Renate Blaes: Vom Bauernjungen zum Selfmade-Millionär

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Buch: Vom Bauernjungen zum Selfmade-Millionär: Das turbulente Leben des Unternehmers Erwin Kaeß

Auf dem Postweg erreicht mich ein Buch, vermutlich verbunden mit der Bitte, es zu besprechen. Nach dem Gewicht zu urteilen ist das ein schweres Buch. Hardcover? Ausgepackt liegt es vor mir: Hardcover! Gediegene Ausstattung. Grüner Einband und grünes Lesebändchen. Dieses Grün setzt sich fort als Hintergrund für zahlreiche Fotos oder Zitate von Erwin Kaeß und anderen, wie ich beim flüchtigen Durchblättern feststelle.

Es ist eine Biografie, eine Auftragsarbeit. Erwin Kaes ist kein Promi, so etwas ist für Verlage wirtschaftlich nicht interessant. Wer eine Biografie von sich möchte, aber sich nicht in der Lage fühlt, sie selbst zu schreiben, suche am Besten im Netz nach Biografie schreiben lassen. Google schlägt auch gleich die Verbindung mit »Kosten« vor, und vor den eigentlichen Suchergebnissen stehen ungewohnt viele bezahlte Anzeigen. Der Markt scheint lukrativ. Es gilt, die richtige Person zu finden; jemanden, der keine nullachtfünfzehn Biografie aus Textbausteinen zusammenzimmert. Zudem ist es wie bei einem Lektor: Die »Chemie« muss stimmen.

Erwin Kaeß hat lange gesucht und schließlich Renate Blaes gefunden. Das war vor sechs Jahren. Jetzt ist die Biografie fertig. »Die Recherchearbeit war sehr sehr zeitintensiv. Aber es war mir wichtig, dass alles, was ich geschrieben habe, stimmt«, sagt Renate Blaes auf Nachfrage. »Die Informationen über die Kaeß-Dynastie habe ich recherchiert. Denn Erwin Kaeß selbst weiß von seinen Vorfahren überhaupt nichts. Sogar die Wetterangaben in den einzelnen Jahreszeiten und Jahren sind recherchiert. Wenn ich also über Regen oder Schnee zu einer gewissen Zeit geschrieben habe, war das Wetter in jenem Monat oder Jahr so.«

Biografien sind eigentlich nicht mein Ding. Ich habe mir mehrfach von engstirnigen Germanisten die Predigt anhören müssen, dass man einen Text erst dann verstehen kann, wenn man die Biografie des Autors kennt. Für mich ist immer noch am wichtigsten: Was macht der Text mit mir? Was sagt mir also Erwin Kaeß‘ Biografie?

Ich schlage den (echten!) Prolog auf und lese: Schuld war Hitler.

Wie bitte? Was ist denn das für ein frappierender Beginn? Adolf Hitler soll schuld sein, dass Bauernbursch Erwin Kaeß Millionär wurde?

Irgendwie schon. Zumindest indirekt, denn Erwin Kaeß‘ Vater wurde kurz vor der Kapitulation eingezogen. Und kam nicht wieder. Dies und was seinen gleichnamigen Sohn bewegt, steht alles im Prolog, damit wir von Anfang an wissen, um wen und worum es geht. Denn noch lebt Erwin Kaeß, der dieses Buch nicht nur seiner Familie widmet, sondern auch seinen Freunden und den Leserinnen und Lesern.

Renate Blaes‘ zielgerichtet-klare Sprache tut ihr Übriges, dass keine Langeweile aufkommt. Sie führt durch die Jahrzehnte, und falls wir in den 40er- und 50er-Jahren geboren wurden, werden wir allerlei wiedererkennen. Wie war das z. B. damals mit den Tanzdielen, als daraus plötzlich Diskotheken wurden? Mit den Stroboskop-Lampen? Den Glitzerkugeln? Den wilden Partys? Den 60ern jenseits der Großstädte? Mit der Verklemmtheit? Der Prüderie? Masturbation bzw. Onanie führe zu Schwindsucht (Tuberkulose sagt man heute), wurden wir »aufgeklärt«! Wie war das mit der Jugendzeitschrift »Bravo« und der darin enthaltenen Aufklärungsrubrik Dr. Sommer? »Mein Freund hat mir beim Küssen seine Zunge in meinen Mund gesteckt! Werde ich jetzt schwanger?« Eine Diskothek von Erwin Kaeß hieß tatsächlich Zungenkuss

Erwin Kaeß sah für sich verschiedene beruflichen Möglichkeiten (diese alle aufzuzählen, ist hier nicht der Ort), nutzte sie, erschuf neue (nicht nur für sich). Und all das ganz selbstverständlich-pragmatisch. Ganz nebenbei wurde er so zum Millionär: Seinen Weg als Elektriker usw. zu verfolgen lohnt sich inhaltlich, historisch und vor allem auch sprachlich. Vielleicht vermag sein Vorbild manche bzw. manchen dazu ermuntern, außer dem x-ten Nail-Studio oder der y-ten Boutique (Sonnenstudios sind ja inzwischen sowas von out!) mal ganz was Eigenes zu unternehmen?

»Reich zu werden war nie mein Ziel. Es hat sich einfach so ergeben«, sagt Erwin Kaeß. So ist das auch mit seiner Biografie: Sie ist vor allem dank Renate Blaes eine Fundgrube als Zeitdokument.

Malte Bremer

Renate Blaes: Vom Bauernjungen zum Selfmade-Millionär: Das turbulente Leben des Unternehmers Erwin Kaeß. Taschenbuch. 2018. Edition Blaes. ISBN/EAN: 9783942641203. EUR 17,95
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