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Beitrag vom 13. Dezember 2008 | Rubrik: Notizen

Nachgefragt: Was bedeutet der Begriff »fremdschämen«?

Nadia Zaboura

Nadia Zaboura (Foto: Lars Weber)

Das Wort »fremdschämen« steht nicht im DUDEN und ist auch nicht (Un-)Wort des Jahres geworden. Dennoch hört man es derzeit recht häufig. Für Peter Turi ist es »grässliches Motzblogger-Deutsch«. Dabei verwenden das Wort auch nicht-bloggende Menschen. Nachtrag: Wie in den Kommentaren völlig richtig zu lesen ist, hat der DUDEN den Begriff »fremdschämen« mittlerweile in der 25. Auflage in den Wortschatz aufgenommen.

Was aber bedeutete fremdschämen genau? Wo ist der Unterschied zu »sich für jemanden schämen« oder »Mitleid empfinden«? Wir wollten es genau wissen und haben eine Fachfrau gefragt, die studierte Kommunikationswissenschaftlerin Nadia Zaboura (Foto). Zabouras Buch »Das empathische Gehirn« ist gerade erschienen. Darin geht es um Gründe und Ursachen für das »Mitfühlen«. Hier ihre Definition des Begriffs »fremdschämen«:

Hinter dem Phänomen »fremdschämen« steht ein Einfühlungsprozess, in dem eine Person A sich an Stelle einer anderen Person B schämt. Person B ist sich der schämenswerten Situation nicht bewusst, Person A aber durchaus. Aus dieser peinlichen Berührtheit für die Situation, in der Person B sich unwissend befindet, schämt sich Person A also stellvertretend für diese.

Hierbei soll der Akt des Fremdschämens nicht als eine altruistische Leistung angesehen werden. Stattdessen fühlt sich Person A eher unfreiwillig beschämt, da solche Situationen meist aus dem sozialen Rahmen fallen und erst dadurch die Fremdscham ausgelöst wird.

Ein Beispiel: Einem Staatsmann ist das Toupet deutlich sichtbar verrutscht, während er gestikulierend eine Rede hält. Den Personen aus dem Publikum, denen dieser Sachverhalt auffällt, wird diese peinliche Situation bewusst, sie schämen sich für den Staatsmann – ganz besonders, wenn ihnen die Konsequenzen dieses ungewollten Faux-Pas (Pressegewitter am nächsten Tag) bewusst werden und speziell wenn sie dem Redner positiv gesinnt sind. Wenn dem nicht so ist, werden die »Sehenden« eher Schadenfreude empfinden.

Wichtig ist, dass das Phänomen der Fremdscham kein (teil-)automatisierter Prozess ist, so wie es bei der klassischen empathischen Einfühlung ist. Bei letzter greifen verschiedene Bewusstseinsstufen ineinander: von der rein biologischen, unvermittelten, unbewussten Aktivierung einfühlender Spiegelneurone bis hin zum bewussten internen Nachspielen von gesehen sozialen Situationen inklusive ihrer Bedeutungsdimension.

Fremdscham ist genau so ein Nachagieren, ist also immer ein bewusster Prozess, in dem Brüche zum sozial Verhandelten, dem sozial »Normalen« und damit der Norm festgestellt und deren Konsequenzen prospektiv durchlebt werden.

Alles klar? Oder wie definieren Sie den Begriff? In den Kommentaren ist Platz für Ihre Meinung, wir sind gespannt darauf.

Nadia Zaboura: Das empathische Gehirn: Spiegelneurone als Grundlage menschlicher Kommunikation. Taschenbuch. 2008. VS Verlag für Sozialwissenschaften. ISBN/EAN: 9783531163901. EUR 42,99 (Bestellen bei Amazon.de)
Nadia Zaboura: Das empathische Gehirn: Spiegelneurone als Grundlage menschlicher Kommunikation. Kindle Edition. 2008. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Herunterladen bei Amazon.de)

16 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. heinzkamke schrieb am 15. Dezember 2008 um 14:09 Uhr

    Der Definition von Frau Zaboura stimme ich weitgehend zu; die Einschränkung bzgl. Personen, denen man “positiv gesonnen” ist, sehe ich indes zumindest nicht so eindeutig: auch für Menschen, die ich nicht sonderlich mag, kann ich mich fremdschämen, ohne gleich schadenfroh zu sein.

