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Beitrag vom 1. September 2014 | Rubrik: Literarisches Leben

Geheimtipp Louisiana – Literatur in Europas schönstem Kunstmuseum

Panorama-Raum im Südflügel (Foto: Louisiana Museum of Modern Art)

Panorama-Raum im Südflügel (Foto: Louisiana Museum of Modern Art)

Ein langatmiger* und gar nicht langweiliger Bericht von Barbara Fellgiebel über das 5. Literaturfestival im berühmten dänischen Kunstmuseum Louisiana – zum Genießen und Nach-Erleben

(*wer sich heute noch einen langen Atem gönnt, ist privilegiert!)

Geheimtipp Louisiana? Was soll an dem schönsten Kunstmuseum Nordeuropas ein Geheimtipp sein, mögen sich manche fragen.

Das Literaturfestival!

Zum 5. Mal fand es in diesem Jahr statt, und zwar vom 21. bis 24. August 2014. Über 40 Autoren und Autorinnen (17 internationale, 27 dänische) gaben sich nach bewährtem Saunaprinzip ein Stelldichein in der atemberaubenden Kulisse von Louisiana. Das Saunaprinzip hat der Louisiana-Schöpfer Knud W. Jensen für die Kunst geschaffen. Christian Lund, seines Zeichens Louisiana Literature Direktor, hat es erfolgreich für die Literatur übernommen: Man kombiniert sehr heiß und sehr kalt, das heißt, man lockt Besucher mit sehr angesagten Künstlern und konfrontiert sie mit ein paar sehr guten Nonames. So fand man unter den sehr heißen Namen in diesem Jahr Herta Müller, Daniel Kehlmann, Joyce Carol Oates, Margaret Atwood, Michael Ondaatje, Lydia Davis, Péter Esterházy, Sjón sowie den Ägypter Alaa Al-Aswany, dessen Debutroman »Der Jakubijân-Bau« (2012 auf Deutsch erschienen) über eine Million Mal verkauft wurde. Unter den 27 dänischen Autoren dürfte Helle Helle die international bekannteste gewesen sein.

Warum gerade diese Top-Repräsentanten der internationalen Literatur? Was ist ihr gemeinsamer Nenner? Nun: Entweder sind sie Nobelpreisträgerin, oder eines ihrer Bücher erscheint gerade rechtzeitig zum Festival in dänischer Übersetzung.

Im Museumsgarten (Foto: Barbara Fellgiebel)

Im Museumsgarten (Foto: Barbara Fellgiebel)

Christian Lund ist in der glücklichen Lage, ein Budget von einer Million dänischen Kronen (ca. 134.000 Euro) für das Festival zu haben und braucht keinerlei Überredungskünste: Alle Autoren und Autorinnen kommen liebend gern nach Louisiana. Die einzigartige Kombination von traumhafter Natur, hochkarätiger Kunst sowie erstklassigen Literaten lockt unwiderstehlich. Alle wohnen im selben Hotel in Rungsted, wodurch sich gute Gelegenheiten zu individuellen Gesprächen unter geschätzten Kollegen ergeben.

Ein weiteres Prinzip, das der 44jährige Christian Lund seit fünf Jahren erfolgreich benutzt, ist der gekonnte Generationenmix:

»Welcher Autor interessiert meine Mama, welcher meine Freunde und welcher 20-Jährige?« fragt er sich jedes Jahr. Das Ergebnis ermöglicht Autorenauftritte auf vier Bühnen gleichzeitig. Zwischendurch gibt es Musik zum Gehirnreinigen, gern Livemusik, die mit Literatur zu tun hat, wobei sehr genau darauf geachtet wird, dass keine Musikstars eingeladen werden, damit die Literatur den Stellenwert behält, den Louisiana ihr während des Festivals einräumt. Sie ist die Nummer eins.

Auf www.louisiana.dk finden Sie Detailinformationen und Videoclips zur Einstimmung auf DAS Literaturereignis im Skandinaviensommer.

Natürlich gibt es auch eine stetig wachsende Facebook-Gemeinde.

So schrieb ich vor dem Festival. Und danach? Wie schade, dass es schon vorbei ist, wie wundervoll, dass ich live dabei sein konnte! Mögen mir die vielen kleinen Sternschnuppenerlebnisse noch möglichst lange in Erinnerung bleiben.

