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Andere Entscheidungen, andere Leben: »Die Namen« von Florence Knapp und vier weitere Romane über das, was hätte sein können

»Die Namen« von Florence Knapp

Was wäre, wenn Sie in ihrem Leben andere Entscheidung getroffen hätte? Wäre ihr Leben mit einem anderen Vornamen anders verlaufen? Was im wahren Leben Spekulation bleibt, lässt sich in Romanen durchspielen. Zum Bestseller »Die Namen« stellt Juliane Hartmann weitere »Was-wäre-wenn-Romane« vor.

Wie wäre Ihr Leben mit einem anderen Partner verlaufen oder mit einem anderen Beruf?

Diese Fragen sind faszinierend, weil wir sie im echten Leben nicht beantworten können. In Romanen dagegen dürfen Autoren alternative Lebenswege erkunden und »Was wäre, wenn-Szenarien« durchspielen und vergleichen. Schauen wir uns fünf Bücher an, in denen genau dieses Gedankenspiel literarisch umgesetzt wird.

»Die Namen« von Florence Knapp

Der Debütroman »Die Namen« der britischen Autorin Florence Knapp ist im März 2026 bei Eichborn erschienen und direkt auf der Spiegel-Beststellerliste eingestiegen.

Der Roman beginnt mit einem eigentlich unspektakulären Vorgang: Cora geht zum Amt, um den Namen ihres neugeborenen Sohnes eintragen zu lassen. Ihr Mann gibt ihr »Gordon« vor, weil in der Familie alle Erstgeborenen diesen Namen trugen. In drei Varianten der Geschichte entscheidet sie sich jeweils für einen anderen Vornamen – für Bear, Julian oder Gordon. Jeder dieser Namen markiert den Ausgangspunkt eines eigenen Lebenswegs.

Der Titel »Die Namen« mag etwas irreführend sein. Denn nicht der Name allein prägt das Leben des Kindes. Entscheidend ist vielmehr, wie das Umfeld auf diese Wahl reagiert – insbesondere der gewaltbereite Vater. Seine Reaktionen setzen Dynamiken in Gang, die den weiteren Lebensverlauf maßgeblich beeinflussen.

Im Roman werden drei mögliche Biographien des Protagonisten entworfen. Der Protagonist wächst unter unterschiedlichen Bedingungen auf, an verschiedenen Orten und mit jeweils anderen Bezugspersonen. Man könnte sagen, dass der Name die Erwartungen des Umfeldes widerspiegelt, aber das Schicksal des Jungen nicht allein beeinflusst.

Kapitelweise wechselt Name und Leben, dann folgt jeweils ein Sieben-Jahre-Sprung und wir verfolgen reihum die Geschichte von Bear, Julian und Gordon weiter. So entsteht ein rhythmischer Vergleich der Lebenswege.

Florence Knapp setzt ihre Idee überzeugend um und erzählt spannend. Das Thema der häuslichen Gewalt nimmt in der teilweise brutalen Geschichte großen Raum ein.

Das Besondere am Roman von Florence Knapp ist, dass die drei verschiedenen Lebenswege des Kindes von Geburt an (1987) bis weit ins Erwachsenenalter hinein (2022) in den Blick genommen werden, also eine Zeitspanne von 35 Jahren.

Florence Knapp; Lisa Kögeböhn (Übersetzung): Die Namen: Roman. Drei Vornamen, drei Lebenswege. Gebundene Ausgabe. 2026. Eichborn. ISBN/EAN: 9783847902294. 24,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel

»4 3 2 1« von Paul Auster

Ein Klassiker der »Was-wäre-wenn-Geschichten« ist Paul Austers Roman »4 3 2 1«. Allein schon der Umfang von über 1.000 Seiten in der deutschen Übersetzung zeigt, wie ausführlich Paul Auster vier Lebensvarianten seines Protagonisten Archibald »Archie« Ferguson von der Geburt 1947 bis in die 1970er-Jahre hinein. Nach einem gemeinsamen Anfangskapitel wechselt auch Auster das Leben kapitelweise, bevor in diesem Buch jeweils ein 10-Jahres-Sprung erfolgt.

Obwohl der Protagonist in seinen Leben gemeinsame Merkmale oder Interessen besitzt, entfalten sich die Leben dennoch unterschiedlich. Wie in den Werken von Paul Auster üblich, ist es oft der Zufall, der die Lebensläufe beeinflusst.

Paul Auster; Übersetzung: Thomas Gunkel u.a. (3 weitere): 4 3 2 1. Taschenbuch. 2018. Rowohlt Taschenbuch. ISBN/EAN: 9783499271137. 24,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel

»Die Mitternachtsbibliothek« von Matt Haig

Ein weiterer moderner Klassiker, wenn es um die Was-wäre-wenn-Fragen des Lebens geht, hat Matt Haig mit seiner »Mitternachtsbibliothek« geschrieben.

