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Ende

Happy-End: Der Ritt in den Sonnenuntergang
Jutta Miller-Waldner und Horst Dinter über O-Bein-Romane und den schmalen Grat zwischen Kitsch und Kunst

Und wieder schloss der glückliche Anton
die Geliebte in seine Arme.
Freytag

Darum fand ich alle Filme schön, die so zu Ende gehen, mit einem Kuss, einem langen, unendlichen Kuss, während der Vorhang fällt, ganz leis' und langsam …
Schlusssatz in Einmal Venedig und zurück

»Jedes Pärchen glaubt das Märchen: Liebe hat ewig Bestand«, heißt es in dem Lied aus dem Film Der Kongress tanzt, und in vielen, ach zu vielen Geschichten haucht sie zum Schluss »Ja!«, ist endlich im »Besitz der wunderbaren Leidenschaft …, die bisher wie ein großer Vogel mit rosigem Gefieder im Glanze poetischer Himmelsweisen über ihr geschwebt hat« (Madame Bovary) und hört die Hochzeitsglocken klingen (oder sollten wir besser schreiben dröhnen?). Und viele, ach zu viele Leser(innen) glauben an den »Ritter mit weißer Feder auf schwarzem Ross«, der sie auf sein Pferd, an sein Herz und in sein Schloss nimmt, und an die unsterbliche Liebe. Aber Lilian Harvey singt weiter: »Doch einmal heißt es: Reich mir zum Abschied die Hand. Dann ist der Himmel nicht mehr blau, dann weißt du’s ganz genau: Das gibt’s nur einmal, das kommt nicht wieder, das ist zu schön, um wahr zu sein …« Auch die arme Bovary muss erfahren (und wir mit unseren vernarbten Herzen wissen), dass die kitschigen Bilder trivialer Romane nicht das wahre Leben spiegeln, dass das Happy-End verlogen ist und nichts als ein Klischee. Schließlich schießt der gute Amor mit Pfeilen und nicht mit Rosen auf seine Opfer. Nur O-Bein-Romane (sie sind zusammen, gehen auseinander und kommen wieder zusammen), bei denen mit den immer gleichen einfallslosen Worten, den immer gleichen breitgetretenen Metaphern immer dasselbe Thema (er reich, sie arm) einfallslos geschildert wird, enden immer mit einem Happy-End, weil das die Leserinnen erwarten.

Aber nicht nur romantische Leserinnen erwarten ein Happy-End. Irving lässt in der Mittelgewichtsehe seinen Protagonisten erzählen:

Ich sah nie ein fertig gelesenes Buch in seinem Haus. Er sagte mir einmal, die Schlüsse aller Bücher stimmten ihn überwältigend traurig.

Andere Leser wieder lesen nicht Seite für Seite, wie sich das gehört, sondern überfliegen vorher die letzten Seiten, weil sie wissen wollen, ob das Schicksal der Heldin gut ausgeht. Wenn das nicht der Fall ist, lesen sie nicht weiter.

Schlüsse stimmen nicht nur traurig, weil das Schicksal des Helden, mit dem der Leser gebangt hat, schlecht ausgeht, sondern auch, weil er mit dem Ende des letzten Satzes das Gefühl hat, einen Freund zu verlieren. Er sollte sich mit den Anfangszeilen aus Brigitta Weiss’ Gedicht An einen ICE-Mann im Wagen 12 trösten:

Wir beide lesend, angekommen ich
gerade auf dem allerletzten Blatt.
Ob es nicht etwas Trauriges stets hat,
wenn Bücher enden? Fragtest du dann mich.
Ich sagte, nein, mein Leben reiche nicht,
um alle guten Bücher noch zu lesen.

Wir belächeln diese armen Leser, die keine Geschichten lesen mögen, in denen auf der letzten Seite Menschen, die sich einst liebten, gestorben am gebrochenen Herzen oder erschossen von einem eifersüchtigen Liebhaber im Grabe liegen oder sich miteinander langweilen und auseinander gehen. Doch sind es wirklich nur Tante Frieda oder Onkel Franz in uns, die hoffen, dass das Buch glücklich endet? Aristoteles schreibt in der Poetik, dass in der Komödie die Guten belohnt und die Bösen bestraft werden und »niemand tötet oder wird getötet«. Was ist das anderes als ein Happy-End?

Jeder Mensch erlebt Krisen – ohne Krisen kein Glück –, überwindet sie und wird wieder glücklich (oder zumindest zufrieden). Warum sollen Schriftsteller nicht darüber schreiben? Ist es Kitsch, wenn der Held gefallen ist und wieder aufgestanden? Gilt ein Buch nur dann als gute Literatur, wenn der Held scheitert und es mit einer Katastrophe endet? Hatten Goethe, Shakespeare oder Boccaccio, die (auch) zu einem guten Ende gekommen sind, keine Ahnung vom Leben?

