BUCHSTABENSUPPESuppentasse
Das Online-Projekt
des Literatur-Cafés

  
Größenwahn
von J. K.

Von Beginn an war ß sauer. Der Buchstabe spielte in der Schriftwelt nicht die große Rolle, die er sich selber zugedacht hatte, und das fraß ihn förmlich auf. In den Wörtern hatte man ß ans Ende verbannt, und selbst wenn er mal mehr in die Mitte rücken durfte, dann oft nur, weil man ihm ein chen anhängte, etwas, das nur verniedlichte, damit kam ß kein bisschen klar. Er sah sich ganz anders, war zu Höherem berufen, aber weil man ß niemals erlaubte, ein Wort anzuführen, er niemals wahre Größe würde zeigen können, wurde ß ziemlich ungehalten, und als er dann auch noch damit aufgezogen wurde, nicht mal im Alphabet vertreten zu sein, fing er an, ganz finstere Pläne zu schmieden. Er wollte sich nicht mehr nur bescheiden mit einem Platz unter ihresgleichen zufrieden geben, nein, jetzt galt es zu zeigen, was in ihm steckte, alles, was von nun an passieren würde, hätten sie sich selber zuzuschreiben. »Ich werde ß allen zeigen.«, schwor er sich. »Keiner wird mich überlesen können, keiner mehr weg schauen, ihr werdet ß schon sehen«.
     Er war clever genug, um zu wissen, dass er sich verstellen musste, um seinen Anspruch auf Macht und Geltung nicht zu früh aufzudecken, er durfte noch keine Angriffsfläche bieten, seine Position war nicht stark genug, er hatte keine Freunde, die ihn unterstützten, darum entschloss er sich, erst mal Verbündete zu suchen. Er grübelte eine ganze Weile, wie das wohl zu bewerkstelligen sei, es musste etwas sein, so heimlich, dass ß niemandem auffiel, und gleichzeitig so seriös, dass er langsam die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, sich darin üben konnte, wie man die Zügel zu führen hatte, ohne die Peitsche schwingen zu müssen. Er war zweifelsfrei durchtrieben, das wusste er selber am besten, aber seine Raffinesse wurde noch in den Schatten gestellt von der tiefen Verachtung all denen gegenüber, die ihn sträflich ignorierten. Hätte ihn damals nur jemand verstanden und sich ernsthaft mit ihm auseinandergesetzt, wäre die Sache vielleicht nicht eskaliert, aber so gründete ß eine Partei.
     Die Suche nach Gleichgesinnten gestaltete sich zunächst schwierig, er fand nur wenige, aber das nahm er in Kauf, seine Zeit würde noch kommen. Bei der ersten Sitzung ließen sich lediglich das ä, ö und ü blicken, das Programm war noch nicht sonderlich ausgereift, aber ß war guter Dinge, er wollte seine Chance nutzen. Als er die Tagesordnung gleich damit eröffnete, dass es ungerecht zuging in diesem Lande, dass redliche Buchstaben noch nicht mal im Alphabet vorkämen, erntete ß nur bedingt Aufmerksamkeit, das ä gähnte, ö war erschöpft und ü schon lange müde, alle waren sie mit sich selber beschäftigt. »So ganz stimmt das nicht.«, warf ä ein, »Wenn ich die Punkte weglasse und mich mit dem e zusammentue, komm ich sogar gleich zweimal drin vor.« Die anderen nickten beiläufig und murmelten vor sich hin, aber nicht so überzeugend, dass ihm eine gewisse Unsicherheit verborgen geblieben wäre. ß explodierte völlig unvorhersehbar, »DAS GLAUBT IHR DOCH SELBER NICHT!«, er knallte gekonnt die Faust auf das Rednerpult, seine Augen glommen, als er das kollektive Zucken mit tiefen Gelüsten registrierte: Ihr Schweigen war die Zustimmung, die er hören wollte. Er war zu ehrlich gewesen, was seine Motive anging, das war vielleicht ein Fehler, aber wenn er vorher auch nicht genau wusste, wie er diese mickrige kleine Schar von sich begeistern konnte, so hatten sie ihm selber plötzlich ein Mittel in die Hand gespielt, mit dem er sie alle auf Linie bringen konnte. Mit einem Mal hatte er das gefunden, was sie ihm aus der Hand fressen ließ, sie würden von alleine kommen, um ß zu hören, ß zu sehen, er musste sich nur ihre Ängste nutzbar machen, das war einfach genial. Seine Augen stachen kalt in die lichten Sitzreihen, dann wären sie da, wo er sie haben wollte, dann bräuchte er nur noch zuzupacken.
