BUCHSTABENSUPPESuppentasse
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des Literatur-Cafés

  
Ü
von Philipp Horatschek

»Lieber Herr Kollege Üprig«, unterbrach Dr. Meier die angeregte Diskussion, »wir wären mit unserer Reform schon wesentlich weiter, wenn Sie nicht immer alle unsere Vorschläge ablehnen und sich ernstere Gedanken über unsere Ziele machen würden. Mein Vorschlag, die Großbuchstaben zu streichen, wurde beim letzten mal gar nicht richtig andiskutiert und überhaupt…« kommt es schon wieder zu einem Tumult am Runden Tisch der Buchstabenreformer.
     Die Uhrzeiger drehten sich ohne Erbarmen weiter. Es war spät nachts als Dr. Meier den ermüdeten Kollegen vorschlug, die Umlaute aus dem Alphabet zu streichen. Mit einem Schlag ließen sich drei Buchstaben einsparen. Ein Vorgang, der kaum auffallen würde, wenn die alte Schreibweise: ae, ue, oe wieder eingeführt würde.
     Und mit einem mal waren alle wieder wach, und wieder schrien alle durcheinander: »Das geht nie!« und »Wo denken sie hin!« »Schnapsidee!« »Alkoholiker!« Bitte werden sie nicht persönlich! Und wieder verging viel Zeit bis sich die Runde beruhigte.
     »Ich schlage einen Kompromiss vor«, versuchte Dr. Meier auf ein Neues: »Nur einen Umlaut, als Zeichen Ihres guten Willens. Bitte.« Über so eine Idee können unsere weisen Wissenschaftler reden, bis auf ein paar wenige, die wieder zu schreien begannen. Sogar Dr. Üprig fand sich so langsam mit dieser Idee zurecht. Nur auf einen Umlaut wird er nie verzichten: Das Ü. Nicht weil er es sich nicht vorstellen kann, seinen Namen »Ueprig« zu schreiben. Nein, das Ü muss bleiben, »weil es ist für unsere Sprache wichtig ist, dass sie etwas Fröhlichkeit besitzt. Und was, bitte sehr, ist fröhlicher als das Ü? Das Ü mit seinen zwei kleinen Punktaugen und dem breiten Grinsen im Gesicht?«

© 1998 by Philipp Horatschek. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

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