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Eisbär

Wenn der Eisbär Helikopter fliegt
Eine Reise zu den Eisbären an der kanadischen Hudson Bay

Text und Fotos von Birgit-Cathrin Duval

»Churchill - entweder man liebt es oder man hasst es«, erzählt meine Sitznachbarin Denise, eine zierliche Frau mittleren Alters, mit Nasenstecker und Ohrringen. Ihr moderner Kurzhaarschnitt und das strähnig gefärbte Haar passen gar nicht so recht in das Bild, das man mit Leuten aus dem rauen Norden assoziiert.

Churchill, ein kleiner Ort, hoch im Norden Kanadas an der Hudson Bay gelegen. Weit entfernt von Manitobas Provinzhauptstadt Winnipeg. So weit, dass nicht einmal eine Straße nach Churchill führt. Wer in die abgeschiedene Siedlung möchte, dem bleibt die Wahl zwischen Schiene oder Luft. 1600 Kilometer. Zweieinhalb Tage mit dem Zug, oder zweieinhalb Stunden mit einem kleinen Propellerflugzeug, in dem ich jetzt neben Denise sitze.
Bär unter Buggy     Je mehr wir uns Churchill an diesem Morgen nähern, desto mehr Wolken ziehen auf. Typisch für den Herbst. Dann nämlich ziehen dichte Nebelbänke von der Hudson Bay landeinwärts.
     Dann beginnt es in der 800 Einwohner zählenden kleinen Siedlung eng zu werden. Hier tobt der Bär - und das ist sprichwörtlich zu nehmen. Aus aller Welt strömen Besucher nach Churchill. Die 130 Betten in den sechs Hotels und Bed&Breakfast sind bereits seit Monaten ausgebucht.
     Wer jetzt kommt, hat nur ein Ziel: die Eisbären zu sehen. Jedes Jahr ab Mitte Oktober versammeln sich rund um Churchill Hunderte von Eisbären, um das Zufrieren der Hudson Bay abzuwarten. Nicht umsonst betitelt sich Churchill stolz als »Polar Bear Capital of the World«, als Eisbärenhauptstadt. Alle sind voll fiebriger Erwartung. Es ist Jagdsaison: Touristen wollen tolle Fotos schießen von den Eisbären, die jetzt mit einem sprichwörtlichen Bärenhunger um Churchill herumlungern. Den Sommer über verbrachten die größten Landraubtiere der Erde in der Tundra, wo ihre bis zu elf Zentimeter dicke Fettschicht zusammenschrumpfte. Die gilt es jetzt wieder anzufuttern. Während der Sommermonate bekamen sie höchstens ein paar Beeren zwischen die Zähne. Jetzt kommen alle Eisbären zur Hudson Bay, um auf den Eisschollen nach Robben, ihrem Hauptnahrungsmittel, zu jagen.
     Eisbären verfügen über ein ausgesprochen sensibles Geruchssystem. Robben können sie auf eine Entfernung von über 20 Kilometer riechen. Wen wundert’s da, dass die intensiven Ausdünstungen von Churchills Müllkippe Bären anzieht wie eine Straßenlaterne Motten. Und nicht selten marschiert einer der bis zu 600 Kilogramm schweren und bis zu zweieinhalb Meter großen »Ursus Maritimus« durch die Straßen Churchills. Sogar bis auf Denises Veranda, wie sie mir erzählt.

Die Einwohner haben gelernt, mit den Eisbären zu leben. In jedem Auto steckt der Zündschlüssel, die Haustüren bleiben unverschlossen, erzählt Denise weiter. Damit man sich im Falle eines Falles in ein Haus oder Auto retten und wegfahren kann. »In all den zwölf Jahren ist mir das sechsmal passiert, dass morgens mein Auto weg war«. Angst vor einem Autodiebstahl hat hier, wo eh jeder jeden kennt, keiner. Wozu auch. Aus Churchill kommt kein Auto heraus - es sei denn mit dem Zug. Aber der kommt auch nur dreimal in der Woche. Der Autotransport übersteigt mit 700 Dollars auch oft den Wert desselben. Kein Wunder also, dass in und um Churchill so viele Autowracks lagern.
     Denise liebt die Siedlung, die Kälte, die im Winter das Thermometer bis auf unter minus 40 Grad treibt, die Einsamkeit. Lebte fünf Jahre sogar in den Flats, einer Barackensiedlung außerhalb der Stadt, ohne fließend Wasser und sanitäre Anlagen. Früher arbeitete sie als Buschpilotin hoch im Norden und beförderte Jäger und Fischer zu entlegenen Hütten. Heute karrt sie als Tourguide Touristen mit einem alten Schulbus durch ihre Stadt und kann stundenlang von ihrem Churchill und den Menschen hier erzählen. Ihre Augen blitzen, aus ihrer Stimme sprüht Begeisterung. Es muss wirklich ein Geheimnis sein, das diesem Ort anhaftet. Eines, das man als durchreisender Tourist nicht erfasst.

