Nachgefragt: Was bedeutet der Begriff »fremdschämen«?
Das Wort »fremdschämen« steht nicht im DUDEN und ist auch nicht (Un-)Wort des Jahres geworden. Dennoch hört man es derzeit recht häufig. Für Peter Turi ist es »grässliches Motzblogger-Deutsch«. Dabei verwenden das Wort auch nicht-bloggende Menschen. Nachtrag: Wie in den Kommentaren völlig richtig zu lesen ist, hat der DUDEN den Begriff »fremdschämen« mittlerweile in der 25. Auflage in den Wortschatz aufgenommen.
Was aber bedeutete fremdschämen genau? Wo ist der Unterschied zu »sich für jemanden schämen« oder »Mitleid empfinden«? Wir wollten es genau wissen und haben eine Fachfrau gefragt, die studierte Kommunikationswissenschaftlerin Nadia Zaboura (Foto). Zabouras Buch »Das empathische Gehirn« ist gerade erschienen. Darin geht es um Gründe und Ursachen für das »Mitfühlen«. Hier ihre Definition des Begriffs »fremdschämen«:
Hinter dem Phänomen »fremdschämen« steht ein Einfühlungsprozess, in dem eine Person A sich an Stelle einer anderen Person B schämt. Person B ist sich der schämenswerten Situation nicht bewusst, Person A aber durchaus. Aus dieser peinlichen Berührtheit für die Situation, in der Person B sich unwissend befindet, schämt sich Person A also stellvertretend für diese.
Hierbei soll der Akt des Fremdschämens nicht als eine altruistische Leistung angesehen werden. Stattdessen fühlt sich Person A eher unfreiwillig beschämt, da solche Situationen meist aus dem sozialen Rahmen fallen und erst dadurch die Fremdscham ausgelöst wird.
Ein Beispiel: Einem Staatsmann ist das Toupet deutlich sichtbar verrutscht, während er gestikulierend eine Rede hält. Den Personen aus dem Publikum, denen dieser Sachverhalt auffällt, wird diese peinliche Situation bewusst, sie schämen sich für den Staatsmann – ganz besonders, wenn ihnen die Konsequenzen dieses ungewollten Faux-Pas (Pressegewitter am nächsten Tag) bewusst werden und speziell wenn sie dem Redner positiv gesinnt sind. Wenn dem nicht so ist, werden die »Sehenden« eher Schadenfreude empfinden.
Wichtig ist, dass das Phänomen der Fremdscham kein (teil-)automatisierter Prozess ist, so wie es bei der klassischen empathischen Einfühlung ist. Bei letzter greifen verschiedene Bewusstseinsstufen ineinander: von der rein biologischen, unvermittelten, unbewussten Aktivierung einfühlender Spiegelneurone bis hin zum bewussten internen Nachspielen von gesehen sozialen Situationen inklusive ihrer Bedeutungsdimension.
Fremdscham ist genau so ein Nachagieren, ist also immer ein bewusster Prozess, in dem Brüche zum sozial Verhandelten, dem sozial »Normalen« und damit der Norm festgestellt und deren Konsequenzen prospektiv durchlebt werden.
Alles klar? Oder wie definieren Sie den Begriff? In den Kommentaren ist Platz für Ihre Meinung, wir sind gespannt darauf.
Nadia Zaboura: Das empathische Gehirn: Spiegelneurone als Grundlage menschlicher Kommunikation. Broschiert. 2008. VS VERLAG FUER SOZIALWISSENSCHAFTEN. ISBN/EAN: 9783531163901. EUR 24,90 (Bestellen bei Amazon.de)


















heinzkamke schrieb:
Der Definition von Frau Zaboura stimme ich weitgehend zu; die Einschränkung bzgl. Personen, denen man “positiv gesonnen” ist, sehe ich indes zumindest nicht so eindeutig: auch für Menschen, die ich nicht sonderlich mag, kann ich mich fremdschämen, ohne gleich schadenfroh zu sein.
Kommentiert am 15. Dezember 2008 um 14:09 Uhr
Nadia Zaboura schrieb:
Hallo Herr Kamke,
da liegen wir recht nah beieinander: Zwischen Schadenfreude und Fremdschämen liegt ein sehr schmaler Grat, der sich gerne auch mal überschneidet. Deshalb auch ganz bewusst meine Formulierung “eher”.
Grüße!
Kommentiert am 15. Dezember 2008 um 17:28 Uhr
A. Ch. Glatz schrieb:
Ich sehe da keinen Unterschied zu “sich für jemanden schämen”
Kommentiert am 15. Dezember 2008 um 19:36 Uhr
Irene schrieb:
Ich denke, wenn man sich “für jemanden schämt”, dann ist das ein bewusster Vorgang und dann steht man immer mit der Person, für die man sich schämt, in einer gewissen Verbindung.
Man kann sich als Kind für seine Eltern schämen, wenn die Dritten unsinniges Zeug erzählen (“Mann, ward ihr peinlich!”) oder man kann sich als Deutsche für einen deutschen Politiker schämen, wenn der im Ausland unsinniges Zeug erzählt.
Für mich ein klarer Unterschied zum Fremdschämen.
Kommentiert am 16. Dezember 2008 um 10:03 Uhr
Walter Stallinger schrieb:
Die deutsche Sprache hat sich bereits viel gefallen lassen und der Höhepunkt von Missverständlichkeiten ist noch lange nicht erreicht!
Diese Wortkombination von Adjektiv und Verb ist dafür besonders geeignet.Weitere Vorschläge: “unbarmherzig beeindruckend, herrlich erschreckend, grandios vernichtend, gnadenlos lustig, wahnsinnig schön, geurlaubt haben, gewinniger unkaputtbar sein, voraussetzlich” und so fort.
Kommentiert am 20. Dezember 2008 um 06:18 Uhr
Ute Lier schrieb:
@Walter Stallinger:
Ihre Vorschläge enthalten jetzt aber gar keine Verben. Sie wissen schon was Verben sind? Ich sehe in Ihrem Kommentar keinen Zusammenhang. Adjektiv-und-Verb-Kombinationen gibt es doch schon immer: heimisch fühlen, falschparken, gut meinen, dumm schauen…
Kommentiert am 20. Dezember 2008 um 09:54 Uhr
C. Müller-Gödecke schrieb:
Ich schäme leider sehr oft “fremd” oder: “ich schäme mich leider oft fremd..”
Deshalb habe ich erst vor kurzem auch in meinem Kultur-Banal.de diese Kategorie eingerichtet. Bin ich jetzt ein Motzblogger?
Auf jeden Fall motze ich ob der Längenbegrenzung im Namensfeld, meine Herrschaften!
Kommentiert am 23. Dezember 2008 um 12:50 Uhr
Georg schrieb:
Also ich habe immer gesagt ich hätte einen “Identifikitaionskomplex”, weil ich mich in solchen Situationen mit den andern Leuten identifiziere… aber fremdschämen klingt auch gut. Insbesondere Woody-Allen Filme kann ich mir gar nicht ankucken.
Immerhin weiß ich jetzt dass es auch andere Menschen gibt die davon betroffen sind ;-)
Kommentiert am 30. Dezember 2008 um 16:21 Uhr
Hekk Zekk schrieb:
Hinweis: Das Wort “Fremdschämen” wurde mittlerweile in den aktuellen Duden aufgenommen.
Kommentiert am 9. Juli 2009 um 14:34 Uhr