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Suppentasse

  
Das keusche »D«
von Ulrich Freier

Sicher, es gibt viel aufregendere letterhafte Diven. Da ist zum Beispiel das E.
     Irgendwie scheint es mit seinen drei schlanken Armen jedes noch so unergründliche Geheimnis umfassen zu wollen. Geradezu obszön, wie es zwischen seinen beiden Schenkeln... aber lassen wir das.
     Nicht genug, dass es die Erotik beherrscht, nein, sein Egoismus, der übrigens all diesen kapriziösen Vokalen zu Eigen ist, macht es geradezu blasphemisch hochmütig. Nichts und niemand ist vor seiner zur Schau getragenen Selbstüberschätzung sicher.
     Und wie zum Hohn, wenn es in lässiger Verführerpose in fast jedem bedeutungsschweren Wort seine Einzigartigkeit zur Schau stellt, fragt es kokett: »Na, versuch' doch ohne mich auszukommen!« Typisch E halt, diesen Typ kennt man ja. Hält sich für unwiderstehlich, macht an, verwirrt… und dann kommt das böse Erwachen und der Kater danach. »Kurz ist der Wahnsinn…« — und fast möchte man intonieren: GoEthE hat immer recht.
     Wenden wir uns dem anderen Nachbarn des D zu: das C. Sicher, es hat nicht die südländische Rasse des Vokals, aber die Art, in der es sein BeCken weit für jeden Einfluss öffnet, siCh in jedes iCh und diCh einschleiCht, wie ein Dieb in der Nacht, vulgär für jeden flüChtigen Moment offen, schamlos, ja geradezu Ekel erregend, wie es sich durch seine Unscheinbarkeit eine nicht unbedeutende Rolle in der Hautevolee der Wortaristokratie erringt. KrieCherisch stiehlt es sich fast unmerklich in jede noch so unschuldige Konstellation virginaler Lettern, verseuCht heimtückisch mit seiner geblähten Rundung jeden Anflug von Sittlichkeit.
     Wieviel angenehmer ist da doch das D. Sage mir einer was er will, aber ich liebe es. Man betrachte nur die keusche Anmut, mit der es die runde Vulva seiner Fruchtbarkeit durch einen strengen Schenkel vor jedem leichtfertigen Eindringen behütet. Nichts von dieser dreisten Impertinenz der Vokale, oder von diensteifrigen Konsonanten, die sich jedem andienen.
     Einmal hatte ich die Gelegenheit ein D zu treffen, dass sich auf einer Frühlingswiese räkelte, und es genoss es, von all den orthographischen Zwängen befreit zu sein. Ich näherte mich mit ehrfurchtsvoller Andacht, räusperte mich ein paarmal, stellte mich, der Etikette entsprechend, artig vor. »Sie wünschen?« Mit einem aufregendem Alt, voller Noblesse wurde diese Frage gestellt. »Nun, wenn es nicht zu viel verlangt ist, würde ich gerne erfahren, wie sie Ihre Rolle in der Sozialisation des Alphabetes seit der hethitischen Keilschrift definieren.« »Oh mon cher, lassen sie uns die Sonne genießen, den Flug der ersten, noch unbepollten Schmetterlinge, den würzigen Duft des Jasmins und der keimenden Kräuter. Und meine Rolle, liebster Freund: ich verleihe jedem Ding sein Geschlecht. Zumindest ist es ohne mich nicht möglich. Was will ich mehr. Denn was wäre eine Welt ohne Artikel! Zudem verhelfe ich orientierungslos gewordenen Charakteren im Da und Dort zu Ziel und Richtung. Gewiss, oft wollen mich diese lästigen Vokale von meiner mir zugedachten Rolle verdrängen. Aber die Zeit lehrte mich, ihrer Herr zu werden, und so müssen sie sich hinten anstellen.
     Aber am meisten freut es mich, dass jeder Dichter mich zu seinem Entree macht.«

Zustimmend brummte eine noch etwas unterkühlte Hummel vorbei. Und ich fing an, über die Rolle des D genauer nachzudenken.
     Ja, es hatte Recht, in seiner distinguierten Art, der ruhigen Besonnenheit.
     Langsam erhob es sich von dem frischen Grün. »Mein liebster Freund, entschuldigen Sie mich bitte, und seien Sie mir nicht bös, aber soeben will jemand ein Gedicht über DIE LIEBE schreiben, und da bin ich leider unabkömmlich.«

Was blieb mir übrig, ich ließ es also ziehen, und wunderte mich nun nicht mehr, warum ich DresDen so liebe.

© 1998 by Ulrich Freier. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

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