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Warum ich das i nicht mag
von Patricia Esser

Das deutsche Alphabet hält sechsundzwanzig Buchstaben bereit. Auffällig ist dabei das Missverhältnis Konsonanten : Vokale, nämlich 26 : 5. Und zu a, e, o, und u pflege ich einen guten und freundschaftlichen Kontakt.

Das o bietet viel Innenraum, hat keine scharfen Kanten und ist rundrum so kuschelig uneckig. Die leichtere Variante für den Sommer ist das u - das Coupe unter den Vokalen. Am a mag ich den tiefen, volltönenden Klang und diesen schnuckeligen Bauch. Die Form des e lässt mich an einen Butterkringel denken.

Alleine das i bereitet mir Unbehagen. Is sind lang und schmal. Hätte jemand vor, mit einem Buchstaben einen Mord zu begehen, wäre ein i sicherlich die erste Wahl. Durch dieses schriftzeichengewordene Nadelöhr kann ich mich im An- oder Mittellaut noch hindurchzwängen wie durch den Gang des feierabendlich ständig überfüllten Busses, um mich dann schlussendlich aufseufzend auf den nächsten Buchstaben zu retten. Jedoch ein i im Auslaut bereitet mir Platzangst. Mein BH beginnt zu kneifen, mein Puls geht schneller und ich fange an zu röcheln. Es ist mir unmöglich, mich durch das Ende des Wortes hindurchzuquetschen und auch noch den - möglicherweise durch Blocksatz aufs schier Unendliche erweiterten - Wortzwischenraum zu überbrücken, um mich dann wie eine Ertrinkende an das rettende Ufer des nächsten Buchstaben zu klammern. Mag sein, dass ich alt werde.

heute Mittag jedoch bekam ich beim Anblick mehrerer aufeinander folgender Auslaut-i´s einen heftig juckenden und unansehnlichen Ausschlag. Ich bitte um Verständnis dafür, dass einige Wörter ab sofort auf ihr Auslaut-i verzichten müssen, als da beispielhaft zu nennen wären: Rimin, Bikin, Sk und E.

Vielen Dank.

© 1999 by Patricia Esser. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

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