  2. Nadia Zaboura schrieb am 15. Dezember 2008 um 17:28 Uhr

    Hallo Herr Kamke,
    da liegen wir recht nah beieinander: Zwischen Schadenfreude und Fremdschämen liegt ein sehr schmaler Grat, der sich gerne auch mal überschneidet. Deshalb auch ganz bewusst meine Formulierung “eher”.
    Grüße!

  3. A. Ch. Glatz schrieb am 15. Dezember 2008 um 19:36 Uhr

    Ich sehe da keinen Unterschied zu “sich für jemanden schämen”

  4. Irene schrieb am 16. Dezember 2008 um 10:03 Uhr

    Ich denke, wenn man sich “für jemanden schämt”, dann ist das ein bewusster Vorgang und dann steht man immer mit der Person, für die man sich schämt, in einer gewissen Verbindung.
    Man kann sich als Kind für seine Eltern schämen, wenn die Dritten unsinniges Zeug erzählen (“Mann, ward ihr peinlich!”) oder man kann sich als Deutsche für einen deutschen Politiker schämen, wenn der im Ausland unsinniges Zeug erzählt.
    Für mich ein klarer Unterschied zum Fremdschämen.

  5. Walter Stallinger schrieb am 20. Dezember 2008 um 06:18 Uhr

    Die deutsche Sprache hat sich bereits viel gefallen lassen und der Höhepunkt von Missverständlichkeiten ist noch lange nicht erreicht!
    Diese Wortkombination von Adjektiv und Verb ist dafür besonders geeignet.Weitere Vorschläge: “unbarmherzig beeindruckend, herrlich erschreckend, grandios vernichtend, gnadenlos lustig, wahnsinnig schön, geurlaubt haben, gewinniger unkaputtbar sein, voraussetzlich” und so fort.

  6. Ute Lier schrieb am 20. Dezember 2008 um 09:54 Uhr

    @Walter Stallinger:
    Ihre Vorschläge enthalten jetzt aber gar keine Verben. Sie wissen schon was Verben sind? Ich sehe in Ihrem Kommentar keinen Zusammenhang. Adjektiv-und-Verb-Kombinationen gibt es doch schon immer: heimisch fühlen, falschparken, gut meinen, dumm schauen…

  7. C. Müller-Gödecke schrieb am 23. Dezember 2008 um 12:50 Uhr

    Ich schäme leider sehr oft “fremd” oder: “ich schäme mich leider oft fremd..”

    Deshalb habe ich erst vor kurzem auch in meinem Kultur-Banal.de diese Kategorie eingerichtet. Bin ich jetzt ein Motzblogger?

    Auf jeden Fall motze ich ob der Längenbegrenzung im Namensfeld, meine Herrschaften!

  8. Georg schrieb am 30. Dezember 2008 um 16:21 Uhr

    Also ich habe immer gesagt ich hätte einen “Identifikitaionskomplex”, weil ich mich in solchen Situationen mit den andern Leuten identifiziere… aber fremdschämen klingt auch gut. Insbesondere Woody-Allen Filme kann ich mir gar nicht ankucken.
    Immerhin weiß ich jetzt dass es auch andere Menschen gibt die davon betroffen sind ;-)

  9. Hekk Zekk schrieb am 9. Juli 2009 um 14:34 Uhr

    Hinweis: Das Wort “Fremdschämen” wurde mittlerweile in den aktuellen Duden aufgenommen.

  10. Löwe1990 schrieb am 14. September 2010 um 12:25 Uhr

    Ich finde es immer höchst amüsant, wenn ein Schreiberling mit allem Aktionismus versucht, aus einer Lappalie (in diesem Fall die Umschreibung eines stinknormalen Wortes) ein ausgeklügeltes Netz aus Fremdwörtern zu spinnen. Der Autor dieses Beitrags scheint gehörig Langeweile zu haben.

