CMA - Bestes vom Bauern Das Literatur-Café - Der literarische Treffpunkt im Internet
 
<< Vorheriger Beitrag  
Fenster schließen Nächster Beitrag >>
 

Kulinarische Vermittlung
von Patricia Aulich

„Nun aber ins Bett, Kleine!“ Katja drückte ihre zwölfjährige Tochter Bibi an sich.
Aus dem Wohnzimmer zogen herrliche Küchendüfte in das Kinderzimmer.
„Wann kommt Tim denn?“ fragte Bibi ihre Mutter verschmitzt.
„Jeden Augenblick. Nur keine Ungeduld!“ schmunzelte Katja: „Morgen früh siehst du ihn ja!“
Bibi zwinkerte: „Na dann viel Spaß mit Deinem Mann – äh, Lebensabschnittsgef...“
„Schon gut, Bibi.“ unterbrach die Mutter ihre Tochter rasch. „Wir sind auch ohne dieses ganze Trauscheindingbums glücklich. Das weißt du doch.“ Katja lächelte, aber ihre Augen schimmerten. Fünf Jahre schon ...
„Kopf hoch, Mama!“ riß Bibi sie aus ihren Gedanken. „Es kommt schon alles ins Lot!“
Katja drückte das Mädchen: „Schlaf gut, meine Kleine!“
Endlich war der Wildfang im Bett!
Ein letzter Blick in den Spiegel, Lippen nachgezogen – da klingelte es bereits und er war da!
„Alles Gute zu unserem Jubiläum!“ strahlte Tim und zog Katja in seine Arme.
Keiner der beiden kümmerte sich innerhalb der nächsten drei Minuten um das Amaretto-Tiramisu auf dem Wohnzimmertisch ...
Nachdem Katja ihr Haar in Ordnung gebracht hatte, gingen sie Hand in Hand in das Wohnzimmer, um sich den köstlichen Sachen, mit deren Zubereitung Katja den Nachmittag verbracht hatte, zu widmen.
„Wie gut er aussieht!“ dachte Katja, während sie ein Stück Himbeersoufflé von einer Wange in die andere rollte. „Ach, wann nur ...“
„Meine Prinzessin!“ sinnierte Tim zwischen zwei Bissen Honigeis auf Kiwipüree. „Wenn ich nur den Mut fände ...“
Das Essen verlief einträchtig schweigend.
Frau und Mann schauten, schmeckten, rochen, fühlten, genossen ohne ein einziges Wort die Erdbeeren in Kirschwasser, die Weinschaumcréme und die Mandelpfirsiche im Sahnemantel und unterhielten sich in der lautlosen Sprache der Liebenden.
Zu später Stunde kostete Katja einen Löffel des köstlichen Mascapone-Tiramisus und biß auf etwas Hartes.
Sie zog eine kleine Kapsel zwischen ihren Lippen hervor, öffnete sie und fand in ihr einen winzigen Zettel mit nur vier Worten: „Willst Du mich heiraten?“
Katjas glückliches „Ja!“, Tims Verblüffung und folgende freudige Überraschung, die in einer heftigen Umarmung endeten, all' dies dauerte nicht viel mehr als drei Sekunden.
Ein Luftzug ließ sie auseinanderfahren und zur Kinderzimmertür blicken, die einen schmalen Spalt offenstand.
Ohne sich anmerken zu lassen, daß sie sich sehr wohl beobachtet wussten, neigten sie sich einander erneut und in schließendlichem Verstehen zu ...

© by Patricia Aulich. Für die Rechtschreibung sind die Autoren verantwortlich.

 
<< Vorheriger Beitrag  
Fenster schließen Nächster Beitrag >>