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Beitrag vom 9. Januar 2016 | Rubrik: Literarisches Leben

Mein Kampf: Absurde Auflagenpolitik fördert das Geschäft mit rechtem Gedankengut

Die kritische Ausgabe von »Mein Kampf« wird derzeit für 1.000 Euro angebotenDie Diskussion um Hitlers verbotenes Pamphlet »Mein Kampf« nahm in den letzten Jahren absurde Züge an. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass schon ein kurzer Blick in dieses Buch jeden auf der Stelle zu einem strammen Nazi werden lässt.

Bereits 1999 schrieb Alexander Wolff im literaturcafe.de: »Man könnte das Problem ›Mein Kampf‹ sehr einfach lösen: In dem man dieses Verbot aufhebt und das Buch durch eine kritische Veröffentlichung entmystifiziert.«

Jetzt ist diese Ausgabe endlich da – allerdings nur in einer Erstauflage von 4.000 Stück. Bereits vor Erscheinen war sie vergriffen. Die absurde Auflagenpolitik fördert das Geschäft mit rechtem Gedankengut. Ohnehin kaufen derzeit viele Menschen blind einfach alles, was den Titel »Mein Kampf« trägt.

15.000 Vorbestellungen habe es für die kritische Edition gegeben, die das Institut für Zeitgeschichte im Auftrag des Staates Bayern erstellt hatte. 70 Jahre nach dem Tod des faschischtischen Diktators endete die urheberrechtliche Schutzfrist am 31. Dezember 2015. Die Rechte an diesem Werk Hitlers, in dem er seine Ideologie und seinen krankhaften Rassenwahn beschreibt, lagen bis dahin beim Freistaat Bayern. Trotz Ablauf der Schutzfrist bleibt der Verkauf von »Mein Kampf« in der unkommentierten Ausgabe in Deutschland auch nach dem 31. Dezember 2015 verboten.

Die krtische Ausgabe, erstellt im Auftrag des bayerischen Staates

59 Euro kostet die neue zweibändige kommentierte Ausgabe. Doch die absurde Auflagenpolitik führt nun dazu, dass Geschäftemacher selbst für die derzeit vergriffene legale Ausgabe horrende Preise verlangen. »Ab 999 Euro« ist das Werk derzeit (09.01.2016) via Amazon bei Dritthändlern erhältlich. Auch bei ebay dürfte die Ausgabe absurde Preise erzielen. Auktionen, die zum Teil erst in sechs Tagen ablaufen, stehen bereits jetzt bei weit über 150 Euro.

Mein Kampf? Gekauft!

Das Groteskeste ist jedoch, dass bei Amazon eine ältere kommentierte Ausgabe aus dem Jahre 1991 lediglich von Ausschnitten des Werkes auf Platz 1 der meistverkauften Bücher steht. Offenbar merken die Käufer nicht, dass es gar nicht die neue kritische Ausgabe ist.

Denn sie wissen nicht, was sie kaufen: Eine alte Ausgabe aus dem Jahre 1991 mit Ausschnitten aus Hitlers Werk steht derzeit auf Platz 1 der Amazon-Buchverkaufscharts

Denn sie wissen nicht, was sie kaufen: Eine alte Ausgabe aus dem Jahre 1991 lediglich mit Ausschnitten aus Hitlers Werk steht derzeit auf Platz 1 der Amazon-Buchverkaufscharts

Und obwohl die neue kritische Ausgabe selbst vom Zentralrat der Juden unterstützt wird und sogar der Einsatz als Unterrichtsmaterial denkbar ist, fördert offenbar auch der Buchhandel indirekt die Geschäftemacherei zu überteuerten Preisen, indem man die kritische Ausgabe nicht unbedingt in die Regale stellen will.

Was verboten ist, ist begehrt. So sehr – das zeigt der Blick auf die Bestsellerliste –, dass die Menschen gar nicht merken, was sie da eigentlich kaufen. Hauptsache es steht »Mein Kampf« drauf. Dass in vielen Medienberichten von einem überraschenden »Run« auf die kritische Ausgabe zu hören ist, überrascht doch sehr.

Glücklicherweise sind weitere Auflagen in Vorbereitung, die nächste soll bereits am 18. Januar 2016 ausgeliefert werden. Dass durch die künstliche Verknappung die Geschäftemacherei mit rechtem Gedankengut gefördert wird, bleibt hoffentlich die letzte Farce des bayerischen Staates mit diesem menschenverachtenden Machwerk.

Wolfgang Tischer

Hitler, Mein Kampf: Eine kritische Edition. Gebundene zweibändige Ausgabe. 2016. Institut für Zeitgeschichte München – Berlin IfZ. ISBN/EAN: 9783981405231. EUR 59,00 » Beim Institut für Zeitgeschichte bestellen

Anmerkung und Ergänzung: Was ist verboten?
Verboten im eigentlichen Sinne ist und war »Mein Kampf« nicht. Man darf das Buch besitzen, man darf es lesen und man darf es sogar kaufen. Selbst wer sich eine PDF-Version aus dem Netz herunterlädt, begeht keine strafbare Handlung und seit dem 1. Januar 2016 auch keinen Urheberrechtsverstoß mehr. Nach Auffassung der Innenminister der Länder ist jedoch auch mit Wegfall des urheberrechlichen Schutzes eine Verbreitung oder ein Nachdruck des unkommentierten Originaltextes in Deutschland nicht zulässig, da man sich der Verbreitung verfassungsfeindlicher Propaganda sowie der Volksverhetzung strafbar mache.