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Tag 4: Leipzig liest auch ohne Buchmesse – Popup gerne wieder

Die Akteure der Balkannacht: Radmila Petrović, Hana Stojić, Ismar Hačam, Stefan Boškovi, Tanja Stupar Trifunović, Tatiana Țîbuleac und Lindita Arapi (Foto: Isa Tschierschke)
Die Akteure der Balkannacht: Radmila Petrović, Hana Stojić, Ismar Hačam, Stefan Bošković, Tanja Stupar Trifunović, Tatiana Țîbuleac und Lindita Arapi (Foto: Isa Tschierschke)

Die Leipziger Buchmesse 2022 wurde abgesagt, aber Leipzig liest trotzdem. Zahlreiche Lesungen und eine Popup-Buchmesse unabhängiger Verlage finden vom 18. bis zum 20. März 2022 statt. Die Autorin Isa Tschierschke hat sich auf den Weg nach Leipzig gemacht und berichtet fürs literaturcafe.de. An Tag 3 und 4 geht’s auf den Balkan.

Samstagabend und Sonntag, 19./20. März 2022

Seit Stunden blockiere ich einen der begehrten Sitzplätze im kleinen »Café Emi«. Die gleichnamige Inhaberin bleibt gelassen, während ich tippe und dankbar fürs WLAN mit Gastzugang bin.

»Ist doch schön, wenn sich die Leute so wohlfühlen, dass sie nicht mehr gehen.«

Connewitz lädt ein – fast jeden (Foto: Isa Tschierschke)
Connewitz lädt ein – fast jeden (Foto: Isa Tschierschke)

Nach der letzten Lesung der Initiative Common Ground von traduki hatte ich mich auf Nahrungssuche begeben. Zum Glück gibt es in Connewitz viele Hundebesitzer, die man als Einheimische erkennen kann. Einer von ihnen empfahl mir »Café Emil« (wie ich dachte).

Neues vom Balkan

Die diesjährige Balkannacht am Samstagabend beginnt für jeden der fünf Autoren mit der Frage: »Wasser oder Schnaps?«

Die Antworten fallen so unterschiedlich aus wie die Texte. Das Moderatorenduo Hana Stojić und Ismar Hačam stellt vier Autorinnen und einen Autor vor. Jede von gibt zuerst eine Text-Kostprobe in der Landessprache, bevor die Schauspieler Karin Werner und Thorsten Giese die deutsche Textfassung lesen.

Das Kriegerische ist persönlich

Den Anfang macht Tanja Stupar Trifunović auf Serbokroatisch. In Die Uhren in Mutters Zimmer zeigt sie, wie eine kriegerische Gesellschaft sich auf intime Beziehungen auswirkt. In der Familie, die eigentlich ein Schutzraum sein solle, zeige sich oft »die dunkle Seite der Menschheit«.

Auch in Die Eingemauerte von Lindita Arapi aus Albanien, deren Roman Schlüsselmädchen auch auf Deutsch erschienen ist, geht es um die psychische Bedrohung durch strukturelle Gewalt in der Familie. In der patriarchalischen Gesellschaft Albaniens werde das Selbstbewusstsein von Mädchen ausschließlich über deren Verfügbarkeit für andere gespeist.

Die Stärke der Unterdrückten

Stefan Bošković ist davon überzeugt, dass die Frauen auf dem Balkan in einem jahrhundertelangen Evolutionsprozess Kompetenzen entwickelt haben, die den Jungen und Männern abgehen, weil diese sich zumeist nicht an den Arbeitsprozessen in der Familie beteiligen müssen. So sei es gekommen, dass »die Fähigkeit, sich zurechtzufinden« auch in der literarischen Produktivität von südosteuropäischen Frauen sichtbar werde. Das feministische Multitalent Bošković ist nicht nur Schriftsteller und (Film-) Schauspieler, sondern auch Dramaturg am Montenegrinischen Nationaltheater und Dozent an der Fakultät für Darstellende Künste. Sein Roman Der Minister dreht sich um das Spannungsverhältnis von Kunst und Politik. Ihn habe daran besonders »die Verteilung von Macht interessiert«.

Die Familie als Kampfzone

Tatiana Țîbuleac aus der Republik Moldavien, die in Paris lebt, nimmt sich in Der Sommer als Mutter grüne Augen hatte ebenfalls des Themas Familie an. Das Spannungsverhältnis zwischen einer Mutter und ihrem erwachsenen Sohn bessert sich im Roman erst, als der Sohn von der tödlichen Krankheit der Mutter erfährt.

