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Tag 2: Leipzig liest auch ohne Buchmesse – Wo ist Osten?

Buchmessedirektor Oliver Zille bei der Begrüßung im UT Connewitz (Foto: Isa Tschierschke)
Buchmessedirektor Oliver Zille bei der Begrüßung im UT Connewitz zur Veranstaltung »Wir und Sie: Warum der Westen den Osten nicht versteht« (Foto: Isa Tschierschke)

Die Leipziger Buchmesse 2022 wurde abgesagt, aber Leipzig liest trotzdem. Zahlreiche Lesungen und eine Popup-Buchmesse unabhängiger Verlage finden vom 18. bis zum 20. März 2022 statt. Die Autorin Isa Tschierschke hat sich auf den Weg nach Leipzig gemacht und berichtet fürs literaturcafe.de. An Tag 2 erlebt sie den schwierigen Beziehungsstatus mit dem östlichen Europa. Und wo genau ist eigentlich Osten?

Freitag, 18. März 2022

»Es ist kompliziert«. Dieser Beziehungsstatus trifft das Verhältnis der ehemaligen Blöcke in Europa am besten. Von Jahrzehnt zu Jahrzehnt scheint aus der vergleichsweise praktisch handhabbaren Opposition von Nato und Warschauer Pakt ein immer unübersichtlicheres Geflecht aus National- und Partikularinteressen zu werden. Und was machen die Menschen daraus? Welche Geschichten entstehen unter solchen Bedingungen?

Eben erst erlebt und schon wieder Zeitgeschichte

Schon wieder vorbei: das letzte einhorn. Menschen eines Jahrzehnts von Alexander Osang
Schon wieder vorbei: das letzte einhorn. Menschen eines Jahrzehnts von Alexander Osang

Mit das letzte einhorn: Menschen eines Jahrzehnts hat Alexander Osang, den man als Reporter des Spiegel kennt, ein Dokument geschaffen, in dem man noch jahrelang blättern und sagen wird: »Ja genau! So war’s.« Weil unsere Zeit so schnelllebig ist, dass man heute schon wieder erklären muss, wer Michael Ballack und Frauke Petry waren, hat er für seine Lesung in den Cammerspielen »Der Friseur aus Fukushima« ausgesucht. An den Reaktorunfall von März 2011 erinnert man sich hierzulande, weil er uns (wahrscheinlich) den Atomausstieg bescheren wird. In Osangs Reportage landet ein japanischer Tsunami-Flüchtling auf verschlungenen Wegen bei einer Gastfamilie in Berlin Marzahn und erlebt die Halbwertszeit der deutschen Willkommenskultur am eigenen Leib. Der Text endet mit den Worten: »…in Marzahn. Im Fernen Osten.«

Wo ist Osten?

Wenn ich gestern schon Bauchschmerzen hatte »im Norden« für Skandinavien zu benutzen, so ist von allen Himmelsrichtungen der Osten wohl die mehrdeutigste. Wo genau ist denn das, der Osten? Und wenn das Motto des abendlichen Podiumsgesprächs im UT Connewitz: »WIR UND SIE: Warum der Westen den Osten nicht versteht« heißt, wen genau sollen wir besser verstehen?

Der Osten: Herzensangelegenheit der Leipziger Buchmesse

Die Kontakte nach (Süd-)Osteuropa seien von jeher »Teil des genetischen Codes der Leipziger Buchmesse«, betont Messedirektor Oliver Zille bei seiner Begrüßung. »Von den 300 Veranstaltungen an 80 über Leipzig verteilten Orten« sei die »Balkannacht« im UT Connewitz schon legendär geworden. Er sieht trotz dieser enthusiastischen Ansage etwas müde aus, und ich kann nur vermuten, was er mit drei abgesagten Messen in den letzten zwei Jahren durchgemacht hat.

Der geteilte Himmel 2.0

Vier Westmänner diskutieren über den Osten: Ralf Beste, Ulrich Ladurner, Norbert Mappes-Niediek, Manuel Sarrazin (Foto: Isa Tschierschke)
Vier Westmänner diskutieren über den Osten: Ralf Beste, Ulrich Ladurner, Norbert Mappes-Niediek, Manuel Sarrazin (Foto: Isa Tschierschke)

Vorsichtshalber stellt Moderator Ulrich Ladurner sich und seine Gäste selbstironisch vor mit: »Vier Männer aus dem Westen diskutieren über den Osten«. Das soll wohl jeder Kritik an der Zusammenstellung der Runde im Vorfeld den Wind aus den Segeln nehmen.

Mit Ladurner sitzen auf der Bühne: Ralf Beste, Leiter der Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes und bis zum Regierungswechsel Botschafter in Österreich, der Autor Norbert Mappes-Niediek und Manuel Sarrazin, Grünen-Politiker und Südosteuropabeauftragter der Bundesregierung.

Der Titel der Veranstaltung bezieht sich auf Mappes-Niedieks Neuerscheinung im Ch.Links Verlag. Europas geteilter Himmel heißt sie, und der Titel ist natürlich eine Anspielung auf Christa Wolf. »Der Himmel teilt sich zuallererst« zitiert Mappes-Niediek sie gleich zu Anfang, aber dass der Luftraum über der Ukraine auch Diskussionsgegenstand werden würde, konnten die Gesprächsteilnehmer und der Veranstalter, das literarische Netzwerk traduki, nicht ahnen. Common Ground heißt die traduki-Initiative, die süd-osteuropäischer Literatur als Schwerpunktregion der Leipziger Buchmesse 2020-2022 zu mehr Sichtbarkeit verhelfen soll.

