Näumanns NörgeleiEine Tasse Kaffee
Monatliches vom Café-Tisch - März 1997


Näumann am Café-TischVOX POPULI

oder Die Rentnerschwemme

Moderator: Mit tiefer Betroffenheit und fassungslosem Entsetzen reagierte gestern die Öffentlichkeit auf den neuerlichen Brandanschlag auf ein Seniorenheim. Der Bundesaußenminister sprach von einem irreparablen Schaden für das Ansehen Deutschlands, der sich vor allem auf das Exportgeschäft auswirken wird. Und das in Zeiten, wo wir doch die Konjunktur ankurbeln müssen! Am Telefon begrüße ich nun den Innenstaatssekretär, Herrn Doktor Hesel. Guten Morgen Herr Staatssekretär!
Dr. Hesel: Guten Morgen nach Berlin.
Moderator: Herr Staatssekretär, ist Deutschland ein seniorenfeindliches Land?
Dr. Hesel: Nein, auf gar keinen Fall. In Deutschland kann ein Rentner nach wie vor völlig sicher leben. Die bedauerlichen Ereignisse der letzten Tage ist das Werk von kriminellen Einzeltätern, gegen die wir mit aller Härte des Gesetzes vorgehen werden. Auch der Bundestag wird sich demnächst mit diesem Problem beschäftigen und eine Reihe von Gesetzesänderungen verabschieden. Vor allem soll der Rentenmissbrauch erschwert werden.
Moderator: Also das 'missbräuchliche Erreichen des Rentenalters'...
Dr. Hesel: Ganz genau!
Moderator: Sie meinen also, das Boot ist voll?
Dr. Hesel: Das ist natürlich sehr hart formuliert! Aber schauen Sie, wenn man den internationalen Vergleich nimmt, leistet sich Deutschland mal wieder die liberalsten Gesetzte. Das hat natürlich sehr viel mit unserer Geschichte zu tun, aber sehen sie sich Länder an wie Brasilien oder Burkina Faso, wie großzügig man dort mit diesem Problem umgeht. Die Voraussetzungen sich für das Rentenalter zu qualifizieren sind hart, sehr hart.
Moderator: Was soll denn nun im einzelnen geschehen, Herr Staatssekretär?
Dr. Hesel: Jeder soll auch in Zukunft in Deutschland Rentner werden dürfen, aber wir müssen natürlich auch an die arbeitende restliche Bevölkerung denken. Da liegt sozialer Sprengstoff, und wer will dann noch weiter für die Sicherheit von Seniorenheimen garantieren? Es hat in den letzten Jahren einfach eine Rentnerschwemme gegeben, die wir unserer jungen und dynamischen Bevölkerung nicht mehr länger zumuten können.
Moderator: Es gibt doch nun aber auch Rentner, die schon lange unter uns leben, spazieren gehen und einkaufen...
Dr. Hesel: ... ich wiederhole es gerne noch einmal: Auch in Zukunft wird der Rentner bei uns gerne gesehen sein. Auch ich habe welche in meinem Freundes- und Bekanntenkreis. Aber niemand von ihnen wäre auf die Idee gekommen, einfach das Rentenalter zu erreichen, nur um danach auf Kosten des Steuerzahlers sich einen schönen Lenz zu machen. Nein, der Rentner muss sich schon ein wenig anpassen. Wenn er beispielsweise von den Zinsen seines Vermögens, oder den Einnahmen aus seinen Immobilien lebt, da hat doch niemand etwas dagegen. Ansonsten kann er ja immer noch Zeitungen im U-Bahn-Kiosk verkaufen, oder eine leichte Putzstelle annehmen. Bewegung hält fit bis ins hohe Alter, und wir müssen schließlich alle arbeiten.
Moderator: Würden Sie unseren Hörern jetzt noch verraten, was die Bundesregierung im einzelnen plant?
Dr. Hesel: Nun, es wird eine ganze Reihe von Maßnahmen geben. Zunächst hat sich der Berliner Modellversuch als sehr erfolgreich erwiesen. Dort wurden ja bekanntlich am Ernst-Reuter-Platz die Grünphasen der Fußgängerampeln drastisch verkürzt, was zu einer Halbierung der Rentnerzahlen im Bezirk Charlottenburg führte. Wir werden dies nun bundesweit ausdehnen, und darüber hinaus die Polizeipräsenz vor den einschlägig bekannten Treffpunkten verstärken: Cafés , Konditoreien, Stadtparks, Sozialämter. Und drittens: Ein härteres und konsequenteres Vorgehen gegen straffällige Rentner. Hier waren wir viel zu großzügig, es wurde ja tatsächlich kaum abgeschoben.
Moderator: Das klingt jetzt aber, wenn ich es mal ein wenig überspitzt formulieren darf, sehr nach Polizeistaat...
Dr. Hesel: ...aber ich bitte Sie! Wir leben doch schließlich in einer Demokratie, die wir beschützen müssen - und Sie können sicher sein, dass wir dabei völlig rechtsstaatlich vorgehen. Das zeigt sich doch auch daran, dass wir ein großes Gewicht auf Freiwilligkeit und Eigeninitiative legen. Dafür sollen Anreize geschaffen werden, wie zum Beispiel durch eine großzügige Übernahme der Begräbniskosten durch die Öffentliche Hand. Das käme unterm Strich immer noch billiger und ermuntert unsere älteren Mitbürger zum engagierten Handeln.
Moderator: Danach werden sich unsere Senioren wieder sicher fühlen können. Herr Staatssekretär, wir danken für dieses Gespräch, auf Wiederhören.
Dr. Hesel: Auf Wiederhören nach Berlin.

Es folgt Unterhaltungsmusik.

Johannes Näumann


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