Wer noch nie in Louisiana war und vielleicht kurz vor einer Autorenveranstaltung eintrifft, verpasst diese: denn Parkplätze sind Mangelware, und kommt man per Zug, pilgert man länger, als vielleicht erwartet, nur um dann mindestens eine halbe Stunde in der Schlange an der Kasse dem ersehnten Einlass entgegen zu harren. Gut Ding will Weile haben! Hier mehr als andernorts. Kein Wunder: Registrierte das freundliche, geduldige Louisianapersonal im vergangenen Jahr noch 10.000 Besucher an den vier Festivaltagen, so waren es in diesem Jahr 16.000.

Hat man sich schließlich in die heiligen Hallen, sprich das eigentliche Museum durchgeschoben, wird man augenblicklich entschädigt. So viel Schönheit ist atemberaubend. Die Kombination aus 100jähriger Villa direkt am Meer, gepflegtem Park mit uraltem, ungewöhnlichen Pflanzenbestand, mit modernsten An- und Umbauten, macht Kunst und Natur zu einem Ganzheitserlebnis, das schlichtweg überwältigend ist: Da steht eine imposante Jean-Arp-Skulptur unmittelbar vor einer etwa 20 Meter hohen, im August blühenden Magnolie; da passiert man mal eben einen Henry Moore, weiß im Giacometti-Raum nicht, was sehenswerter ist: die eigentlichen Giacomettis oder die dahinter liegende riesige Fensterwand, hinter der sich der Garten Eden auszubreiten scheint. Und jetzt habe ich die aktuellen Ausstellungen, die Emil Nolde und Olafur Eliasson gewidmet sind, noch gar nicht erwähnt.

Giacometti-Raum (Foto: Barbara Fellgiebel)

Giacometti-Raum (Foto: Barbara Fellgiebel)

Aber ich bin ja gar nicht wegen der Kunst hier, sondern wegen des Literaturfestivals, komme wegen der oben erwähnten Einlass-Schwierigkeiten zu spät zu Margaret Atwood und Sjón und bin begeistert, dass alle im viel zu kleinen Konzertsaal stattfindenden Autorengespräche per live-Mitschnitt auf eine Leinwand projiziert werden und so im offenen Zelt im Park genossen werden können. Donnernde Lachsalven beschließen dieses gelungene Gespräch, in dem Island auf Kanada traf und Sjón zum Abschluss zwei isländische Fuchslieder zum Besten gibt, gefolgt von Margaret Atwoods inoffizieller Nationalhymne Kanadas.

Belustigt verlassen Hunderte von Menschen diese Veranstaltung, um wieder neue Schlangen zu bilden: sei es vor der Damentoilette, zum Essengrabschen oder zum erneuten Einlass in den Konzertsaal, um eine Stunde später Joyce Carol Oates lauschen zu dürfen. Dieses Wunder an hoch qualitativer Literaturproduktivität wird von Lena Andersson interviewt, d. h. USA trifft auf Schweden.

Ich erspare mir das Gedränge und begebe mich zur Außenübertragung in den herrlichen Park, schnappe mir einen Klappstuhl und betreibe meine Milieustudien. Obwohl das Wetter aprilartig durchwachsen ist und mit kurzen, intensiven Regengüssen nicht geizt, ist das Interesse und die Begeisterung der Besucher ungebrochen. Keiner meckert, keiner klagt, alle zeigen dieses verklärte Lächeln, dieses ehrfürchtige Staunen. Und ich komme zu dem Schluss: Eine so gelungene Kombination von Kultur und Natur beglückt, bereichert und stimmt friedlich. Erstaunlich viele Besucher sind 20- bis 40-jährige Eltern mit Kleinkindern, was weder für sie noch für die sonst leicht ungehalten reagierenden Vertreter der Hochkultur ein Problem ist und dem Superspektakel einen angenehmen Jeder-ist-willkommen,- niemand-ist-zu-jung-für-Kultur-Anstrich verleiht. Breughel auf Dänisch!

Im Museumsgarten (Foto: Barbara Fellgiebel)

Im Museumsgarten (Foto: Barbara Fellgiebel)

Wie wäre es mit einem Kulturexport in die Krisengebiete dieser Welt?! Kultur statt Waffen, geht es mir durch den Kopf.

