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Maltes Meinung: Die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2016 (1/5)

In vielen Buchhandlungen gibt es jetzt die Leseproben zum Deutschen Buchpreis 2016. Dort sind jedoch nicht immer nur die Anfänge der 20 Romane enthalten.

In vielen Buchhandlungen gibt es jetzt die Leseproben zum Deutschen Buchpreis 2016. Dort sind jedoch nicht immer nur die Anfänge der 20 Romane enthalten.

Vor gut einer Woche wurde die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2016 bekannt gegeben. Die 20 Bücher auf der Liste haben die Chance, am 17. Oktober 2016 den mit 25.000 Euro dotierten Preis zu erhalten. Am 20. September 2016 werden es nur noch sechs sein, denn dann wird die Shortlist bekannt gegeben.

Unser Textkritiker [1] Malte Bremer hat mit allen 20 nominierten Titeln den »Buchhandelstest« gemacht und sich die jeweils ersten Seiten angeschaut: Taugt das was? Will man das weiterlesen? Spannend ? Oder langweiliges Gelaber?

Diesmal: Akos Doma, Gerhard Falkner, Ernst-Wilhelm Händler und Reinhard Kaiser-Mühlecker.

Akos Doma: Der Weg der Wünsche

Akos Doma: Der Weg der Wünsche

Unverzüglich wird man bombardiert mit genauen Erklärungen der äußeren Umstände: Da drehen zwei Personen auf dem Sandsteinpfad (gibt’s da noch andere?) ihre Runden, und zwar – man fremdschämt [2] sich geradezu – die Mutter der Sonne mit ihrer Tante …

Ja, Sie haben richtig gelesen: Das ist eindeutiger grammatischer Bezug!

Und dann wird man bombardiert mit ca. neun Namen und den dazu gehörigen verwandtschaftlichen Beziehungen: Soll man sich die etwa alle merken? Am besten schriftlich mit Hilfe eines Stammbaums? Und mit einer Skizze, wer wo an dem langen Tisch gesessen hat bei der Geburtstagsfeier des Jungen Misi, der sieben Jahre jünger ist als seine Schwester Bori? Und wer von der unübersichtlichen Gesellschaft was angezogen hat?

Keine Lust. Je nun: Wenn einer nichts zu erzählen hat …

Selbstverständlich schafft Misi beim Auspusten der sieben Geburtstagskerzen das nicht auf Anhieb, sondern braucht selbstverständlich drei Anläufe – so will es der Kitsch.

Nicht mal die erste Seite habe ich überstanden.

Akos Doma: Der Weg der Wünsche. Gebundene Ausgabe. 2016. Rowohlt Berlin. ISBN/EAN: 9783871348396. EUR 19,95 » Bestellen bei Amazon.de Anzeige [3]

Gerhard Falkner: Apollokalypse

Gerhard Falkner: Apollokalypse

Der Roman beginnt mit einem »klassischen Anfang« (laut Mitteilung des Ich-Erzählers), nämlich so: »Wenn man verliebt ist und gut gefickt hat, verdoppelt die Welt ihre Anstrengung, in Erscheinung zu treten.«

Das ist mir schleierhaft, sowohl was die Satzaussage anbelangt als auch die Einordnung »klassisch«.

Ich-Erzähler aber will nix, was er für klassisch hält, sondern was ganz anderes: Für seine Geschichte müssten wir Leserinnen und Leser nämlich von der allgemeinen Auffassung abrücken, dass wir entweder glücklich oder verloren seien, falls unser Leben in keiner vernünftigen Mitte sich abspiele:

Nach diesen Zeilen im Vorfeld (vulgo Prolog) muss ich mich von diesem Geschwafel lösen, denn ich bin für eine unvernünftige Mitte – folglich kann mir das Buch nichts mitteilen.

Dennoch habe ich mir den ersten Satz des eigentlichen Romans angeschaut: Da steht, dass es sein könnte, dass ein Mann einem Frühlingstag ins Auge geblickt hat, an den er sich später nicht mehr erinnert.

Hä? Vielleicht hat er ja auch in ein Brötchen gebissen, an das er sich später nicht mehr erinnert, könnte doch sein!

Nenene – das Vorfeld verspricht nichts Gutes, und der erste Satz auch nicht!

Gerhard Falkner: Apollokalypse: Roman. Gebundene Ausgabe. 2016. Berlin Verlag. ISBN/EAN: 9783827013361. EUR 22,00 » Bestellen bei Amazon.de Anzeige [5]

Ernst-Wilhelm Händler: München

Ernst Wilhelm Händler: München

»Ein Gesellschaftsroman« heißt es. Und der beginnt mit einem Motto von Robert Musil vor Beginn des ersten Kapitels, das da heißt »Die Schatten der Eschen«.

Und das fängt gut an: Ein paar eigenwillige Wahrnehmungen, und man ist schon bei der Person, deren Namen man erst später bemerkt, und deren Eigenheiten dann deutlich werden, wenn sie eine Rolle spielen! Sprachlich elegant, nur ein »war nicht existent« irritierte, ein »existierte nicht« wäre da schöner gewesen.

Das macht Lust auf mehr!

Ernst-Wilhelm Händler: München: Gesellschaftsroman. Gebundene Ausgabe. 2016. S. FISCHER. ISBN/EAN: 9783103972078. EUR 23,00 » Bestellen bei Amazon.de Anzeige [6]

Reinhard Kaiser-Mühlecker: Fremde Seele, dunkler Wald

Reinhard Kaiser-Mühlecker: Fremde Seele, dunkler Wald

Auch hier ein Motto, diesmal von Turgenjew. Und gleich mitten ins Geschehen: Gespräche in einer Kneipe über die bösen Russen, das übliche Bestellen und Trinken und Reden. Dann ein äußerlicher Vergleich von zwei Brüdern, einem älteren und einem jüngeren. Dann was von einer jüngeren Schwester. Das schlurt so vor sich hin, macht mich nicht neugierig. Solln se ohne mich weiter labern.

Reinhard Kaiser-Mühlecker: Fremde Seele, dunkler Wald: Roman. Gebundene Ausgabe. 2016. S. FISCHER. ISBN/EAN: 9783100024282. EUR 19,99 » Bestellen bei Amazon.de Anzeige [7]

Malte Bremer

Lesen Sie in Teil 2 Maltes Meinung zu den nominierten Büchern von Bodo Kirchhoff, André Kubiczek, Michael Kumpfmüller und Katja Lange-Müller » [8]

Alle fünf Teile mit den 20 nominierten Büchern zum #dbp16 in der Übersicht » [9]