
Zur 100. Folge des Schreibzeug-Podcast fordern Wolfgang Tischer und Diana Hillebrand Geschichten mit genau 100 Wörtern an. Was sie nicht wussten: Sie hatten Drabbles nochmals neu erfunden«. Denn die literarische Form mit der absurden Entstehungsgeschichte gibt es schon seit den 1980er-Jahren. Das Wort selbst haben die Komiker von Monty Python zehn Jahre zuvor verwendet. Alles über Drabbles.
Geschichte mit 100 Wörtern – ohne Überschrift
Ein Drabble ist eine Geschichte mit exakt 100 Wörtern, wobei die Überschrift nicht mitzählt. Der Begriff stammt aus dem 1971 erschienenen »Monty Python’s Big Red Book« und wurde in den 1980er Jahren von der britischen Science-Fiction-Szene zur literarischen Form entwickelt. Heute ist das Drabble eine beliebte Schreibübung und in der Fanfiction-Szene verbreitet.
Die strenge Vorgabe macht das Drabble-Schreiben zum Balanceakt: Jedes Wort muss sitzen, überflüssige Adjektive haben keinen Platz, und trotzdem soll die Geschichte Anfang, Mitte und Ende besitzen. Für Schreibanfänger ist es ein guter Einstieg, für erfahrene Autorinnen und Autoren eine echte Herausforderung.
Monty Python, Scrabble und eine Schriftstellerin
Wer im Netz nach dem Ursprung des Begriffs Drabble sucht, stößt immer wieder auf die Behauptung, der Begriff gehe auf einen Sketch von Monty Python zurück. Dieser Sketch ist aber nirgendwo zu finden – weder auf YouTube noch in den BBC-Archiven.
Aus gutem Grund: Es gibt den Sketch nicht. Die Behauptung ist falsch.

Die tatsächliche Quelle ist gedruckt. Im 1971 erschienenen »Monty Python’s Big Red Book«, dem ersten »Buch« der britischen Komikergruppe, findet sich auf einer rosaroten Seite mit dem Titel »E. D. Silly’s Page« in der Kategorie »Silly Games« ein kurzer Text über ein Wortspiel namens »Drabble«. Beschrieben wird es dort als »A word game for 2 to 4 players«, bei dem die Spielenden von links nach rechts nebeneinandersitzen und die erste Person gewinnt, die einen Roman schreibt. Dass dieser Roman 100 Wörter haben soll, davon ist hier nichts zu lesen.

Der Name »Drabble« war vermutlich ein Wortspiel – eine Anspielung auf das Brettspiel Scrabble, bei dem man Wörter bildet. Manche vermuten auch eine Referenz an die britische Schriftstellerin Margaret Drabble (geboren 1939), die bereits in den 1960er Jahren mit Romanen wie »A Summer Bird-Cage« und »The Millstone« bekannt wurde. Allerdings wird in etymologischen Quellen betont, dass der Begriff nicht von ihrem Namen abgeleitet sei – auch wenn die zeitliche Nähe zur Veröffentlichung des Python-Buches 1971 die Vermutung nahelegt, dass Monty Python mit dem Namen spielten.
Das »Big Red Book« selbst besteht zum einen aus Material der ersten beiden Staffeln von »Monty Python’s Flying Circus« und zum anderen aus Texten, die mit dem Buch- und Zeitschriftenformat spielen. Entgegen dem Titel hat es einen blauen Einband, auf der Innenseite nennt es sich dann »Monty Python’s Big Brown Book«. Dabei wirkt das ganze vom Format und vom Umfang eher wie eine Zeitschrift. Die »Special New Hardback Edition«, die uns hier im literaturcafe.de vorliegt, hat ein Softcover. Typisch Monty Python eben.
Drabble: Von Birmingham in die Literatur
Dass aus diesem eher unscheinbaren Witz eine literarische Form wurde, ist das Verdienst der Birmingham University SF Society. Mitglieder dieser Science-Fiction-Gruppe nahmen Ende der 1980er Jahre den Namen des Python-Spiels auf und einigten sich darauf, dass 100 Wörter eine akzeptabel mindestlänge Länge für einen »Roman« wären.
Der Science-Fiction-Autor David Langford erinnert sich an die Novacon-Convention 1987, als er den Konferenzsaal betrat »crammed with people scribbling and counting obsessively on their fingers (gefüllt mit Menschen, die schrieben und ständig mit ihren Fingern zählten)«. Die Drabblemania hatte begonnen.
Mit einem Lächeln setzte er sich ebenfalls hin, schrieb 100 Wörter und verschwand in die Bar – ohne zu ahnen, dass sein Erstentwurf später in einer Anthologie erscheinen würde. »All profits to the Royal National Institute for the Blind’s ‚talking book‘ charity, so I could hardly even protest (Alle Gewinne gingen an das Hörbuchprogramm für Blinde, dagegen konnte ich kaum etwas sagen)«, schreibt er rückblickend.
Am 1. April 1988 – ja, tatsächlich an diesem Datum – veröffentlichten Rob Meades und David B. Wake »The Drabble Project«: 100 Geschichten zu je 100 Wörtern für 100 Schilling. Das Buch gewann bei der British National Science Fiction Convention den Preis in der Kategorie »Beste Kurzprosa«. Die Autorinnen und Autoren waren keine Unbekannten: Terry Pratchett, Neil Gaiman, Arthur C. Clarke, Brian W. Aldiss, Isaac Asimov. Bis 1993 folgten zwei weitere Anthologien, jeweils in Auflagen von 1.000 Exemplaren.