Landeanflug auf Churchill. Es schneit. Eine Landschaft, so einsam wie auf dem Mond. Denise weist mich an, aus dem Fenster zu sehen - man könnte vielleicht einen Eisbären entdecken. »Jaja, denke ich«, schaue aber trotzdem angestrengt aus dem Fenster. Das gibst doch nicht, ist mein nächster Gedanke, als ich kurz darauf tatsächlich einen der weißen Riesen entdecke und mit meiner Beobachtung für Aufregung unter den schlaftrunkenen Passagieren sorge.

Ankunft in Churchill. Der Wind bläst um die Ohren als wir zum Flughafengebäude marschieren. Es ist, gemessen an mitteleuropäischen Verhältnissen, saukalt.
     Das kleine Städtchen inmitten der Tundra besitzt einen ruppigen Charme. Ein paar Containerhäuser, eine handvoll Kneipen, Shops und Souvenirläden. Nicht schön, dafür ist alles einfach, schlicht, funktionell. 5-Sterne Komfort ist hier ebenso deplatziert wie Minirock und Pumps.

Die Geschichte des Städtchens reicht zurück bis 1700 vor Christus. Die ersten Europäer erreichten um 1620 die Hudson Bay. Jens Munk, ein dänischer Seefahrer leitete die erste Expedition, um eine Nordwest Passage in den reichen Orient zu finden. Gefunden hat er sie nicht, dafür schlug sich die Mannschaft dort durch den harten Winter, wo sich heute die Siedlung befindet. Richtigen Aufschwung erlebte das 1689 als Außenposten der Hudson Bay Company gegründete Churchill mit Pelzhandel. Die Wirtschaft florierte zu Beginn der 30-iger Jahre mit dem Bau der Eisenbahnlinie und dem Hafen, von dem aus Weizen mit Containerschiffen nach Europa transportiert wurde.

Heute lebt Churchill hauptsächlich vom Tourismus. 10.000 kommen jeden Herbst hierher, um bei der größten Eisbärensafari mit dabei zu sein. Die Deutschen unter ihnen sind schnell ausgemacht: man erkennt sie an den leuchtenden Outdoor-Jacken, funktionellen Rucksäcken und Gore-Tex-Stiefeln. Keine andere Volksgruppe ist so gut für das arktische Abenteuer gerüstet. Japaner, sonst vorherrschende Gruppen auf sämtlichen Kontinenten, sind selten. Die kommen hier fast nur alleine her, weil sie sich hier endlich einmal als Individualtouristen fühlen, erfahre ich später von einem Einheimischen.

Bär am Buggy
Bär am Buggy

Früh morgens klappern Busfahrer alle Hotels ab und bringen die Polar Bear Watchers zu den Tundra Buggys. Mit den großen gepanzerten Fahrzeugen auf überdimensionalen Reifen geht es in den größten arktischen Drive-Inn-Zoo. Ausgestattet mit Toilette und Heizung, Bordverpflegung inklusive. Wer will, kann sich auch für ein paar Nächte in der Tundra Buggy Lodge, einer Art Wagenhotel, einmieten und dort sogar nachts mittels Scheinwerfern die Tiere beobachten.
     Wie amphibische Käfer kriechen die Fahrzeuge vorwärts. Über Eis, Felsbrocken und durch tiefe seenartige Pfützen - zum Entsetzen eines jeden naturbewussten Reisenden. Everett Olsen, Tundra Buggy Fahrer und Mitarbeiter bei Parks Canada beschwichtigt uns: die Buggys dürfen nur auf den ehemaligen, vom Militär genutzten Wegen fahren. Am allerwenigsten scheinen die Eisbären von den monströsen Fahrzeugen beeindruckt. Im Gegenteil - sie haben ihren Spaß, um die Fahrzeuge zu tappen und sich dann hin und wieder - zur Freude aller Eisbärenbeobachter - aufzurichten, um neugierig in die Kameras zu stieren. Wenn man dann nur noch ein nebliges Weiß im Sucher seiner Kamera sieht, dann ist der Bär verdammt nah dran. Viel zu nah für ein Teleobjektiv. Man blickt in ein drolliges Hundegesicht mit sanften braunen Augen. »Ach ist der aber süüüß«. Ja, putzig sind sie, aber wehe dem, der ihnen in die Hände fällt.

