Foto von Ulrich Struve Heimatlust und -frust
Auch ein Kommentar zum Wendejubiläum
Notizen am Rande - Buchbesprechungen von Ulrich Struve

Hinrich Lobek, langjähriger Sachbearbeiter bei der Ostberliner Kommunalen Wohnungsverwaltung und Held von Sparschuhs Roman Der Zimmerspringbrunnen, wird kurz nach der Wende mitsamt der lästigen DDR-Vergangenheit abgewickelt. Die nächsten drei Jahre verdämmert er in Gesellschaft seines Schäferhundes »Freitag« auf der Couch, ein neuer Robinson, der bestenfalls zu gelegentlichen Laubsägearbeiten in den Hobbyraum aufbricht. Doch endlich wittert Lobek Morgenrot! Aufbruchsstimmung wallt mit Macht - und Jens Sparschuhs ost-westlicher Heimatroman über deutsche Nachwende-befindlichkeiten legt noch einen Gang zu und geht mit Volldampf in die Satire.
     
Der von Selbstzweifeln geplagte Ossi bewirbt sich kurzentschlossen bei PANTA RHEIN, einem westdeutschen Produzenten von Zimmerspringbrunnen. Aus seinem alten Lebenslauf kann Lobek immerhin, mit etwas editorischem Geschick, noch den Satz »Bin seit meiner Schulzeit überzeugter Vertreter der sozialistischen Ordnung« ins kapitalistische Abenteuer hinüberretten. Daraus wird die Kurzfassung »Langjährige Erfahrung im Vertreterbereich«, die ihm eine Einladung zur alljährlichen Mitarbeiterschulung von PANTA RHEIN beschert.
     
Als Vertreter-Ost in spe fährt Lobek nach Bad Sülz (!) im Schwarzwald. Die Firmenmodelle - darunter eine »nackte weiße Jungfrau«, die eine bauchige Vase umschlingt, ein »römischer Kaskadenbrunnen«, der an Conrad Ferdinand Meyers Dinggedicht gemahnt, und eine »feuchtglänzende Felslandschaft, üppig von künstlichem Moos überwuchert« - sind im Foyer der Tagungstätte zu bewundern. Einzig und allein Direktor Boldinger und Lobek, der ausersehen ist, unter Ostlern den Claim der Firma abzustecken, erfassen die tiefere Bedeutung der dümpelnden Nutzlosigkeiten. Sie sind »ein leise plätscherndes Nein zur rasenden Gesellschaft«, ein Protest gegen grassierende Sinnkrisen.
     
Ausgerüstet mit kleinen »Oasen der Lebensfreude« tritt Lobek einen wahren Siegeszug durch seinen ehemaligen KWV-Bezirk an, verbreitet die gute Botschaft vom Zimmerspringbrunnen als »Ort spiritueller Ich-Erfahrung«. Das Modell Jona, bei dem ein kleiner Walfisch im Fünfzehnsekundenrhythmus eine schüchterne Wasserfontäne ausspeit, ist, seinem Besserwessi-Erfinder zufolge, »ein erster Schritt weg von der alt-bekannten 'Plätscherecke' - hin zum Erlebnisspringbrunnen, 'the new generation'«. Der Erfolg jedoch stellt sich erst ein, als Lobek den West-Entwurf in Eigenregie DDR-nostalgisch umbaut und fortan unter den Mitgliedern eines »DDR-Heimatvertriebenen-Verbandes« glänzende Umsätze macht. Auferstanden aus Ruinen? Nein, dann schon eher untergegangen wie. Atlantis! Doch der Erfolg bekommt Lobek nur mäßig und verliert sich, angesichts einer schwelenden Ehekrise, in Melancholie. Unser Schwejk der Vertreterbranche endet vorläufig mit einer Buddel im Arm am Bahnhof.
     
Jens Sparschuh, ein gebürtiger Karl-Marx-Städter, kalauert bei all dem fröhlich vor sich hin, nimmt verbreitete Sehnsüchte nach der posthum hochgelobten Nischengesellschaft und das Bild vom Kuschelkommunismus auf den Arm. Er versteht es zu unterhalten und zugleich über tragikomische Verrenkungen und Verdächtigungen im deutsch-deutschen Verhältnis mehr zu berichten als so manche klug gemeinte Abhandlung. Es lohnt sich, Sparschuhs spritzig komischen Zimmerspringbrunnen im Jahre zehn nach der Wende noch einmal zur Hand zu nehmen. Ihm ist ein Heimatroman gelungen, der das Delectare et prodesse der Poetiker glänzend realisiert, und ganz nebenbei bezeugt, dass auch in Deutschland nicht unbekannt ist, was den Deutschen im Ausland so oft abgesprochen wird: Humor.

Ulrich Struve

Jens Sparschuh: Der Zimmerspringbrunnen. Ein Heimatroman. Goldmann/btb 1997., 160 Seiten, 13 DM/6,65 EUR (Preisangabe ohne Gewhr). ISBN: 3-442-72070-2.


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