischer unabhängiger Inhaberverlag ohne nachwachsende Generation im operativen Geschäft – Sohn Florian kümmert sich um die Sachbuchsparte, nicht um die Belletristik. Besser einen Partner finden, der den Verlag fortführt, als irgendwann, wenn es gar nicht mehr geht, in verzweifelten Allianzen nach Lösungen zu suchen. Ein Digitalverlag mit Hörbuch-Schwerpunkt als Erwerber erscheint jedoch ist eine eigenwillige Wahl für ein Haus, das bislang betont,  dass seine DNA im gedruckten Regionalkrimi liege.

Vielleicht läuft das Programm tatsächlich weitgehend unverändert weiter, wie es die Pressemitteilung verspricht. Am Anfang auf jeden Fall, wie bei jeder Übernahme. Aber wenn in der Kommunikation einer Übernahme eines Krimi-Verlages das Wort »Krimi« fast vollständig verschwindet, darf man stutzig werden. Es wäre nicht das erste Mal, dass »Kontinuität« und »strategische Weiterentwicklung« am Ende bedeuten: erstmal abwarten und das mitnehmen, was sich rechnet.

Wolfgang Tischer

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