Abends beim Bier in einer der Kneipen kann man sich von den Einheimischen Bärenlatain aufbinden lassen. Trotz der vielen Bären ist es erstaunlicherweise zu wenigen Todesfällen gekommen. Zuletzt 1982 als ein alter Mann nachts in einem abgebrannten Hotel noch ein paar Hamburger im Kühlschrank fand und damit buchstäblich zum gefundenen Fressen für den Eisbär wurde, erzählt Mike Reimer, der damals den Eisbär erschoss.

Ab Mitte Oktober gilt in der Stadt eine Art Ausnahmezustand. Kinder werden mit dem Bus zur Schule gefahren, Polizei und Park Ranger sind unentwegt auf Patrouille. Grüne Schilder mit der Aufschrift »Polar Bear Alert« warnen vor möglichen Gefahrenzonen, wo sich Eisbären aufhalten könnten. Ist einer gesichtet, wird unverzüglich 675-2327 gewählt - die Eisbärennotrufnummer. Eisbären auf der Müllkippe oder in der Nähe der Stadt stellen eine potenzielle Gefahr dar. Sie sind hungrig und auf der Suche nach Fressbarem unberechenbar.
     Eisbären, die sich allzu häufig in Stadtnähe wagen, werden betäubt und in den Polar Bear Compound, ins Eisbärengefängnis gebracht. Bis zu 40 Tiere fassen die Wellblechbaracken in der Nähe des Flughafens. Sobald die Hudson Bay zufriert, fliegt man die Eisbären per Helikopter wieder aufs Eis.
     »Genauso wie es im Reiseführer beschrieben ist«, ruft entzückt ein Tourist aus, als über ihm ein Helikopter mit Bärenfracht im darunter hängenden Netz hinwegfliegt.

Doch noch ist die Bay nicht zugefroren und die Bären werden immer unruhiger - und hungriger. Touristische Helikopterflüge werden knapp - denn die Piloten müssen vorrangig pelzige Fracht befördern.
     Es ist bereits Mitte Oktober und mit knapp unter null Grad viel zu warm für diese Jahreszeit. Nicht nur die Einwohner Churchills sind besorgt. Wissenschaftler, die die rund 1.200 Eisbären an der Hudson Bay beobachten, stellten fest, dass sie mager geworden sind. Zwischen 80 bis 90 Kilogramm sind die Bären leichter als sie es noch vor 15 Jahren waren. Eine Folge des globalen Klimawechsels. Die Zeitabschnitte in denen die Bay im Herbst zufriert und im nächsten Frühjahr wieder schmilzt, werden immer kürzer. Den Bären bleibt weniger Zeit, sich auf dem Eis genügend Nahrung zu verschaffen. Wie sehr das Wetter auf die Bären einwirkt, zeigt der Ausbruch des Vulkans Pinatubo 1991 auf den Philippinen. Staub und Aschepartikel in der Atmosphäre sorgten für eine Abkühlung. Im kommenden Jahr schmolz das Eis einen Monat später und die Eisbären waren größer, schwerer und bekamen mehr Nachwuchs.
     Die globale Erwärmung hat drastische Konsequenzen für die Tundra Nordkanadas. Nicht nur für die Eisbären in Churchill. Auch für die Karibus, Beluga-Wale, Robben und den 200 verschiedenen Vogelarten. Und nicht zuletzt für die Einwohner, die hauptsächlich von dieser einzigartigen Flora und Fauna leben.

Birgit-Cathrin Duval

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