Sensibel!

Mappes-Niediek beklagt zwar, dass der Westen Osteuropa lange nicht ernst genug genommen hat. Allerdings habe der Osten, als er mit Fall des Eisernen Vorhangs »Westen wurde«, sich selbst und seine eigenen Traditionen nicht mehr ernst genommen. »Ost-« in allen Kombinationen sei spätestens in den Achtzigern ein Schimpfwort geworden. Manuel Sarrazin berichtet, er benutze statt »Ost-« besser »Zentraleuropa«, um entsprechende Empfindlichkeiten zu umgehen. Und der Diplomat Ralf Beste steuert bei, dass er bis nach Taschkent in Usbekistan reisen musste (nach gängiger Definition in Zentralasien verortet), um im »besten Hotel Osteuropas« zu übernachten, wie ein Werbeplakat es formulierte. Der Osten, das sind immer die anderen noch weiter östlich, scheint es.

Europa als Vielvölkervision. Immer noch?

Manuel Sarrazin: Südosteuropa-Beauftragter der Bundesregierung (Foto: Isa Tschierschke)
Manuel Sarrazin: Südosteuropa-Beauftragter der Bundesregierung (Foto: Isa Tschierschke)

Sarazzin beschreibt die »positive Schwermut«, die ihn bei einem Besuch in Sarajewo befiel angesichts der Möglichkeiten, die Europa einst für das Zusammenleben der Ethnien bot. Eine Chance, die vielleicht noch nicht ganz verloren ist und ein Wert, für den es sich jetzt mehr denn je lohne einzutreten. Die »wehrhafte Demokratie«, ein aus der Mode gekommener Begriff aus der Zeit des Kalten Krieges, müsse sich nun auf dem Westbalkan beweisen, so Sarrazin. Lange habe man darauf vertraut, dass die wirtschaftlichen Verflechtungen den Frieden schon sichern würden. Das habe für den Umgang mit der Sowjetunion ganz gut funktioniert, so Diplomat Ralf Beste, aber Russland sei halt nicht die Sowjetunion. Hinzu käme, dass die Bedrohung durch den Ukrainekrieg schon innerhalb Deutschlands individuell sehr unterschiedlich empfunden werde, geschweige denn innerhalb der EU-Staaten.

»Innere« Erweiterung?

West-Programmatisch: "Tacos Now" an der Leipziger Stadtbibliothek (Foto: Isa Tschierschke)
West-Programmatisch: „Tacos Now“ an der Leipziger Stadtbibliothek (Foto: Isa Tschierschke)

Die Runde ist sich einig, dass mit »wehrhaft« keine direkte militärische Opposition zu Russland gemeint ist. Auch nicht unbedingt eine noch weitere territoriale Osterweiterung der EU. Mappes-Niediek nennt seine Vision einen »inneren Erweiterungsschritt«, den der Westen zu leisten habe. Dieser könne sich in der Akzeptanz von Migrationsbewegungen ausdrücken. Eine teilweise Aufgabe des Assimilationsdrucks (»die werden sich schon anpassen«), der hierzulande auf Geflüchtete ausgeübt wird, wäre dafür eine Bedingung und gegenseitiges Verständnis der Schlüssel dazu.

Schmelztiegel ist nicht so einfach

Ost-Alternative: "Kleiner Kaukasus" (Foto: Isa Tschierschke)
Ost-Alternative: „Kleiner Kaukasus“ (Foto: Isa Tschierschke)

Im Osten verstehe man besser, dass Homogenisierung in einem Vielvölkerstaat ein sehr langsamer Prozess ist. So gab der slowakische Präsident einst angesichts der Flüchtlingsbewegungen 2015 zu bedenken: »Wir müssen ja erstmal uns selbst integrieren«. Das Erbe des Vielvölkerstaates ist eben weit weniger romantisch als unsere westliche Vorstellung vom friedlichen Nebeneinander in Sarajewo.

Die Tür offenlassen

Und was heißt das jetzt für die Bücher? Oder besser: für die Geschichten, nachdem Bücher ja immer schon eine Auswahl privilegierter Geschichten sind?

Ralf Beste will als Leiter der Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes dafür sorgen, dass das gegenwärtige Kappen der kulturellen Russlandkontakte »rückholbar gestaltet wird.« Es müsse zwischen Institutionen und Individuen unterschieden werden und die »People to People«-Verbindungen bei der gegenwärtigen Eiszeit »zum Auftauen bereit« gehalten werden. Für mich klingt diese Art der Beziehungsarbeit wie: »Es wird immer noch komplizierter.«

Isa Tschierschke

Isa Tschierschke
Isa_Tschierschke (Foto: privat)

Als Magistra für Nordamerikastudien mit Neuerer Deutscher Literatur und Komparatistik im Nebenfach hat Isa Tschierschke gemacht, was man in den 90ern damit eben machte, nämlich alles. Sie war als Studentin mit dem Fahrrad für die Bezirksredaktion Mitte der Berliner Morgenpost unterwegs, später als Freie bei der Kulturredaktion der Oberhessischen Presse, als Redakteurin für Gesundheitsthemen bei einer PR-Agentur und als Lehrbeauftragte für Deutsch als Fremdsprache an der Uni und an der VH. Später wurde sie Studienrätin an einem Technischen Gymnasium in Baden-Württemberg. Heute ist sie als Autorin tätig, und demnächst erscheint ihr erster Geschichtenband.

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