Die serbische Lyrikerin Radmila Petrović, mit ihren 25 Jahren buchstäblich die kräftigste Stimme in der Runde, spürt »im Nacken den Atem der Ahninnen, die einer männlichen Hand zum Opfer fielen«. Kriegsbedingt ist sie auf dem Land großgeworden und erst als Erwachsene in die Hauptstadt übergesiedelt. Der Stadt-Land-Kontrast zieht sich durch ihr Werk, wobei sie der Natur ihre kräftigsten Impulse verdankt, wie sie sagt: »Das Wesen der Natur ist voller Grausamkeit, und das ist eines der stärksten Bilder für die Poesie.« Stark zu werden hatte sie sich angesichts der Grausamkeit des Krieges auch vorgenommen: »Stark wie ein E-Mail-Passwort. So eine Frau werde ich sein.«

Im Schwindel der Zeit

Kongeniales Trio: Dolmetscher Milen Radev, Autor Georgi Gospodinov und Moderator Jörg Plath (Foto: Isa Tschierschke)
Kongeniales Trio: Dolmetscher Milen Radev, Autor Georgi Gospodinov und Moderator Jörg Plath (Foto: Isa Tschierschke)

Den Abschluss der Veranstaltungsreihe »Wir und Sie« von Common Ground bildet die Lesung des Bulgaren Georgi Gospodinov mit Zeitzuflucht am Sonntag.

Es ist 13 Uhr und natürlich zu früh für Schnaps, aber bei diesem Rausch von einem Buch ist der auch völlig überflüssig.

»Das erste Unheil war die Rückkehr der Vergangenheit«, beginnt Gospodinov seine Analyse der gegenwärtigen Kriegssituation und erklärt: »Trotzki hat einmal gesagt, die Zukunft sei Propaganda, aber die Vergangenheit ist es eben auch.« Erinnern auf persönlicher Ebene sei notwendig und heilsam, aber wenn die Politik die Vergangenheit instrumentalisiere, kann das die Vorstufe zu dem sein, was er als zweites Unheil benennt: Krieg.

Im Buch gründet Gaustine, ein »Flaneur, der durch die Zeit reist« eine Klinik für Alzheimer-Kranke, in der diese Trost in vertrauten Erinnerungen finden können. Jede Etage ist einem anderen Jahrzehnt gewidmet und Musik, Gerüche, Essen und Unterhaltung darauf abgestimmt. Irgendwann fangen auch immer mehr Gesunde an, in der Klinik Zuflucht zu suchen. Einer »beunruhigenden Gegenwart und einer gecancelten Zukunft« zu entfliehen sei deren Motivation, so Gospodinov. Die »gute alte Zeit« sei ein natürlicher Schutzraum.

Erst als die Regierung ein Referendum darüber abhalten will, in welches Jahrzehnt das Land kollektiv zurückkehren solle, kippt diese Idylle.

Die Vergangenheit überholt uns gerade

Zeitzuflucht endet mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, über den der Erzähler immer wieder in den Zeitungen der Bibliothek gelesen hat.

»… ich lese und denke mir, dass die Welt immer ein wenig vor dem 1. September steht, am Ende des Sommers mit … dem weit entfernten Donnern eines soeben beginnenden Krieges.«

Als im Wohnzimmer der Familie Gospodinov das Fernsehen die Bilder des russischen Einmarschs in die Ukraine zeigte, meinte die Tochter des Autors dazu: »Papa, du darfst nicht mehr solche Bücher schreiben.«

Aber so schnell, wie jetzt alles passiert, könne man gar nichts anderes mehr schreiben.

»Die Armeen sind aufmarschiert und warten … alles hat gewartet, alles hat sich angestaut, um jetzt loszubrechen … Wir wiederholen diesen Krieg, damit er sich nie mehr wiederholt, wird jemand im Radio sagen … Morgen war der 1. September.«

Auf Wiedersehen – gerne!

Bücher einer Messe (farblich sortiert :D) (Foto: Isa Tschierschke)
Bücher einer Messe (farblich sortiert :D) (Foto: Isa Tschierschke)

Fast widerstrebend klappe ich meinen Laptop zu, zahle und verabschiede mich von Emi und ihrem Freund, der in der Küche auch endlich Feierabend machen kann. Das Paar hätte es auch gerne, wenn die Buchmesse endlich zurückkäme. »Aber so war’s auch nett«, findet Emi und ich gebe ihr Recht.

Selten habe ich auf einer Buchmesse so viel gut gelauntes und zugewandtes Personal erlebt. In Frankfurt natürlich schon gleich gar nicht.

Provisorien erweisen sich ja oft als besonders langlebig (vgl. 40 Jahre BRD/DDR), und ich hätte nichts dagegen, wenn die Popup im diesjährigen Format noch häufiger stattfindet.

Isa Tschierschke

Isa Tschierschke
Isa_Tschierschke (Foto: privat)

Als Magistra für Nordamerikastudien mit Neuerer Deutscher Literatur und Komparatistik im Nebenfach hat Isa Tschierschke gemacht, was man in den 90ern damit eben machte, nämlich alles. Sie war als Studentin mit dem Fahrrad für die Bezirksredaktion Mitte der Berliner Morgenpost unterwegs, später als Freie bei der Kulturredaktion der Oberhessischen Presse, als Redakteurin für Gesundheitsthemen bei einer PR-Agentur und als Lehrbeauftragte für Deutsch als Fremdsprache an der Uni und an der VH. Später wurde sie Studienrätin an einem Technischen Gymnasium in Baden-Württemberg. Heute ist sie als Autorin tätig, und demnächst erscheint ihr erster Geschichtenband.

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