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Beitrag vom 18. Oktober 2016 | Rubrik: Buchkritiken und Tipps

Nach dem Buchpreis: Was Bodo Kirchhoffs Widerfahrnis alles widerfährt

Das Buchpreisbuch: Widerfahrnis von Bodo Kirchhoff

Hä? Was machen die denn in drei Teufels Namen nach dem Gewinn des Deutschen Buchpreises aus Bodo Kirchhoffs grandioser Novelle »Widerfahrnis?«

  • Die Jury salbadert von einem Text, der auf meisterhafte Weise existentielle Fragen des Privaten und des Politischen miteinander verwebt.
  • Der Spiegel schwafelt von einer »Liebesgeschichte, verwoben mit der aktuellen Flüchtlingssituation«,
  • die Süddeutsche missbilligt, Kirchhoff verknüpft sein altes Thema mit einem sehr aktuellen, doch der Knoten wird so elegant geschlungen, dass das politische Großthema zum Dekor zu werden droht

Ich bin einigermaßen irritiert: Nachdem ich meine Longlist zusammengestellt hatte, war ich schnurstracks in meine Buchhandlung gegangen, hatte mir Widerfahrnis gekauft und es fast ohne Unterbrechung gelesen.

Und war und bin nach wie vor begeistert. Ich fand keine Spur von der »Flüchtlingssituation«, und wenn die Süddeutsche meint, dass das politische Großthema (offenbar die Flüchtlingssituation) zum Dekor zu werden drohe, dann verbirgt sich dahinter nur der obsolete Alt-68er-Wunsch, Autoren hätten sich gefälligst politisch zu äußern.

Wie schief das laufen kann, hat zuletzt Jenny Erpenbeck gezeigt mit ihrem völlig missratenen Roman Gehen, ging, gegangen.

Bodo Kirchhoff hat derlei Plattitüden nicht nötig! Seine Novelle ist eher ein Roadmovie: Da ereignet sich einfach was, dem der Protagonist Reither und seine Begleiterin Leonie Palm sich dann stellen (oder auch nicht) auf der chaotisch-ungeplanten Fahrt in den Süden. Oh ja: da kommen auch Flüchtlinge vor, wie auch nicht? Aber das geschieht völlig lakonisch, letztlich banal und zufällig. Reither und Leonie müssen dann halt irgendwie damit umgehen. Und das tun sie auch, irgendwie.

Oder doch wiederum nicht, denn begleitet wird diese Fahrt durch Leonies Roman, der immer wieder durchscheint: Sind das Zitate aus ihrem Roman, oder passiert das wirklich?

Stimmt z. B. Reithers Erinnerung am Ende, dass er als erstes auf ihre Riemchenschuhe geschaut hatte?

(…) auf ihre Füße, weil es das erste gewesen sei, was er geliebt hatte an Leonie, weil es schutzlos war und eine Hoffnung darin lag, irgendwohin zu fahren, wo diese Schuhe und diese Füße und alles, was die Füße trugen, zu seinem Recht käme?

Ich blätterte an den Anfang: Stimmt – aber nur der Blick: Am Anfang stellte er lediglich fest, dass die Schuhe nichts Gesundheitliches hatten, vielmehr etwas nervös Libellenhaftes.

Was Bodo Kirchhoffs Novelle vor allem auszeichnet, ist seine Sprache, denn sicher sein kann man nie:

Allmählich schweigen sie sich fest, wie schnell kann das passieren, wenn jeder seinen Kopf hat, bis man durch einen Blick, eine Geste, einen Seufzer des anderen die eigenen Dinge fallen lässt, ja überhaupt sich fallen lässt. Und Minuten später liegen sie wie verknotet da, und am Ende presst sie ihr Gesicht an seins.

Der Satz geht aber noch weiter, denn statt des Punktes folgt ein Gedankenstrich:

(…) presste ihr Gesicht an seins – dachte er das, oder ging es ihm durch den Kopf, wie Reste eines zerstörten Traums?

Was geschieht wirklich? Was ist nur ausgedacht? Alles, weil Widerfahrnis nur ein Buch ist? Mag sein – schließlich kommt die Novelle selbst vor in dem Buch; und deshalb steht auch auf der letzten Seite genau die Formulierung, über die Reither auf der ersten Seite geschrieben hat, dass er sie niemals sagen würde, nur am Anfang ausnahmsweise, nämlich Geschichte, die ihm noch immer das Herz zerreißt:

Bliebe nur noch zu klären, womit die Geschichte, die ihm noch immer das Herz zerreißt, enden sollte 

Womit wir wieder ganz vorne angelangt sind.

Malte Bremer

Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis. Gebundene Ausgabe. 2016. Frankfurter Verlagsanstalt. ISBN/EAN: 9783627002282. EUR 21,00 » Bestellen bei Amazon.de
Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis. Kindle Edition. 2016. Frankfurter Verlagsanstalt » Herunterladen bei Amazon.de

1 Kommentar zu diesem Beitrag lesen

  1. Erik Berkenkamp schrieb am 26. Oktober 2016 um 08:54 Uhr

    Die Jury salbadert
    Der Spiegel schwafelt v
    die Süddeutsche missbilligt,
    der Bremer Malte beweihraucht

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