Der Roman des britischen Bestsellerautors erzählt die Geschichte von Nora Seed, eine Frau Mitte dreißig, die ihr Leben als gescheitert betrachtet. Reue und Selbstzweifel lassen ihr keinen Raum mehr für Hoffnung: Nora ist so verzweifelt, dass sie ihrem Leben ein Ende setzen möchte.

Doch dann stößt sie auf eine Bibliothek zwischen Leben und Tod. In dieser besonderen Bibliothek beinhaltet jedes Buch eine alternative Version ihres Lebens – entstanden aus den Entscheidungen, die sie nicht getroffen hat. Nora erhält die Möglichkeit, all diese Leben auszuprobieren: Was wäre geschehen, wenn sie einen anderen Beruf gewählt hätte, eine andere Beziehung eingegangen wäre oder ihre Prioritäten anders gesetzt hätte?

Die verschiedenen Lebensvarianten werden nicht schematisch abgearbeitet, sondern unterschiedlich ausführlich und fließend dargestellt. Dadurch steht weniger die Vielzahl der Möglichkeiten im Vordergrund als vielmehr Noras persönliche Entwicklung.

Der phantastische Rahmen des Romans kontrastiert mit den realistisch erzählten Lebensvarianten. Am Ende verdichtet sich alles zu einer tröstlichen Erkenntnis: Kein mögliches Leben ist perfekt.

Matt Haig; Sabine Hübner (Übersetzung): Die Mitternachtsbibliothek: Roman. Taschenbuch. 2023. Droemer TB. ISBN/EAN: 9783426308257. 12,99 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel

»Im Leben nebenan« von Anne Sauer

»Im Leben nebenan« von Anne Sauer

Während Matt Haig zahlreiche Alternativen durchspielt, konzentriert sich Anne Sauer in ihrem Roman »Im Leben nebenan« auf zwei Varianten eines Lebens.

Protagonistin Toni wacht eines Morgens in einer völlig anderen Realität auf: Statt in ihrer Großstadtwohnung mit ihrem Partner lebt sie plötzlich im Dorf ihrer Kindheit, verheiratet mit ihrer Jugendliebe und mit einem Baby.

Der Roman stellt zwei konträre Lebensmodelle gegenüber und bleibt dabei bewusst überschaubar. Es gibt keine Zeitsprünge, sondern Momentaufnahmen: Einmal ist »Toni« die Mutter eines kleinen Kindes, einmal »Antonia« die Frau in der Großstadt mit Kinderwunsch. In relativ kurzen Abständen wechselt die Perspektive. Durch Namen und Kapitelgestaltung bleibt die Orientierung klar.

Anders als in den anderen vorgestellten Romanen wacht die Großstadt-Antonia plötzlich in einem anderen Leben auf – ohne zu wissen, wie sie dorthin gelangt ist. Sie kennt weder die Umstände noch ihre neue Rolle und muss sich erst nach und nach orientieren, insbesondere als Mutter eines Neugeborenen. Die Protagonisten in »Die Namen« und »Liebespaarungen« (siehe unten) sind sich ihrer alternativen Lebenswege hingegen nicht bewusst.

Im Zentrum stehen bei Anne Sauer Fragen nach Kinderwunsch und Muttersein – und danach, wie unterschiedlich Lebensentwürfe sich anfühlen können.

Anne Sauer: Im Leben nebenan: Roman. Gebundene Ausgabe. 2025. dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG. ISBN/EAN: 9783423284837. 23,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel

»Liebespaarungen« von Lionel Shriver

»Liebespaarungen« von Lionel Shriver

Ein anderer Roman, der ebenfalls parallel zwei mögliche Lebenswege für seine Protagonistin bereithält, ist »Liebespaarungen« der US-amerikanischen Autorin Lionel Shriver.

Wie der Titel nahelegt, steht die Frage der Partnerwahl im Mittelpunkt. Irina lebt in einer langjährigen Beziehung mit dem verlässlichen, politisch engagierten Lawrence, fühlt sich jedoch zugleich zum charismatischen Snooker-Spieler Ramsey hingezogen. In einer Version entscheidet sie sich für einen Seitensprung, in der anderen bleibt sie ihrem Partner treu.

Die Kapitel sind doppelt angelegt, in jedem wird zuerst eine Variante von Irinas Leben, dann die andere erzählt. In beiden Handlungssträngen begleitet der Leser die Protagonistin über einen längeren Zeitraum hinweg.

So wird sichtbar, dass unterschiedliche Entscheidungen zwar zu verschiedenen Lebensverläufen führen – grundlegende Konflikte und innere Muster jedoch bestehen bleiben. Man kann seinem eigenen Wesen nur begrenzt entkommen.

Lionel Shriver; Monika Schmalz (Übersetzung): Liebespaarungen. Gebundene Ausgabe. 2009. Piper. ISBN/EAN: 9783492050968. 19,99 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel

Juliane Hartmann

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