
Es war zu einer Zeit, als es X-Faktor und Faktenchecker noch nicht gab. Auf der Bühne stand ein Mann, der mit Schweizer Akzent berichtete, dass auf unserer Welt schon Außerirdische waren. Alles war so dilettantisch und wunderbar märchenhaft. Der wunderbare Märchenerzähler Erich von Däniken ist am 10. Januar 2026 im Alter von 90 Jahren gestorben.
Ein Fan von Erich von Däniken war ich nie, aber ich war ein Fan seines Vortragsstils, der mich nachhaltig beeindruckt hat. Es muss – wie Fragmente im Stadtarchiv Augsburg belegen – im Jahre 1989 gewesen sein, als ich aus irgendwelchen Gründen den Vortrag »Die Augen der Sphinx – Neue Fragen an das alte Land am Nil« im Augsburger Barbarasaal besuchte.
Der Abend blieb mir nachhaltig in Erinnerung. Ich sehe mich irgendwo in der 10. Reihe leicht rechts von der Mitte sitzen. Von mir aus gesehen links auf der Bühne stand ein Mann am Rednerpult. Der Raum war nahezu dunkel und das Gesicht des Redners im Wesentlichen von unten warmweiß von der Leselampe am Pult beschienen. In der Mitte der Bühne eine Leinwand, auf die Dias projiziert wurden. Mit Schweizer Akzent berichtete der Mann von seinen Reisen nach Ägypten und dass er dort in den Pyramiden auf Spuren von Außerirdischen gestoßen war, ja dass – so glaube ich mich zu erinnern – die monumentalen Bauwerke selbst von extraterrestrischen Wesen errichtet wurden. Denn die Menschen von damals wären mit ihren technischen Möglichkeiten niemals in der Lage gewesen, solche Dinge zu erbauen.
Ich glaubte das damals nicht, immerhin hatte ich früher im Gemeindezentrum meiner Heimatstadt den Film »Die 10 Gebote« mit Charlton Heston als Moses gesehen, der den Bau der Pyramiden durch Menschen zeigte.
Aber an diesem Abend in Augsburg glaubte ich alles, weil es einfach so märchenhaft schön war. Weil es der Schweizer Märchenonkel so schön erzählte. Und weil er Belege in Form von Fotografien zeigte. Die wiederum wirkten alles andere als wissenschaftlich, sondern mehr wie die Schnappschüsse unzähliger Kreuzfahrturlauber am Nil. Die Bilder belegten nichts und doch alles.
Vielleicht wurde mir damals endgültig klar, dass es primär nicht die Inhalte sein müssen, die beeindrucken, sondern dass es die Form und Inszenierung ist, die bleibt und bleibenden Eindruck erzielt.
Ich war einen Abend lang nicht fasziniert von der Anwesenheit der Außerirdischen auf unserer Erde, sondern von diesem Mann, der es glaubhaft erzählte, sodass ich mich fragte, ob er es selbst glaubt, weil er es selbst so gut erzählen kann.
Damals gab es den Info-Overkill im Internet noch nicht. Um weiterzulesen gab es Bücher, und da ich an diesem Abend wenig Geld in der Tasche hatte, kaufte ich das günstigste Buch vom Büchertisch und ließ es signieren: »Kosmische Spuren. Neue Entdeckungen und Funde der Präastronautik aus fünf Kontinenten«. Ich besitze das Buch noch heute, aber ich kann mich nicht daran erinnern, länger darin gelesen zu haben. Denn es waren ja nicht die Inhalte, die faszinierten, und es fehlte schlichtweg die Form des erzählerischen Vortrags.
Vielleicht, so denke ich noch heute, war es an diesem Abend, als mir bewusst wurde, wie man Text inszenieren kann. Dass es keiner großen Bühnentechnik bedarf, sondern dass da einer stehen muss, der uns mit seiner Erzählung und seiner Stimme begeistert, selbst wenn er kein Profisprecher ist und einen Schweizer Akzent hat.
Immer wenn in den Jahren darauf die Rede auf diesen Mann kam, berichtete ich von diesem beeindruckenden Märchenabend.
Und Jahre später sollte ich den Mann nochmals erleben und nochmals begeistert sein, da er bei seiner Form des mystischen Diavortrags geblieben war. Noch einmal war ich einen Abend mit ihm und mit Außerirdischen unterwegs.
Später gab es Fernsehreportagen oder Websites, die belegten, dass das, was der Mann erzählte, Unsinn war. Doch das war vollkommen egal, denn es tat der Mystik der Abende keinen Abbruch, denn für diese Stunden wollte man es einfach glauben.
Gestern, am 10. Januar 2026, starb Erich von Däniken im Alter von 90 Jahren.
Wolfgang Tischer