Doch zurück zu Joyce Carol Oates und Lena Andersson. Letztere ist die mit dem Augustpreis (deutscher Buchpreis auf Schwedisch) gekrönte Autorin, die mit ihrem Bestseller »Eigenmächtiges Verfahren« (noch nicht auf Deutsch erschienen!) einen ganz wunden Punkt bei Tausenden schwedischer Leser, insbesondere Leserinnen getroffen hat. Sie wirkt gehemmt, viereckig und unbequem in ihrer Haut. Sie scheint erleichtert, dass die erfahrene Joyce Carol Oates die Gelegenheit ergreift und fast jede ihrer holprigen Fragen mit einer eloquenten Mini-Literaturvorlesung beantwortet. Die Literaturprofessorin kann stundenlang über die verschiedensten Autoren referieren: Kafka, Faulkner, D. H. Lawrence, Hemingway, Thomas Mann und viele mehr. Und zwischendurch sagt sie so kluge Sätze wie:

»Literatur ist eine Art von Sympathiebekundung.«
»Die meisten Schriftsteller sind in ihrer Kultur verwurzelt.«
»Man muss eine Vision haben, um ein Stück Literatur produzieren zu können.«

Nach einer bisweilen ziemlich schleppenden Stunde ist das Gespräch beendet, und eine Schwedin in der Essensschlange hinter mir macht ihrer Enttäuschung lautstark Luft:

»Wie kann Lena Andersson nur so profane Fragen stellen? In so erbärmlichem Englisch und auf einem Regenbogenpresse-Klatschniveau verharren? Das hätte ich bedeutend besser gemacht.«

(Foto: Barbara Fellgiebel)

Peter Esterhazy, Daniel Kehlmann und Moderator Marc-Christoph Wagner (v l. n. r. / Foto: Barbara Fellgiebel)

Eine Stunde später geht es weiter mit Peter Esterhazy und Daniel Kehlmann, die von dem perfekt zweisprachigen Moderator Marc-Christoph Wagner interviewt werden. Dieser hat sich bis zu den Zähnen vorbereitet und gedenkt, nichts dem Zufall zu überlassen. Esterhazy sieht aus wie seine eigene Großmutter, stellt meine Nachbarin fest und staunt, dass der inzwischen 39-jährige Daniel Kehlmann noch immer wie ein großer Junge wirkt. Esterhazy fühlt sich bemüßigt, detailliert seine Mathematikkenntnisse zu erläutern, und langweilt damit nicht nur den Moderator. Doch schließlich gelingt es diesem, seine Gesprächspartner zum eigentlichen Thema zurückzuführen, und Kehlmann überrascht mit ständiger Präsenz, Kommentaren und intelligenten Fragen an seinen väterlichen Freund Esterhazy. Gegen Ende verlässt Wagner die Brillanz, er wird merkbar unsicher und kann keinen Satz ohne mindestens ein »sozusagen« formulieren. Das nervt.

Sonntag:

Diesmal komme ich bedeutend früher und finde einen sehr viel näher gelegenen Parkplatz.

So widme ich mich zunächst der Kunst, wandere staunend auf der Flussbett-Installation des dänisch-isländischen Künstlers Olafur Eliasson, die mich buchstäblich über Stock und Stein in den gläsernen Eckraum am südlichsten Ende Louisianas führt. Dort warten bequeme Sofas und die spektakuläre Aussicht auf den Öresund – dieses schmale Stück Ostsee zwischen Dänemark und Schweden – sowie die unglaubliche Bibliographie dieses vielseitigen Künstlers, der in Kopenhagen und Berlin riesige Studios mit imponierend vielen Mitarbeitern betreibt.

Flussbett-Installation des dänisch-isländischen Künstlers Olafur Eliasson (Foto: Barbara Fellgiebel)

Flussbett-Installation des dänisch-isländischen Künstlers Olafur Eliasson (Foto: Barbara Fellgiebel)

Am anderen Ende der geschickt ausgebauten Gründerzeitvilla ist die Emil-Nolde-Ausstellung zu sehen, die im Frühjahr im Frankfurter Städelmuseum beeindruckt hat.

Für den amerikanischen Künstler Philip Guston reicht meine Zeit nicht, im Konzertsaal tritt jetzt Hanne-Vibeke Holst mit Nielsen auf. Hanne-Vibeke ist die vielseitige Autorin, die vor knapp 15 Jahren mit ihrer inzwischen verfilmten Politik-Trilogie die Literaturszene bewegte. Nun ist sie skandinavienaktuell mit »Knut dem Großen«, einer Romanbiografie über ihren Vater, den sie verlor, als sie 14 war.