Varianten und Verwandte des Drabbles
Die Form war nicht völlig neu. Brian Aldiss hatte sich bereits für »Mini-Sagas« mit exakt 50 Wörtern begeistert. Als er einen nationalen Zeitungswettbewerb jurierte, musste er 33.000 Einsendungen lesen – darunter eine von einem Mitglied der königlichen Familie, das offenbar Schwierigkeiten hatte, bis 50 zu zählen. Nick Lowe trieb die Verknappung auf die Spitze: Seine Mikro-Saga hatte acht Wörter. Colin Greenlands Beispiel wurde zum Klassiker: »Aliens disguised as typewriters? I never heard such –«
Rund um das klassische Drabble entwickelten sich Varianten. Das Double-Drabble umfasst 200 Wörter, das Triple-Drabble 300. Wikipedia erwähnt auch Versionen mit noch mehr Wörtern, wobei der Begriff mittlerweile teilweise für jede sehr kurze Geschichte verwendet wird – was Puristen ärgern dürfte.
Ansonsten ist die vorgegebene Form eher in der Lyrik verbreitet, wie Haiku (drei Zeilen mit 5-7-5 Silben), Elfchen (elf Wörter in fünf Zeilen) oder auch das Sonett (vierzehn Verse in festgelegtem Reimschema).
Drabbles in der Fanfiction
In der Fanfiction-Szene, wo seit den 1960er Jahren Star-Trek-Fans eigene Geschichten über Kirk, Spock und die Enterprise schrieben, fand das Drabble schnell Anklang. Die kompakte Form passte perfekt in Fanzines und bot eine niedrigschwellige Möglichkeit, literarisch mit den geliebten Figuren zu experimentieren.
Das Drabble-Format wurde besonders populär, weil es auch Anfängerinnen und Anfängern erlaubte, vollständige Geschichten zu schreiben, ohne sich an längeren Erzählungen zu versuchen. Gleichzeitig stellte die 100-Wörter-Grenze sicher, dass die Geschichten nicht ausuferten.
Die Drabble-Renaissance ab 2011
Nach einer langen Pause in den 1990er und 2000er Jahren erlebte das Drabble ab 2011 eine Renaissance. Die Wilfrid Laurier University startete einen »100 Words Centennial Drabble Contest«, Online-Plattformen sammelten Drabbles, und 2013 entdeckte die Gaming-Community von »Elite: Dangerous« das Format neu.
Heute findet man Drabbles auf zahlreichen Plattformen, von Fanfiction-Archiven bis zu speziellen Drabble-Websites. Die Form hat sich bewährt – gerade in Zeiten knapper Aufmerksamkeitsspannen.
Warum Drabbles schreiben?
100 Wörter sind wenig, aber nicht zu wenig. Es reicht für eine Pointe, für eine Wendung, für einen überraschenden Schluss. Gleichzeitig zwingt die Begrenzung dazu, jeden Satz zu überdenken. Füllwörter fallen weg, Nebensächliches auch.
Für Schreibende ist das Drabble eine hervorragende Übung. Es schärft den Blick fürs Wesentliche und trainiert die Fähigkeit, präzise zu formulieren. Wer lernt, in 100 Wörtern eine Geschichte zu erzählen, wird auch längere Texte straffer schreiben.
KI und die Zukunft des Drabbles
Spätestens seit ChatGPT stellt sich eine neue Frage: Wenn die KI in Sekunden ein Drabble schreiben kann, verliert die Form dann nicht ihren Reiz? Die Antwort ist komplizierter, als es zunächst scheint.
KI-generierte Drabbles folgen erkennbaren Mustern. Sie neigen zu ausgewogenen Strukturen, vorhersehbaren Wendungen und einer gewissen Glätte, die menschlichen Texten oft fehlt. Ein von ChatGPT verfasstes Drabble endet häufig mit einer moralischen Pointe oder einer philosophischen Reflexion – genau das, was die Form eigentlich vermeiden sollte.
Die eigentliche Herausforderung beim Drabble-Schreiben liegt nicht im Zusammenstellen von 100 Wörtern, sondern in den Entscheidungen: Welches Detail weglassen? Welcher Moment zählt? Wo die Pointe setzen? Diese Entscheidungen erfordern literarisches Gespür, das sich aus Lebenserfahrung, Leseerfahrung und einem Gefühl für Rhythmus speist.
Interessanterweise könnte die KI das Drabble sogar aufwerten: Weil jeder in Sekunden ein glattes 100-Wörter-Stück generieren kann, werden die wirklich guten Drabbles – die mit den unerwarteten Wendungen, den schiefen Tönen, den Brüchen – umso deutlicher hervorstechen. Die Form wird nicht sterben. Sie wird nur anspruchsvoller.
Für Schreibwettbewerbe bedeutet das allerdings: Die reine Wortzahl-Vorgabe reicht nicht mehr. Wer heute Drabbles einfordert, sollte thematische oder stilistische Vorgaben machen, die über die bloße Länge hinausgehen.
Wolfgang Tischer und Diana Hillebrand hatten aufgrund der 100. Schreibzeug-Folge unbewusst eine Form gewählt, die seit fast 40 Jahren Schreibende herausfordert, ohne den Fachbegriff zu kennen. Man braucht keine Literaturgeschichte, um auf gute Ideen zu kommen oder diese quasi neu zu beleben. Manchmal reicht gesunder Menschenverstand – und die Zahl 100.
Hinweis: Noch bis Sonntag, 18. Januar 2026, können 100-Wörter-Texte beim Schreibwettbewerb des Schreibzeug-Podcast eingereicht werden. Aber vorher die genaue Aufgabe im Podcast anhören!

