Foto von Ulrich Struve Stalins Fälschungen
Notizen am Rande - Buchbesprechungen von Ulrich Struve Eines der spannendsten in den letzten Monaten in New York veröffentlichten Bücher ist The Commissar Vanishes von David King. Das reich illustrierte Buch, dessen deutsche Ausgabe im Verlag Hamburger Edition erschienen ist, präsentiert eine historische Archäologie staatlicher Fälschungen von Fotografien und Kunstwerken im stalinistischen Russland. Auf der Grundlage jahrzehntelanger Sammeltätigkeit, detektivischer Spurensuche und akribischer archivalischer Kleinarbeit zeichnet King die von Stalin angeordnete Ausmerzung ideologischer Gegner oder unliebsam gewordener ehemaliger Genossen aus dem visuellen Gedächtnis der Sowjetunion nach.
     Die Gegenüberstellung von Originalfotos und späteren Abdrucken derselben lässt unmittelbar sinnfällig werden, wie die Helfershelfer der Zensur mit Pinsel, Schere, Tusche und Kleister routiniert historische Ereignisse verfälschten. Hier verschwindet ein Kopf, da ein Oberkörper, anderswo ganze Gruppen von Genossen, die Stalins Unmut auf sich gezogen haben. Lücken dürfen auf den zum Druck bestimmten Bildern natürlich nicht zurückbleiben. Sie werden aufgefüllt mit Gebüsch, Wasser, etwas Tapete oder klassizistischen Säulen — vorzugsweise mit hin- und hergeschobenen Parteigenossen. Wo einst Trotzki und Kamenew neben Lenin auf der Treppe der Rednertribüne vor dem Moskauer Bolschoi-Theater standen, werden sie wenige Jahre später von avantgardistischer Grafik verdeckt oder wie von Geisterhand entführt, die Holzbohlen des Podiums werden auf wundersame Weise sichtbar. Retusche macht‘s möglich.
     Auch jubelnde Menschenmengen und die Idealisierung des »Generalissimo« Stalin werden ganz nach Wunsch geliefert, Stalins Pockennarben weichen babyglatter Haut. Veröffentlicht wird nur die nach Parteivorgaben geschminkte Wahrheit. Wie in Orwells 1984 offenbaren diese Bilder die Überzeugung, dass die Zukunft beherrscht, wer das Bild der Vergangenheit kontrolliert.
     Ebenso aufschlussreich ist, wie dienstbare Fotografen, Retuscheure und Künstler Stalins Anspruch, Lenins wahrer Erbe zu sein, unterstützt haben. Plötzlich taucht Stalin in entscheidenden Momenten der Revolutionsgeschichte an der Seite Lenins auf, an Orten, wo er nachweislich nie gewesen ist. Eine besondere Vertrautheit zwischen den kommunistischen Heroen wird konstruiert, um Stalins Machtanspruch zu untermauern. Das wächst sich zum Personenkult aus, der immer überbordender wird. Je schlimmer die realen Zustände im Land sind, desto mehr muss der Verursacher von Hungersnöten und massenhaften Liquidationen gepriesen werden.
     An einigen Stellen schleicht sich unfreiwillige Komik ein. Abbildungen von Rotarmisten aus der Zeit des Bürgerkriegs etwa sind derart offensichtlich Studioaufnahmen (im Hintergrund sieht man nicht freies Feld in der Etappe, sondern aquarellierte Landschaftskonfektionen), dass sie heutzutage in ihrer Ernsthaftigkeit komisch wirken. Nach Zelig und Forrest Gump, mit Adobe Photoshop in jedem beliebigen Computer, werfen aber selbst albern wirkende Bilder und krasse, leicht zu identifizierende Montagen die Frage nach der Zuverlässigkeit und Integrität des Mediums auf. Sich über die Gefahr der Manipulation aus ideologischen oder merkantilen Gründen Gedanken zu machen, ist keineswegs abwegig. Fotografen wie Betrachtern werden zukünftig noch mehr Verantwortungsbewusstsein und Wachsamkeit abverlangt.
     Der überwiegende Eindruck, den die Lektüre von Kings bemerkenswertem Buch hinterlässt, ist jedoch mitnichten komisch. Er ist vielmehr von jener gespenstischen Bedrohlichkeit, die Alexander Rodtschenkos Zehn Jahre Usbekistan vermittelt. Rodtschenko hatte dieses Album 1934 zum zehnjährigen Jubiläum sowjetischer Herrschaft in Mittelasien angefertigt. Drei Jahre später rollten auch dort auf Geheiß Stalins die Köpfe, der bloße Besitz von Abbildungen der betroffenen Männer und Frauen wurde illegal. Daraufhin hat der Künstler in seinem eigenen Exemplar des Buches die Portraits der in Ungnade gefallenen ehemaligen Führungskader mit dicker Tusche übermalt, oft nur die Gesichter. Die Gewaltsamkeit des visuellen Eingriffs bezeugt, wenn auch bis vor kurzem ohne öffentliche Wirkungsmöglichkeit, die realen Liquidierungen.
     In einem hier erstveröffentlichten Foto, das King unter der schlichten Überschrift »Mörder« führt, kommt ein unretuschiertes Bild als historisches Dokument zu Ehren. Ebenfalls 1934 lässt sich Wyschinskij, der Generalstaatsanwalt der UdSSR während der großen Schauprozesse, mitsamt seinen 228 Mitarbeitern auf einem Gruppenbild verewigen. Von den darauf abgebildeten bürokratischen Verwaltern des Massenmordes haben viele das Ende der Dekade nicht erlebt. Sie sind späteren Säuberungen zum Opfer gefallen. Kings Buch zeigt nicht zuletzt, mit welchem Heißhunger die Russische Revolution ihre Kinder fraß. Wyschinskij hingegen starb 1954 in New York; er hatte es schließlich bis zum sowjetischen Außenminister und ständigen Vertreter bei der UNO gebracht.

Ulrich Struve

  • King, David, The Comissar Vanishes: The Falisification of Fotografs and Art in Stalin‘s Russia. New York: Metropolitan Books, 1997. Geb., 192 Seiten, $ 35,00
  • King, David, Stalins Retuschen: Foto- und Kunstmanipulation in der Sowjetunion. Aus d. Engl. v. Cornelia Langendorf. Hamburg: Verlag Hamburger Ed., 1997. Pb., 192 Seiten, 275 Abb., 48,00 DM/24,54 EUR (Preisangabe ohne Gewhr). ISBN 3-930908-33-6.

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