Foto von Ulrich Struve Lyrische Bildbriefe
Notizen am Rande - Buchbesprechungen von Ulrich Struve Die Geschichte der Ekphrasis, der literarischen Beschreibung realer oder imaginärer Kunstwerke, ist mindestens so alt wie Achilles' Schild in der Illias und ebenso lange währt bereits der Streit der Künste über die Vorzüge ihrer jeweiligen Darstellungsmittel.
     Von artistisch-literarischer Eristik ist in den Arbeiten des Kölner Ehepaars Rango Bohne und Jürgen Becker allerdings wenig zu spüren. Die Collagistin und der Lyriker zielen auf die behutsame Annäherung an ein Neues, ein Drittes, das aus der Zusammenschau der Bilder und Gedichte hervorgeht und für das es noch keinen rechten Namen gibt. Eine Art grafisch-literarischer Flaschenpost scheint es, Bildbriefe, die auf zaghafte Übereinstimmungen mit Geahntem abheben, indem sie vorläufige Fluchten und Sichtachsen in imaginierte Landschaften legen. Sie nehmen nur dann den Ruch des Bekannten an, »wenn man sich auskennt«, wie Becker in einem seiner Gedichte festhält.
     Von konkreten Landschaften sehen Bohnes Collagen ab; selten erkennt man Details wie die Weinstockspaliere vor Sanssouci in einem auf Goya bezugnehmenden Blatt, »Schlaf der Geschichte«. Die Künstlerin baut aus papiernen Fund- und Ausrissstücken Landschaften der Erinnerung und Ahnung auf, umkreist in Formen aus Pappkarton, Kreide und Pastell Grenzlinien zwischen Menschenwerk und Natur, auch destruktive Eingriffe des Menschen in Naturwelten oder die Idee der (Blick-)Grenze selbst. Verspielt und verquer, verstörend und betörend zugleich fordern die Collagen den Blick des Betrachters als den eines Mitgestaltenden heraus.
     Jürgen Becker ist zweifelsohne der erste Mitschöpfer Rango Bohnes. Seine Gedichte nehmen ihren Ausgang vom Titel der Collagen, doch bringen sie primär den Prozess der Wahrnehmung selber, dessen Vorläufigkeit und Unabgeschlossenheit zur Sprache. In eine »mögliche« Stadtansicht, in eine »fortgesetzte« Landschaft tasten sich Beckers Texte vor. Dabei gehen Entwurf und Projektion, Aufbau und Zerstörung Hand in Hand—auch mit der Reflexion auf eigene poetologische (und künstlerische) Ansätze.
     Die Lyrik dieses Bandes gleicht, darin den Collagen analog, einem »System, das Zufälle sammelt«. Vielfältig changierende Korrespondenzen zwischen Collage und Gedicht, zwischen Künstlerin und Lyriker und Lesern, zwischen Erinnerung und Ahnung und Landschaftsräumen etablieren ein hermetisches »Verzeichnis der Wünsche«.
     Als Betrachter und Leser dieses sensiblen und klugen Buches wünscht man sich vor allem weitere Kollaborationen von Rango Bohne und Jürgen Becker, an denen sich Blick und Wortsinn schulen ließen.

Ulrich Struve

Korrespondenzen mit Landschaft. Collagen von Rango Bohne und Gedichte von Jürgen Becker. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1996. 21 Abb., 51 Seiten, gebunden im Schuber, 148 DM/75,67 EUR (Preisangabe ohne Gewhr). ISBN: 3-518-40801-1.


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