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Kim Pezalla
Restaurierung

BadDie Restaurierung unseres Badeszimmers hat mich zu einigen Überlegungen angeregt. Das begann mit dem Abschied nehmen vom alten Badezimmer. Die vielen Erlebnisse, in diesen mit gelben Kacheln besetzten Wänden, kommen mir in den Sinn. In diesem Raum, er gehört zu den intimsten Räumlichkeiten der gesamten Wohnung, herrscht Privatatmosphäre. Hier bin ich ganz alleine mit meinem Körper und den Ausscheidungen aus diesem, meinem Körper. Hier steht die Waschmaschine und der Trockner, die eigentlichen hausfraulichen Tätigkeiten verrichte ich hier.

BadJedem Morgen beginne ich im Bad mich zu begrüßen, ich schaue mich an, und mache mich mit mir jeden Morgen erneut bekannt. Ich erkenne mich in dem Spiegel, den ich vor einigen Jahren vom Ex-Ehemann meiner Freundin selbst habe anfertigen lassen, nach eigenen Vorstellungen und eigenen Maßangaben. Dieser Spiegel ist mein Stolz, er vergrößert dieses, ansonsten recht kleine Zimmer räumlich und bringt alles, bis in den kleinsten Winkel zum Vorschein. Durch diesen Spiegel starte ich in den Tag. Ich entdecke kleine, neu entstandene Fältchen und auch jedes neue graue Haar. Ich kann mich nicht verstecken, denn durch den Lichteinfall, erfüllt der Spiegel den Raum mit übergroßer Helligkeit. An mir kann sich nichts verstecken, alles stellt sich zur Schau. Das ist es was mir gefällt, Klarheit, Gewissheit.

BadAls unsere Kinder klein waren haben sie in der Duschwanne gebadet. Es waren winzige, süße, zarte, kleine Leiber die sich im leichten Schaum der Wanne aalten. Sie sahen aus wie kleine Tiere mit dicken weichen Milchbäuchen, einfach zum anbeißen. Und sie fühlten sich offensichtlich pudelwohl, denn ihre kleinen Händchen klatschten auf das Wasser und voller Freude warfen sie die Köpfchen hin und her. Dabei gerieten ihre Öhrchen und auch ihre kleinen Mündchen unter Wasser. Als würden sie ertrinken, ruderten sie mit den Armen, planschten sich dabei ganze Ladungen des warmem Wassers ins Gesicht und dann war Schluss mit lustig. Ein erregtes Geschrei begann und der ganze Badespaß hatte ein Ende, Jetzt hieß es nur noch: »Raus hier«. Doch kaum hatte ich sie zum Sitzen hochgezogen, ließ das Geschrei nach und von »Raus hier« konnte nicht die Rede sein. Solche Badesaisons brachten uns allen viel Spaß. Doch unser Badezimmer war nicht nur zum baden da. Es war auch das Zimmer in dem blutige Arme und Beine verarztet wurden. In dem Sorgen ausgetauscht wurden und Streicheleinheiten kleine, seelische Verletzungen wieder genesen ließen.

BadEines Tages kam unsere Mittlere nach Hause. Keine Träne war in ihrem angespannten Gesicht, sie zeigte mir ihre Hand mit den Worten: »Mama, ich brauche ein Pflaster«. Diese Hand war blutig und ein Finger war blau-violett verfärbt und von einer Verletzung war deutlich nichts zu sehen. Nachdem ich die Hand gesäubert hatte, erkannte ich, was fehlte, es war ihr Fingernagel. Ich war entsetzt. Der Nagel hing nur noch an einem kleinen Hautfetzen am Finger. Ich entschied schnell, dass er nicht mehr anwachsen konnte und bei der nun folgenden, antiseptischen Säuberung sagte ich, » jetzt tut es mal weh«, und damit riss ich den Rest des Nagels ab. Jetzt erst fing unser Kind an zu weinen. Sie schrie und griff nach einem Handtuch um den Schmerz und das Weh ins Handtuch zu schreien. Die Tränen kullerten über ihr blass gewordenes Gesicht und mir tat es unendlich leid, dass sie großen Schmerz aushalten musste. Fieberhaft versorgte ich den Finger und nahm sie dann tröstend in meine Arme. Bis die Tränen versiegten haben wir uns in den Armen gelegen, uns gewiegt, und in den gelben, immer noch glänzenden Kacheln lächelten wir uns Mut zu. Mut diesen Schmerz auszuhalten.

