Foto von Ulrich StruveSprachliche Untugenden
Notizen am Rande - Buchbesprechungen von Ulrich Struve

Sollte es Ihnen, geneigte Leserinnen und Leser, im hitzigen Disput mit einem Bürohengsten, Reservechristus oder Kackademiker, im Streit mit einer Spinatwachtel, Nebelkrähe oder Hupfdohle jemals die Sprache verschlagen — Herbert Pfeiffers Großes Schimpfwörterbuch schafft Abhilfe. Der Band liefert gut 10.000 Retourkutschen, die von der Gauner-, Jugend- und Gossensprache bis zum versnobten bildungsbürgerlichen Beiwort reichen. Sämtliche aufgenommenen Scheltworte sind Personenbezeichnungen, mithin bestens geeignet, einen Gegner im verbalen Schlagabtausch wirkungsvoll durch gezieltes Anbringen eines »Bananenbiegers« oder »Apo-Opas«, eines »Gemütsathleten« oder einer »Qualmtute« in die Schranken zu verweisen.
     
Pfeiffers Sammelleidenschaft schöpft aus literarischen und historischen Quellen ebenso wie aus jüngsten Presseberichten über ausfällig gewordene Politiker und Prominente, deren öffentliche Entgleisungen mittels eines umfangreichen Registers leicht aufzufinden sind. Stöbert man in diesem vollmundigen Handbuch, zeigt sich rasch die partei- und geschlechterübergreifende Attraktivität schimpfender Verbalakrobatik. Dank Pfeiffers kundigen und oftmals gewitzten Anmerkungen zu Herkunft, Bedeutung und Gebrauch der Schimpfwörter, ergänzt durch zahlreiche Varianten und Querverweise, lässt sich die Malediktensammlung, ein wahrer Duden des Schimpfens, vorzüglich zum kurzweiligen Selbststudium zur Steigerung der Schlagfertigkeit verwenden.
     
Liest man tiefergehender, erweist sich das Große Schimpfwörterbuch als ein reiches kulturgeschichtliches Archiv, ein negativer Tugendspiegel. Es belegt, was wann und wo von wem für schimpflich gehalten wurde und welche sozialen und politischen Valenzen bestimmte Schimpfwörter hatten. Es trifft wohl zu, dass das Schimpfen primär dem Abbau von Frustrationen dient — die von Freud psychoanalytisch ausgebaute »Dampfkessel-Theorie« des Schimpfens — und damit der Wiederherstellung eines gewissen Gleichgewichts zwischen Schimpfenden und Beschimpften; man vergleiche die Einträge über Polizisten, wie »Bulle« oder »Abführmittel«.
     
Doch sollte man nicht übersehen, dass Schimpfwörter den ohnedies schon Mächtigen ebenso zu Diensten stehen. Schelte kann leicht zur Drohung, ein Schimpfwort zum Kampfwort werden. Sprachliche Ausgrenzung ist, das lehrt die Geschichte, oftmals die Ouvertüre politischer Ausgrenzung. Und die kann lebensgefährlich sein. »Geht einmal euren Phrasen nach, bis zu dem Punkt wo sie verkörpert werden«, warnt bereits Büchner in Dantons Tod. Pfeiffer weist darauf hin, dass unter den Nationalsozialisten »die oft willkürliche Kennzeichnung als Asozialer nicht selten als Rechtfertigung für die Einweisung ... ins KZ« diente. Wenn heute von Polacken und Makkaronis, von Kanaken (eigentlich ein polynesisches Wort für »Mensch«) oder von Piefkes die Rede ist, so liegen freundliche Nachbarschaftsschelte und rassistische Parolen nicht allzu fern von einander.
     
Das Große Schimpfwörterbuch ist ausgesprochen unterhaltsam. Es amüsiert, indem es über den ungehobelten Umgang der Menschen miteinander informiert, und es erfüllt aufs trefflichste Friedrich Schlegels Forderung, ein Lexikon müsse witzig sein. Aber es macht auch nachdenklich, indem es daran erinnert, welche Folgen wörtlich genommene Worte haben können. Witz und Warnung vereint zu haben, ohne einer politischen Korrektheit erlegen zu sein, die sich selbst und anderen den Mund verbietet, ist eine große Leistung.

 

Ulrich Struve

Herbert Pfeiffer: Das große Schimpfwörterbuch. Heyne Verlag 1999. 559 Seiten, 24,90 DM/12,73 EUR (Preisangabe ohne Gewähr). ISBN 3-453-14865-7.


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