     In den nächsten Wochen stimmte ß sein Programm feinab, er merkte ganz deutlich, dass er etwas finden musste, um das sich viel mehr Buchstaben sorgten, als bisher, er wollte Mehrheiten. Zu diesem Zwecke kam ihm die Idee, dass es hilfreich sei, wenn er sich mit denen zusammentun könnte, die am ärgsten litten, und das waren nun mal die meisten, eben alle kleinen Buchstaben, die, die am härtesten schuften mussten. Wenn er deren Selbstbewusstsein stärkte, würden sie ihre Dankbarkeit höchstpersönlich an ihm festmachen, er wollte den Wunsch nach Einigkeit wecken, den einzelnen ermutigen, erklärte sich - gedacht, getan - mit ihnen solidarisch und schrieb sich fortan sz. Ihm kam der glückliche Umstand zu Hilfe, dasz es zurzeit recht flau auf dem Arbeitsmarkt aussah, dasz viele seiner Zielgruppe nicht wuszten, wie es weitergehen sollte, und er versprach, sich der Sache anzunehmen. Es kam, wie er es geplant hatte, bei den nächsten Wahlen zog er mit einer ansehnlichen Anhängerschaft ins Parlament.
     Nun stand er seinen eigentlichen Gegnern gegenüber, nämlich den politischen, und die wären bestimmt nicht so leicht in die Tasche zu stecken, davon durfte er getrost ausgehen, die waren schon eher von seinem Kaliber. Er muszte sich etliche Vorwürfe gefallen lassen, was seine Kompetenzen, sogar Hohn und Spott, was seine politische Karriere anbetraf, aber das kümmerte ihn wenig. Er hatte sich ausgiebig mit den Mechanismen dieser Republik vertraut gemacht, er hatte schnell verstanden, wie die Räder ineinander griffen, und wenn er sich an die Regeln hielt, würde er es bis ganz nach oben schaffen. Ja, er würde sich dieser Regeln bedienen, solange, bis er sie auszer Kraft setzen konnte und damit zwangsläufig auch alle, die jetzt noch in der Lage wären, dies zu verhindern. Er hielt ihren Blicken stand, ihre Anfeindungen prallten platt an ihm ab, er nahm sie dermaszen stoisch hin, dasz das Warnung genug sein sollte. Aber er behielt sie im Auge, einige könnten gefährlich werden, er muszte sogar zugeben, dasz er auf einigen Gebieten noch lernen musste, besonders auszenpolitisch war er anfällig für Kritik, und er beschlosz, dies abzustellen. Während seine Widersacher ihn mundtot wähnten, schulte er in unzähligen abendlichen Treffen seine Rhetorik, mit einstudierten Gesten zog er seine Getreuen auf Versammlungen beharrlich in den Bann. Dann, eines nachts, als er erneut an seiner politischen Integrität arbeitete und die Satzung um fehlende Statuten erweiterte, ärgerte es ihn, dasz er zeitweilig abschweifte. Das ging soweit, dasz er den Stift beiseite legen musste, heute hatte es keinen Zweck, etwas ging in ihm vor, und er fragte sich, was. Er merkte, dasz er sich drastisch geändert hatte, er gehörte inzwischen dazu, auch wenn das manche nicht wahrhaben wollten. Er konstatierte, dasz sein Zorn zwar längst nicht verflogen war, aber der hatte sich etwas gemäszigt, jetzt, wo er sich sicher sein konnte, dasz ihm seine Buchstaben zujubelten. Er bekam mittlerweile die Anerkennung, die er verlangte, das war ziemlich simpel gewesen, die Umstände taten ihr Übriges, er muszte seine Meinung überdenken, sein Ziel neu definieren. Die Instrumente, die ihm zur Verfügung standen, offenbarten ihm ganz andere Entfaltungsmöglichkeiten, als er sich das anfänglich vorgestellt hatte, es konnte nicht mehr sein, dasz sich die Grenze seiner Genugtuung mit der Landesgrenze deckte. Er hob den Stift gedankenverloren mit spitzen Fingern. Als er wuszte, was zu tun war, brach er ihn. In seinen Händen.
     Das Schicksal war auf seiner Seite: Die wirtschaftliche Lage war prekär und die politischen Lager uneinig, das Land liesz sich nur per Notverordnung regieren. Die rivalisierenden Riegen paralysierten sich in ihren eigensinnigen Bemühungen, das Ruder an sich zu reiszen, der Staatsapparat blieb gelähmt und handlungsunfähig. Es wurden Neuwahlen anberaumt und die alte Regierung, die viel an Boden verloren hatte, rang sich dazu durch, ihr Kontingent an Wählerstimmen mithilfe des populistischen Emporkömmlings aufzustocken, so wie sie ihn in Abwesenheit bezeichneten. Seine nationalen Flausen, sein Bemühen, den Groszteil aller Wähler zu einen, würden sie ihm schon austreiben, diesem Spinner, glaubte er etwa, er hätte das Zeug dazu? Er machte Eindruck, das liesz sich nicht abstreiten, aber speziell auszenpolitisch war er ein unbeschriebenes Blatt, er hatte sich diesbezüglich nicht grosz geäuszert. Mit ihrer Erfahrung und seiner Wirkung würde man zu alter Grösze zurückfinden, ihr Bild in der Öffentlichkeit liesz sich vermutlich, darauf einigte man sich schlieszlich, nur mit ihm an der Spitze ins rechte Licht rücken. Die Tragweite dieser Übereinkunft sollte katastrophale Ausmasze annehmen, das Buchstabenvolk bekam einen Führer.