BadUnd da gab es auch die Nächte in denen ich mit unserer Jüngsten im Arm ins Badezimmer gestürzt bin, einen nassen Lappen auf ihre Stirn gelegt habe und sie angefleht habe endlich wach zu werden. Ich saß mit ihr auf der Toilette und sie hielt sich an der Toilettenpapierhalterung fest. Sie flehte mich an leise zu sein. Ihr Zeigefinger war über die Lippen gelegt und ein wiederholtes »scht, scht«, deutete mir an, doch endlich leise zu sein. Ihre Augen waren wie im Schlaf geschlossen. »Da kommt ein großer Berg auf uns zu«, sagte sie. »Lauf weg, Mama, lauf«. Ich bekam es mit der Angst zu tun, war mein Kind verrückt? Waren Aliens da um sie zu holen? Ich wusste nicht was ich tun sollte, saß da mit einem kalten Waschlappen und benetzte ihre Stirn. Doch da war das helle Licht und mein großer Spiegel im Badezimmer, der alles klar erscheinen ließ. Ich frage mich, ob sie noch schlief, noch im Traum war oder doch schon wach war und Dinge und Wesen sah, die ich nicht sehen konnte? Doch das Badezimmer war unser geschützter Raum, hier konnte uns niemand etwas anhaben, hier war es hell und alle eventuellen Feinde waren zu sehen.

BadEbenso war das Badezimmer auch der Friseursalon. Die Haare wurden in der Dusche gewaschen und anschließend nahmen die Damen auf einem Stuhl vor dem großen Spiegel Platz. Wie im richtigen Friseursalon konnten sie mit Ansehen was an ihrem Kopf passierte, und ich konnte die genaue Haarlänge den Angaben entsprechend schneiden. Das Fönen der Haare wurde zelebriert und wieder war der Spiegel die Hauptattraktion, denn er zeigte die bezauberndsten Mädchen unter der Sonne.

BadAls ich eine Glaswand mit entsprechender Glastür anbringen ließ, war die Zeit der vielen Duschvorhänge zu Ende. Es gab kein lästiges Spritzwasser mehr und keine Pfützen vor der Dusche. Nun wurde das Duschen auch von den Eltern als Badespaß genossen. Es war eine Wonne zu duschen und die Zeit unter der Dusche wurde zur richtigen Entspannung. Aber auch Schamgefühle konnten erkannt und bearbeitet werden, denn die Mädchen waren in der Pubertät und sich im Eva-Kostüm zu präsentieren, war genau das Gegenteil vom dem was sie augenblicklich wollten. Schnell wurde der heiße Duschhahn aufgedreht und der entstandene Wasserdampf hüllte meine Damen schützend ein.

BadUnser Badezimmer war auch immer ein Aufenthaltsraum, fast könnte ich sagen ein Treffpunkt, für alle Familienmitglieder. Wir waren fünf und da kam es schon mal vor, das der eine auf dem Topf saß, eine andere duschte und der Rest sich die Hände wusch, die Zähne putze oder die Haare fönte. Einzig und allein ein Telefonklingeln konnte diese Idylle stören. Durch das feine Klingeln fühlte sich jedes Mädchenherz angesprochen und in Null Komma Nix war das Badezimmer leer, und nur der Vater saß 'verlassen' auf seinem Klo.

BadEs war an der Zeit zu renovieren und in diesem Zusammenhang erfragte ich bei unserem Hausbesitzer, ob wir eine neue Duschwanne einbauen könnten, das Porzellan war nach den vielen Jahren abgenutzt. Er war überrascht von meinem Vorschlag, doch wollte er darüber nachdenken. In der folgenden Zeit habe ich in Gedanken das Bad völlig neu konzipiert. Andere Kacheln an die Wände und auf den Boden gelegt, die Sanitärenanlagen habe ich versetzt, die Badezimmermöbel erneuert und eine andere Beleuchtung angebracht. In meiner Vorstellung machte ich schipp, und alles war fertig. Solche Art von Gedankenspielen macht mir große Freude. Ich fühlte mich als passionierte Innenarchitektin. Doch noch musste ich mich in Geduld üben.

Dann kam der Tag X.

© 2001 by Kim Pezalla. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.


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