Nielsen ist ein bisexueller Performancekünstler, der irgendwie an David Bowie erinnert, aber weder dessen androgyne Schönheit noch sein Musiktalent besitzt.

Weiter zur Parkbühne, wo Teju Cole kluge Sachen von sich gibt: »Ich möchte meine Leser in einen Raum bringen, wo etwas mit ihnen geschieht – egal ob das Poesie, Roman oder was auch immer ist.«

Die Frage, ob sie lesen, während sie an einem Buch arbeiten, beantworten Teju Cole so: »Manche Autoren lese ich dann, um ihren Rhythmus zu hören«. Und Michael Ondaatje: »Ich lese am liebsten ›schlechte‹ Autoren«. Sodann ein Freudscher Versprecher, der mich amüsiert: »Letztes Jahr las ich ein Buch von Naipaul. Das war das merkwürdigste Buch, das ich je geschrieben habe.«

Ein wunderbarer Übergang zu der Frage: Klaut man bei Kollegen, oder lässt man sich beeinflussen?

Man sehe und staune: Ich finde tatsächlich Einlass in den Konzertsaal, der bisher bei jeder Veranstaltung zum Überlaufen voll war. Liegt es an Lena Anderssons missglücktem Auftritt vom Vortag? Heute ist sie jedenfalls als Autorin auf Schwedisch dran und nicht als Moderatorin auf Englisch und bedeutend sicherer in ihrer gesamten Körpersprache. Sie trifft auf die norwegische Feministin Herbjörg Wassmo und wird von der Dänin Anette Dina Sörensen moderiert – eine Konstellation, in der mir das skandinavische Herz aufgeht: Jede der drei Frauen spricht ihre Muttersprache, und alle inklusive dem Publikum, das nur jeweils eine der Sprachen beherrscht, verstehen einander. Großartig.

Lena beschreibt, worum es in ihrem Buch geht: um Passion und Liebe, dieses fantastische, furchtbar banale Thema, wo die eine liebt und der andere nur Sex will. Sie drückt das eleganter aus: der andere nur passioniert ist.

Und dann analysiert sie die Anatomie der Besessenheit und sagt Dinge wie:
»Es ist sehr brutal, nicht nein zu sagen.«
»Man ist nicht besessen, man wird besessen gemacht.«

Herbjörg beschreibt ihr jüngstes Buch »These Moments«, das von einer Nichtperson im Alter von 15 bis 40 handelt.

Jetzt fehlt Suzanne Brögger in der tiefgehenden Diskussion zwischen Liebe und Passion. Und dann sagt Herbjorg diesen herrlichen Satz:
»Ich habe großen Respekt vor meinen Lesern, mehr als vor meinen Kritikern.«
Sie hasst Lobhudelei, findet Lob uninteressant und geniert sich, wenn ihr nach dem Mund geredet wird. »Ich will doch etwas lernen aus einer Kritik!« sagt sie empört.

Und dann liest sie aus ihrem weitgehend autobiografischen Buch:
»Woher nimmt man sein Selbstvertrauen? Die Ewigkeit liegt im Augenblick. Vergiss nicht den Augenblick. Denke. Lebe. Schreibe. Welcher Mann würde etwas so Kluges sagen? Keiner, den sie kennt.«

James McBride (rechts / Foto: Barbara Fellgiebel)

James McBride (rechts / Foto: Barbara Fellgiebel)

Gleichzeit tritt James McBride auf der Parkbühne auf. Er erzählt von seiner Multikulti-Herkunft: Polnisch-jüdische Mutter, afrikanischer Vater, eine starke Kombi nicht nur in den USA. Nachdem er seine jüngst auf Dänisch erschienene Biografie über den charismatischen John Brown vorgestellt hat, beendet er seinen unterhaltsamen Auftritt, indem er das Publikum »John Brown« singen lässt und dazu Saxophon spielt. Gelungen.