Doch, sie hatten. Sie wussten aber, wann das Happy-End angebracht ist: nämlich dann, wenn ein Konflikt damit beendet wird oder eine Krise besonders gefährlich war, wenn das gute Ende psychologisch begründet werden kann.

Sie dürfen ein Happy-End, zumindest ein kleines, auch anbieten, wenn Sie bei einem schweren Thema trotz aller Hoffnungslosigkeit im Großen einen Lichtschimmer im Kleinen, im Persönlichen, zeigen – wenn Sie Ihren Leser mit dem Text versöhnen möchten, damit er nicht in einem Tränenmeer versinkt oder nach vielen Stunden Lektüre den Kopf hängen lässt und sich fragt, weshalb er sich das angetan hat, wo er doch Sinnvolleres hätte tun können, sich Herzblatt anschauen oder den Rasen mähen zum Beispiel.

Doch auch dieses kleine Happy-End müssen Sie begründen. Sie dürfen nicht, wie so manche Trivialautoren, wenn sie mit ihrem Text festhängen, einen Deus ex Machina aus dem Hut zaubern, der plötzlich alles zum Guten wendet und alle Rätsel für den Leser löst, wie zum Beispiel mit einer unerwarteten und unbegründeten Liebeserklärung, sechs Richtigen plus Zusatzzahl im Lotto oder Erbtante Paula, einen Deus, der einen Saulus durch ein unerwartetes Ereignis in einen Paulus verwandelt. Umgekehrt dürfen ein Unfall, ein Orkan oder ein Erdbeben nicht plötzlich die Situation ins Negative verwandeln.

Martin Walser erzählt, dass ihn zwei Leser der FAZ gebeten hätten, den Lebenslauf der Liebe nicht »unglücklich enden zu lassen. Der eine schrieb: ›Ich ahne schon, das kann nicht gut ausgehen, aber ich bitte Sie, heiliger Martin, lassen Sie das nicht zu.‹« Er habe dann auch ein Happy-End geschrieben, aber nicht, weil die FAZ-Leser das gefordert hätten, sondern es habe sich so aber ergeben, Gott sei Dank. Denn ich hätte es nicht willkürlicher schreiben können. Ich versuche jedoch immer das glücklichste Ende herauszuarbeiten, das für eine Romanmasse möglich ist, ohne dass ich fälsche. Ich bin ja selbst so verlangt, dass ich an einem guten Ausgang interessiert bin.

Die viktorianischen Schriftsteller mussten ein Happy-End finden, weil Verleger und Leser das wünschten, und hatten deshalb Probleme, den richtigen Schluss zu finden. Ja, das ganze letzte Kapitel galt als wind-up (Ausklang). Henry James beschreibt es »als die Verteilung von Preisen, Renten, Männern, Frauen, Babys, Millionen, hinzugefügten Abschnitten und vergnügten Bemerkungen zum Schluss«.

Dickens ließ sich sogar im letzten Moment von Edward Bulwer Lytton überreden, Große Erwartungen den Konventionen entsprechend glücklich enden zu lassen (leider kennen wir nicht den ursprünglichen Schluss und wir haben ihn trotz gründlicher Recherche auch nicht gefunden):

Und wie vor langer Zeit, als ich zum ersten Mal die Schmiede verließ, der Morgennebel aufgestiegen war, so erhob sich jetzt der Abendnebel, und in all der Weite ruhigen Lichts, die er mir auftat, sah ich keinen Schatten einer erneuten Trennung von ihr.

Sie können auch die Heldin zum Schluss »ja« hauchen und das Läuten der Hochzeitsglocken nur anklingen lassen. Der Vorhang muss nicht endgültig fallen. Forester wählt solch ein Ende für African Queen (Im Gegensatz zu vielen, vielen anderen Autoren ist nicht die Heldin im Besitz der wunderbaren Leidenschaft, sondern der Held, Charlie Allnutt, sagt: »In Ordnung, Rosie, wir tun’s.« Spielen Sie also auch mit den Möglichkeiten: Verwandeln Sie die Heldin in einen Helden und umgekehrt – warum nicht zwei Frauen oder zwei Männer? –, entgehen Sie so dem Klischee.):

So verließen sie also den See und begannen eine weite Reise in Richtung Matadi und Heirat. Ob sie fortan immer glücklich und in Frieden zusammenlebten oder nicht, ist schwer zu sagen.

Eines ist jedoch bedenken: Ein klischeefreies, unsentimentales Happy-End ist viel schwieriger zu schreiben als ein schlechter Ausgang. Alle Liebesgeschichten balancieren auf dem schmalen Grad zwischen Kitsch und Kunst.


© 2006 by Jutta Miller-Waldner und Horst Dinter. Aus dem Buch »Am Anfang war die Phantasie. Über die Geheimnisse der Schreibkunst«, das leider nicht im Buchhandel, dafür aber direkt bei den Autoren bestellt werden kann.
Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe des Textes - gleich welcher Art - verboten.

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