BUCHSTABENSUPPESuppentasse
Das Online-Projekt
des Literatur-Cafés

  
Aleph-Null
von Andreas Bergmann

Sie schloss die Tür auf und warf den Mantel in eine Ecke. Was für ein Tag! Am Institut ging es mal wieder drunter und drüber. Heftigst haben sie eine neue Theorie von Prof. Gödel diskutiert. Konnte das wirklich sein, dass es ›Löcher‹ in einem auf Axiomen beruhenden System gab? Widerwillig schüttelte sie den Kopf und ging in die Küche, um sich eine Tasse Tee zu kochen.
     Sie setzte etwas Wasser auf und holte die Dose mit dem Bessel-Tee aus dem Schrank. Ein leises Miauen schlich sich in ihre Gedanken und forderte Aufmerksamkeit ein. Möbius, ihr Kater, wollte gestreichelt werden und, was noch wichtiger war, er wollte etwas zu fressen. Sie brühte sich den Tee auf und schon nach kurzer Zeit stieg ihr sein Duft nach Mandelbrot in die Nase.
     In der Post lag ein Päckchen von ihrem Freund H.M.E. mit dem Manuskript für sein neues Buch. In dem beiliegenden Brief bat er sie, sich das Manuskript durchzusehen und Fehler zu korrigieren. Da sie sowieso an diesem Abend nichts vorhatte, beschloss sie das Manuskript durchzusehen; es war auch nicht sehr umfangreich, vielleicht 180 Seiten. Mit dem Tee und dem Manuskript setzte sie sich ins Wohnzimmer und begann zu lesen.
     Nach einiger Zeit hörte sie ein schabendes Geräusch aus der Küche. »Was dieser Kater wohl wieder treibt?«, dachte sie und kümmerte sich nicht weiter drum. Aber das Geräusch verstummte nicht, mittlerweile glaubte sie sogar, ein blechernes Bäng zu hören. Seufzend stand sie auf, um nun doch nach dem Rechten zu sehen.
     »Möbius, manchmal kannst du schon eine Nervensäge sein, weißt du das?«, sagte sie, als sie die Küche betrat. Sie schaute sich um, von Möbius keine Spur. Das Geräusch schien aus dem Schrank unter der Spüle zu kommen. Sie trat an den Schrank heran und öffnete die Tür. Eine Flasche mit Cantor-Reiniger stieß immer wieder gegen den alten Blecheimer der unter der Spüle stand. Als sie nach der Flasche griff, spürte sie ein leichtes ziehen und zerren. Die Flasche entwickelte plötzlich ein höchst eigenwilliges Eigenleben und wie von Geisterhand öffnete sich der Deckel und der Inhalt ergoss sich in die Küche. Transfinite Kräfte ergriffen sie und zerrten sie in ein wirbelndes Chaos aus rekursiven Gleichungen und komplexen Ebenen. Sie war gefangen im Aleph und im Wohnzimmer genoss Möbius die letzten Strahlen des Abendlichts.

© 1998 by Andreas Bergmann. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

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