Krönender Abschluss: Herta Müller live. Sie ist der einzige Gast, der nicht eingeladen wurde, weil gerade eines ihrer Bücher auf Dänisch erschienen ist. Einmal Literaturnobelpreisträger, immer interessant – egal, ob der/die Betreffende danach auch nur ein Wort veröffentlicht. Selbst Hanne-Vibeke Holst befindet sich im dicht gedrängten, an die 1.000 Personen umfassenden Publikum. Niels Barfoed, langjähriger Freund Hertas, interviewt. Er erzählt, dass sie bereits sechs Monate nach ihrer komplizierten Ausreise aus Rumänien nach Dänemark kam. Er spricht von den »Schweben im Banat«, meint die Schwaben, und Herta freut sich wie ein kleines Kind über den gelungenen Versprecher. Er scheint sie zu beflügeln, lässt sie schweben, zurück in ihre Kindheit, die sie als Kuhhirtin in der Einsamkeit von endlosen Maisfeldern verbrachte, einer Landschaft, »die sie in Frage gestellt hat«. Das atemlos lauschende Publikum erfährt, dass Nagellack der ultimative Luxus für sie war und Mais die sozialistische Pflanze schlechthin ist.

»In einer Diktatur schweigt man, oder man sagt das Gegenteil. Wer die Wahrheit sagt, sitzt im Gefängnis.«

Ach Herta, dich könnten wir momentan bei schwedischen Wahlkampfveranstaltungen gebrauchen!

Herta Müller (Foto: Barbara Fellgiebel)

Herta Müller (Foto: Barbara Fellgiebel)

Und unversehens hält sie eine flammende Rede gegen Putin:
»Was dieser Mann den Ukrainern antut, ist unsäglich, nur weil er nicht begreifen will, dass es die Sowjetunion nicht mehr gibt. Wenn er sich darauf konzentriert, in diesem riesigen Land Infrastruktur zu schaffen und den Leuten Zähne und Schuhe gibt, hat er genug zu tun!«

Der Applaus ist tosend und will nicht enden. Und dann fährt sie fort. Auf Herta-Müllerisch:
»Das Ding und das Wort hängen nicht zusammen. Sprache gibt es nicht, das ist erfundene Wahrnehmung. Ich bin so einfach. Sprache ist, was gelebt wird, was passiert ist. Das Erlebte hat mit dem Schreiben nichts zu tun. Es will nicht aufgeschrieben werden. Schreiben ist eine Art von Schweigen. Aus dem Nicht-Möglichen das Bestmögliche machen. Ich habe im Erleben nichts wahrgenommen. So klug war ich damals nicht. Das ist alles im Nachhinein konstruiert. Erfundene Wahrheit. Der Sog, sich dem Text auszusetzen, Angst + Bedürfnis + Lust treffen aufeinander.«
»Wenn man am wenigsten weiß, redet man am längsten!« summiert sie ihren umfangreichen Monolog.

Und dann erläutert sie, was sie umtreibt:
»Wodurch gehört man eigentlich zusammen?«
»Wie viele Kilo Haare hätten wir, wenn wir sie nie abschneiden würden?«

Das ist der Auslöser für Niels und das Haar: Und so erzählt Herta, wie sie mehrfach wöchentlich vernommen wurde, immer wieder vor denselben Verhörleiter zitiert wurde und sich hartnäckig weigerte, Spionin zu werden. Bei einer Gelegenheit näherte er sich ihr, sie erwartete, mal wieder geschlagen oder an den Haaren gezogen zu werden, als er ein Haar von ihrer Schulter entfernte und angewidert zwischen Daumen und Zeigefinger hielt.
»Bitte legen Sie das Haar zurück, es gehört mir!«, sagte Herta zu ihm.
Und – er tat es. Er war so konsterniert, dass er es tatsächlich tat, daraufhin zum Fenster ging und mit dem Rücken zu ihr lauthals lachte.

Ob sie sich mit ihren Peinigern versöhnen könnte?
»Man versöhnt sich doch nicht mit einer Katastrophe!«
Und: »Verleumdung ist das Schlimmste«.
Sie muss es wissen!

Ich schließe mich den Worten Niels Barfoeds an:
»Herta Müller, es war eine Bereicherung und eine Freude, Ihnen lauschen zu dürfen.«

Farvelogtak Louisiana!

Barbara Fellgiebel

­­­­­­­­­­­­­­­­­­­Barbara Fellgiebel ist passionierte Buchmessen- und Literaturfestivalberichterstatterin und lebt in Schweden. Aktuelle Informationen über den von ihr gegründeten »südwestlichsten deutschsprachigen Literatursalon« in Portugal finden Sie unter www.alfacultura.com. Erreichbar ist Barbara Fellgiebel unter alfacult(at)gmail(dot)com

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