     Die Wahlen waren gewonnen, doch sz nahm das regungslos hin. Sicher, seine neuen Mitstreiter teilten die Lorbeeren mit ihm, aber er erkannte die Falschheit ihrer Beweggründe, das hatte er schon getan, als er sich auf diese Farce einliesz. Bislang hatte sich alles so gefügt, wie er es angegangen war und die Sachlage sich anbot, aber eigentlich würde jetzt erst alles beginnen. Er bremste seine Euphorie, den Fehler sollten die anderen machen, und seine Augen blieben wachsam. Er überging bewuszt die Vereinbarungen, die er mit seinen Partnern hatte treffen müssen, und die, die ihn fragten, was er sich dabei wohl dächte, hatten nicht mehr lange Gelegenheit dazu. Die Liste ihrer Namen war umfassend, endlich hatte er die Befehlsgewalt, sie auf die eine oder andere Art zum Schweigen zu bringen. Wenn sie es so wollten, er war nur allzu gerne bereit, ihre Namen zu streichen. Er wuszte, was er seinen Anhängern schuldig war, noch mehr, was sie an ihn binden würde, und sein Streben nach Perfektion trug ihm auf, sein Wahlversprechen einzuhalten. Er liesz Straszen pflastern, die Produktion in den Fabriken steigern und das Militär in den Genusz seiner Zuwendung kommen, seine Wähler gehörten in Lohn und Sold. Als Staatsmann reiste er viel, traf andere Oberhäupter und bildete sich eine Meinung übers Ausland. Er selber beteuerte scheinheilig, dasz man auf ihn zählen könne, er tat alles, dasz ihnen nicht aufging, dasz sie mit ihm zu rechnen hatten. In naher Zukunft würde sich zur Diplomatie noch eine viel effektivere Waffe gesellen, er lächelte freundlich in ihre Kameras, das nächste Mal käme er ohne Geschenke. Im eigenen Land schaltete er die Medien gleich, wenn schon eine Zeitung über die Grenze flatterte, dann sollte auch das Richtige drin stehen, andersherum verhielt es sich genauso, alles liesz sich manipulieren. Hier machte er Meinung, sonst niemand. Autobahnen durchschnitten die Landschaft, Rauch stieg aus unzähligen Kaminen, zu Panzern gepreszter Stahl rollte in alle Himmelsrichtungen und machte eine Nation stolz. Auf Parteitagen, die diesen Namen längst nicht mehr verdienten, strotzte er nur so vor Eloquenz und Sprachgewalt, seine Stimme dröhnte geschliffen aus gut platzierten Lautsprechern, sie waren nötig geworden, die Hallen voll, und was die Auszenpolitik anbelangte, sz sprach zum ersten Mal aus, was er in stillen Nächten ausgebrütet hatte: »Da«, sein Arm wies ungeniert nach Osten, »da liegt unser Lebensraum.«
     Er brauchte Geld für die Aufrüstung, und j hatte Geld. Dessen Religion trug ihm auf, an nicht wenigen Tagen des Jahres die Arbeit niederzulegen, so bot sich an, dasz j mit Waren handelte und Geld verlieh, dasz liesz sich mit dem Glauben am Besten vereinbaren. Für sz war das die Gelegenheit, sich endlich seinen Spasz zu gönnen, nein, seinen Spaß, seine Form von Vergnügen. Sie hatten sich an ihn gewöhnt, vielmehr hingen sie an seinen Lippen, er hatte alles dafür getan, dasz das auch so bleiben würde, jetzt konnte er gefahrlos daran gehen, sein wahres Gesicht zu zeigen, seinem Wunsch nach Größe und Macht nachzugeben. Er sprach offen davon, wie er sich sein Volk vorstellte, aus welchem Holz jeder einzelne geschnitzt sein sollte, er hatte ihnen seine Ideale bislang erfolgreich eingeimpft, es sollte auch ein weiteres Mal gelingen. Es war das A, das ihm vorschwebte, groß, brav und breitbeinig, und er entfachte die Rassenfrage. Wozu taugt denn schon das j? Er schürte Hass, skandierte »j gehört ausradiert, ausgelöscht und ausgemerzt!!!«, brandmarkte j öffentlich, bezichtigte es des Verbrechens, kennzeichnete j als abartig, marschierte als SS in dessen Läden und trieb es aus den Wohnungen. j blieb keine Zeit zu fliehen, SS übernahm den Transport, pferchte j in Waggons und vergaß nicht, den Riegel vorzuschieben. j hatte nichts mitnehmen können, aber dort, wo es hinging, bräuchte j auch nichts. Schon gar nicht sein Geld. Auf den Toren, die sich nur einmal für j öffneten, stand zu SS’s Belustigung zu lesen: »Arbeit macht frei!«
     Er expandierte, annektierte und eroberte, aber an der kyrillischen Schrift biSS er sich die Zähne aus.
     Er explodierte.

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