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Startseite Buchkritiken und Tipps Agota Kristof: Das große Heft – Lakonisch, grausam, herzlich

Agota Kristof: Das große Heft – Lakonisch, grausam, herzlich

Cover: Das große Heft

Zweiter Weltkrieg: Der Ehemann ist an der Front, und die Mutter der namenlosen Zwillinge erinnert sich an ihre eigene Mutter, die in der »Kleinen Stadt« wohnt. Dort will sie ihre Kinder vorübergehend unterbringen, weil es sicherer sei.

Die Großmutter ist alles andere als begeistert, sie wusste bislang überhaupt nicht, dass sie Großmutter ist. Sie lebt völlig isoliert in ärmlichsten Verhältnissen und wird von den Bewohnern als Hexe geächtet, denn man munkelt, sie habe vor Jahren ihren Ehemann vergiftet.

Auch die Großmutter hat in Agota Kristofs Roman »Das große Heft« keinen Namen: Die Zwillinge nennen sie »Großmutter«, die Leute nennen sie »Hexe«, sie nennt sie »Hundesöhne« und lässt die beiden Kinder arbeiten.

Die beiden lernen selbständig aus Wörterbüchern und Lexika, und sie schreiben Aufsätze. Die korrigieren sie wechselseitig. Wenn die was taugen, schreiben sie diese ab in das »große Heft«, andernfalls werden sie verbrannt und neu geschrieben.

»Das große Heft« ist also eigentlich das Werk von Kindern, die sich folgende Regel gegeben haben:

Der Aufsatz muss wahr sein. Wir müssen beschreiben, was ist, was wir sehen, was wir hören, was wir machen. Wir werden schreiben: »Wir essen viele Nüsse«, und nicht: »Wir lieben Nüsse«, denn das Wort »lieben« ist kein sicheres Wort […]. »Nüsse lieben« und »unsere Mutter lieben« kann nicht dasselbe bedeuten.

Wir erfahren nie, wer von den beiden spricht. Wenn nur einer etwas sagt, ist es Einer von uns bzw. Der andere. Sprechen sie mit anderen, dann fangen die Sätze meist mit »Wir« an … Es gibt die beiden nicht einzeln.

Es ist diese Kargheit, die den Roman auszeichnet. Gefühle gibt es nicht. Wünsche auch nicht. Die beiden handeln absolut pragmatisch: Sie werden beschimpft, weil sie fremd sind? Also beschimpfen sie sich gegenseitig so lange, bis die Wörter ihre Bedeutung verloren haben. Sie werden verprügelt? Die beiden prügeln einander, bis sie die Schläge nicht mehr spüren.

Sie entwickeln eine Menge sogenannter Übungen, um ihr Überleben zu gewährleisten. Moral oder gar Ethik spielen keine Rolle. Jemand wünscht zu sterben? Jemand braucht was zu essen? Wird erledigt!

Nach den meist nur 2-seitigen Kapiteln musste ich häufig eine Pause einlegen.

Angemerkt sei noch, dass es zwei Fortsetzungen dieses Romans gibt: »Der Beweis« und »Die dritte Lüge«. Aber schon im Folgeband »Der Beweis« fehlt die Dichte des ersten – ich habe ihn nach einem Drittel enttäuscht beiseite gelegt. In den dritten mag ich deswegen gar nicht mehr hineinschauen …

Zudem existiert auch eine hoch gepriesene Verfilmung– aber die kommt nicht mal ansatzweise an die Wirkung des Romans heran: Wie will man auch einen Film aus der Sicht von heranwachsenden Zweitklässlern machen, wenn diese im Film von außen gezeigt werden? Und die Wischblenden über die von den Kindern bunt ausgemalten Seiten des großen Heftes sind eine entsetzlich kitschige Zugabe, denn im Roman kommen nur Bleistifte vor.

Malte Bremer

Kristof, Agota; Moldenhauer, Eva (Übersetzer): Das große Heft: Roman. Gebundene Ausgabe. 2009. Piper Taschenbuch. ISBN/EAN: 9783492253826
Kristof, Agota; Moldenhauer, Eva (Übersetzer): Das grosse Heft: Roman (Piper Taschenbuch). Taschenbuch. 1991. Piper. ISBN/EAN: 9783492107792
Kristof, Agota; Moldenhauer, Eva (Übersetzer): Das große Heft: Roman. Taschenbuch. 2013. Piper Taschenbuch. ISBN/EAN: 9783492304337. 10,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel

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