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Maltes Meinung: Die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2020 (3/5)

Die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2020

Wie in den Jahren zuvor macht unser Textkritiker Malte Bremer mit allen 20 Titeln der Longlist zum Deutschen Buchpreis den »Buchhandelstest«. Bremer liest die ersten Seiten und fragt sich: Taugt das was? Will man das weiterlesen? Spannend? Oder langweilig? Lesen Sie den 3. von 5 Teilen mit jeweils 4 Büchern.

Diesmal: Deniz Ohde, Eva Sichelschmidt, Olivia Wenzel und Frank Witzel.

Deniz Ohde: Streulicht

Deniz Ohde: Streulicht

Die Ich-Erzählerin stellt fest, dass die Luft sich verändert, wenn man über die Schwelle dieses noch unbekannten Ortes tritt: Denn da liege eine feine Säure darin, die etwas dicker sei, als könne man sie kauen wie Watte. Und dass das einem ganz normal vorkommt. Was ist denn das für ein Ort? Bereits am Ortsschild versteinert sich der Gesichtsausdruck der Ich-Erzählerin: Das habe der Vater ihr beigebracht, damit man übersehen wird. Das scheint wesentlich zu sein: Selbst sehen, aber möglichst nicht gesehen werden!

Was geht hier vor? Wo sind wir? Woher kommt etwa die Angst, dass hinter jeder Fassade der Tod lungern würde? Was ist das für ein Spiel, wenn ein Kind seinen eigenen Schatten entdeckt, der sich um es herum fächert, und das Kind spielerisch auf seinem Schatten herumzuspringt und dabei »Stirb, du Schatten!« ausruft?

Die Autorin entwickelt eine fast gespenstische Stimmung: »Es ist alles beim Alten!«, begrüßt der Vater seine Tochter. Aber was ist dieses Alte? Deniz Ode schafft es gerade durch die lakonische Gestaltung dieses Anfangs, einen Sog zu entfalten, der die Leser*innen fesselt. Das macht gehörig Lust auf mehr!

Ohde, Deniz: Streulicht: Roman. Gebundene Ausgabe. 2020. Suhrkamp Verlag. ISBN/EAN: 9783518429631. 22,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel

Eva Sichelschmidt: Bis wieder einer weint

Eva Sichelschmidt: Bis wieder einer weint

»Kein Mensch kann sich daran erinnern, was vor seinem dritten Geburtstag geschehen ist. Das kennst Du alles nur von den Fotografien« So lauten die beiden ersten Sätze des Romans, und geäußert hat sie die Großmutter gegenüber der Ich-Erzählerin.

Die Ich-Erzählerin fragt sich, was das Erinnern vor der Erfindung der Fotografie gewesen sei, und welche Rolle daneben die Einbildung spiele. Sie jedenfalls fand in Großmutters Schubladen eine Menge Alben mit Fotografien von Personen, die anschließend genannt werden: Großvater mit Schmiss, akkurat gescheitelt, mit seinem Bruder usw. Kennt man ja, muss hier nicht vertieft werden, müsste eigentlich auch gar nicht aufgezählt werden, ufert hier jedoch aus. Und dann: Am 29. Juni 1971 hat niemand fotografiert! Ja so was aber auch: Keiner der Familienangehörigen will sich an dieses Datum erinnern. Aber Ich-Erzählerin hat von diesem Tag Erinnerungsausschnitte im Kopf.

Und es wird aufgezählt, an welche Schnipsel sie sich erinnert, z. B. dass eine Vase auf einem über Eck gelegten Deckchen steht, das auf dem Fernsehapparat liegt, der seinerseits auf einem gewaltigen zylindrischen Ständer thront.

Da habe ich aufgehört zu lesen: Aufgeplustert & Langweilig schlurft das so vor sich hin …

Sichelschmidt, Eva: Bis wieder einer weint: Roman. Gebundene Ausgabe. 2020. Rowohlt Buchverlag. ISBN/EAN: 9783498062934. 22,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel

Olivia Wenzel: 1000 Serpentinen Angst

Olivia Wenzel: 1000 Serpentinen Angst

Mein Herz ist ein Automat aus Blech. Wie? Was? Trägt da wer ein Blechherz in seiner Brust? Nein: Dieses blecherne Automaten-Herz schlägt in niemandes Brust, sondern steht (!) an irgendeinem Bahnsteig irgendeiner Stadt … Jetzt können wir in das Herz sehen: leckere kleine Snacks in Zellophankleidchen, akribisch sortiert! Ich-Erzähler bzw. Ich-Erzählerin kann sie in jeder beliebigen Konstellation anschauen, kaufen, einspeicheln und runterschlucken. Aber dann setzt sich der Blechautomat – also das Herz – in Bewegung, und Ich-Erzähler bzw. Ich-Erzählerin fällt in Ohnmacht.

Was ist hier los? Welche Droge wirkt hier? Surrealismus fällt mir ein. Ich-Erzähler bzw. Ich-Erzählerin glaubt, es wäre das Beste gewesen, sofort in den Automaten zu kriechen, hätte von dort Leute beobachten können …

So hätten sie ein neues Leben beginnen können. So aber will das Ich unbedingt in die weite Welt. Es folgt ein Zwiegespräch: Ich wird befragt, wo es sich befindet, was sein Lieblingsessen ist, wo es wohnt, was es morgen zu tun gedenkt usw.

Das Unvorhersehbare greift immer weiter um sich: Das ist einfach nur herrlich schräg – zumindest soweit ich das vom Anfang dieses Romans aus beurteilen kann: Eine weitere Kandidatin für die Shortlist!

Wenzel, Olivia: 1000 Serpentinen Angst: Roman. Gebundene Ausgabe. 2020. S. FISCHER. ISBN/EAN: 9783103974065. 21,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel

Frank Witzel: Inniger Schiffbruch

Frank Witzel, Inniger Schiffbruch

Ein Ich-erzählt schildert sehr detailliert einen Traum, den er zwei Monate nach dem Tod seines Vaters hatte. Der Traum habe ihn zwar verstört, aber er wollte sich nicht näher damit beschäftigen. Dennoch sucht er nach Erklärung und Verbindungen, und ihm fällt endlich eine Parabel ein: »Weil Du mich gesehen hast, Thomas, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.« Dann werden Bertrand Russel und Wittgenstein bemüht.

Ja: Bemüht! Dieser Roman scheint mir sehr bemüht zu sein, ich finde nichts Bemerkenswertes oder des Nachdenkens Wertes, sondern angestrengte Langeweile.

Witzel, Frank: Inniger Schiffbruch. Gebundene Ausgabe. 2020. Matthes & Seitz Berlin. ISBN/EAN: 9783957578389. 25,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel

Maltes Meinung: Longlist Deutscher Buchpreis 2020

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