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Wellers Wahre Worte am Café Tisch
Juli 2003 - Die monatliche Kolumne von Wilhelm Weller


Geiz ist bombengeil

Über die Wiederkehr bürgerlicher Tugenden

Wilhelm Weller


Es hilft kein Ableugnen, geben wir es also zu: Wir leben über unsere Verhältnisse. Mahner gab es genug, genannt seien nur Jesaja, Hesekiel und Norbert Walter. Doch erst jetzt, wo es an unser Eingemachtes geht, an Kronen und Brücken, Brillen und Gehstöcke, an die Rente, die Miete und das Sterbegeld, erst jetzt beginnt man, den Realitäten mit schreckgeweiteten Augen ins Gesicht zu sehen.
     Lebten wir nicht seit vielen Jahren in einer sozialen Simulation, nährten wir die »Maschine« Sicherungssystem oder nährte sie uns?

Nun, wo uns die Saugnäpfe zur großen Versorgungsmaschine nach und nach abgerissen werden, hat der schöne Traum ein Ende. Kein Auserwählter ist in Sicht, nur Neoliberale. Also was tun: In seiner neuen Titelgeschichte (Nobel statt Nabel) gibt das Nachrichtenmagazin SPIEGEL wieder einmal die Richtung vor:
     »In den Zeiten der Krise, des Pisa-Schocks und um sich greifender Verlotterung ist eine neue Bürgerlichkeit gefragt. Das Einhalten von Regeln, das Leben mit althergebrachten Tugenden und Ritualen wird wichtiger.«
     Dazu gehört ohne Zweifel auch Sparsamkeit - Gestalten, die nur auf unser mühsam gemehrtes Geld scharf sind, nennen es abfällig Geiz.
     Um so bemerkenswerter, dass sich ein großer Handelskonzern bei der Rehabilitierung der alten, bürgerlichen Tugend Sparsamkeit an die Spitze der Bewegung setzte. Unabhängig von eigenen unternehmerischen Zielen hat Metro bzw. Saturn Hansa mit seinem vielerorts erschallenden Slogan »Geiz ist geil« jedenfalls eine mentale Umkonditionierung, ja einen weitreichenden, wirklichen Wertewandel in Gang gesetzt.
     Da oder dort gewiss auch mit fragwürdigen Folgen, wie die Spenden-Branche seit einiger Zeit klagt. So hat sich die Zahl der Insolvenzen unter den Nichtsesshaften gegenüber den 90er Jahren nahezu verdoppelt. Und was soll die besorgte, junge Frau ihrem Zufallsbekannten antworten, wenn der in delikater Situation ein Kondom bzw. die damit verbundenen Kosten mit der schelmischen Ausrede scheut: Geiz ist geil!
     Doch auf lange Frist werden sich durch ein erhöhtes Kostenbewusstsein Volkswirtschaft und damit auch die sozialen Sicherungssysteme konsolidieren. Nachhaltigkeit ist angesagt.
     Innerhalb Deutschlands könnten bei diesem Wandel die Schwaben und die Sachsen vorangehen, liegt ihnen als Subspecies der Gattung homo germanicus die Sparsamkeit evolutorisch bedingt doch in den Genen.
     Eindrucksvoll wurde das erst kürzlich wieder bestätigt - in Dresden. Man erinnert sich: Anfang Juni wurde auf dem Bahnhof der sächsischen Landeshauptstadt ein mit Sprengstoff gefüllter Reisekoffer entdeckt. Obwohl billig, waren doch alle Ingredienzien für einen erfolgreichen Anschlag enthalten. Der Koffer selbst stammte aus dem Sortiment von Aldi Nord.
     Ein Makel? Muss es stets ein Samsonite sein? Wir meinen: Nein.
     An dem bei der Billig-Supermarktkette angebotenen Koffer war im Grunde nichts auszusetzen. Solide verarbeitet, gutes Material und fürs Repräsentieren und Angeben war er schließlich nicht gedacht.
     Die Entschärfer fanden in dem schwarzen Koffer unter anderem auch einen Schnellkochtopf der Marke Beka, der in den Jahren 1981 oder 1982 in Tübingen produziert wurde. Ein Hinweis, dass sich hier der genius loci eines Sachsen und eines Schwaben »bombig« ergänzten? Wie auch immer: Offenbar war ein ökonomisch denkender Geist am Werke gewesen. Dass nicht nur in der Mitte der Gesellschaft, sondern auch an deren subkulturellen Rändern traditionelle bürgerliche Tugenden wie Sparsamkeit ein Revival erleben, sollte uns das für die Zukunft unseres verlotterten Landes nicht hoffnungsvoll stimmen?

Ihr Wilhelm Weller

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