  11. scorpio schrieb am 19. Januar 2011 um 21:34 Uhr

    Ich finde die folgende Definition viel gelungener, knapper und klarer! Und sie wurde mehhr als 3 jahre früher veröffentlicht:
    http://www.c0t0d0s0.org/archives/837-Begriffe-des-Lebens-heute-Fremdschaemen.html

  12. Hola schrieb am 21. Oktober 2011 um 18:05 Uhr

    Hallo
    Eine kurze Frage. Beschreibt Frau Nadia Zaboura den Begriff “Fremdschämen” auch in ihrem Buch, oder ist die hier veröffentlichte Definition aus einem Interview entnommen? Falls dies der Fall sein sollte, weiß jemand wo ich das vollständige Interview finden kann?
    Danke!

  13. Frank schrieb am 25. November 2011 um 07:29 Uhr

    Fremdschämen steht nun schon eine Weile im Duden, seit Auflage 25 (2009)

  14. Torsten schrieb am 5. Januar 2012 um 10:50 Uhr

    Ich kenne zwei verschiedene Effekte des Fremdschämens: Da ist einmal die lustvolle Variante, die entweder in normalen Humor oder Schadenfreude ihren Ursprung hat. Besonders wenn jemand mit einem anderen Wertesystem sich absolut blamiert, ist das ja eine Bestätigung des eigenen Denkens.

    Wenn hingegen jemand in blamablen Situationen landet, die der eigenen Lebenswirklichkeit, den eigenen Komplexen und Unsicherheiten ähnelt, dann ist da ein Mitleiden, dass uns dazu bringt, uns abzuwenden.

  15. Gerdi schrieb am 11. November 2012 um 13:45 Uhr

    Fremdschämen ist für mich einer dieser unsäglichen neuen Begriffe, an denen sich der Niedergang unserer Kommunikationskultur, unseres sozialen Verhaltens, ja, unserer Gesellschaft ablesen lässt. Warum ich zu diesem Schluss komme? Ein Vergleich von “sich für jemand schämen” und “fremdschämen” führt auf die Spur. Wer sich für jemand schämt, ist emotional involviert. Es tut einem weh, zu sehen, dass sich jemand blamiert. Wer sich hingegen fremdschämt, das sagt schon der Wortteil “fremd”, wendet sich ab. Und nicht nur das: Wer sich fremdschämt, stellt sich auf eine höhere Stufe als derjenige, für den man sich meint fremdschämen zu müssen. Das ist arrogant und hochmütig und herzlos. Wer meint, sich fremdschämen zu müssen, sollte das lieber im stillen Kämmerlein tun und nicht denjenigen, der sich gerade blamiert, im Netz oder sonstwo noch zusätzlich bloßstellen. Im Übrigen sollte jeder Fremdschämer mal darüber nachdenken, ob sein eigenes Wertesystem denn der Weisheit letzter Schluss ist und ob man nicht selbst Objekt von Fremdschämerei ist. Letztlich nämlich gilt: Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem anderen zu.

  16. Tilia schrieb am 5. Januar 2013 um 21:26 Uhr

    Meine Familie ist Weltmeister in der Disziplin – Fremdschämen !
    Mir gefällt das nicht. Aber mit der Muttermilch eingesogen, konnte ich dem natürlich nicht entgehen. Ich habe ein Gegengift gefunden. Was ich richtig,richtig gut kann und mich den sauren Geschmack des Fremdschämens vergessen läßt ist -Fremdfreuen- Ich kann mich besaufen an dem Glück Anderer, an schönen Gedanken, die Andere vor mir gedacht haben, an klugen, witzigen, intelligenten Streitgesprächen, bei denen ich nur Zuschauerin,-hörerin,-leserin bin, an glücklichen Paaren oder guten Freunden. Ich freue mich fremd über intelligente Menschen.

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