Satzfischer - Das literarische Kreativprojekt des Literatur-Cafés in Zusammenarbeit mit dem S. Fischer Verlag
Hier lesen Sie die besten Beiträge der dritten Runde (Feb '02 - März '02), die unseren Autorinnen und Autoren zu einem Satz von Andrea Paluch und Robert Habeck eingefallen sind. Der Satz stammt aus dem Roman »Hauke Haiens Tod«. S. Fischer Verlag. ISBN 3-10-059010-4. 18,90 EUR: Cover: Hauke Haiens Tod

»Kann ich es mit auf das Zimmer nehmen?«

Koestliche Torte
von Sabine Kalff, 12059 Berlin (Deutschand)

Kann ich wirklich ein Stueck haben? Es sieht so lecker aus! Kann ich es mit auf das Zimmer nehmen? Oh, bitte bitte! Dann kann ich ein bisschen Musik hoeren, wenn ich es esse! Esther sah die Freundin ihrer Mutter mit funkelnden Augen an. Die lachte sie freundlich an und sagte: Klar, mit uns langweilst du dich doch nur. Wenn Katrin mitgekommen waere, aber die hat heute Floete! Ihre Mutter blickte ihre Freundin Helga skeptisch an, allerdings ohne ihr zu widersprechen. Und so strahlte Esther und war mit einem Satz aus dem Zimmer. Kaum hoerte sie die Stimmen der Muetter nur noch von weitem, seufzte sie voller Erleichterung auf - geschafft!Dieses eklige Stueck Torte musste sie nicht herunterwuergen! Weiss der Geier, wieviel Eier darin sein moegen!Allein diese mattweisse Cremschicht drauf muss aus reinem Fett bestehen.Esther stellt das Stueck Kuchen auf den Schreibtisch und schaut es an, als wollte sie es am liebsten zerquetschen. Aber sie kruemelt lieber ein paar Stuecke auf das Tellerchen, sticht mit der Gabel hinein, um sie schmutzig zu machen und packt dann die Torte in eine Serviette. So verpackt schiebt sie sie unter dem Bett hinter eine Schachtel mit Spielen. Es ist schon reichlich eng da, weil es schon jede Menge Pausenbrote gibt, dick mit Butter bestrichen, die ihr die Mutter jeden Morgen schmiert. Dann setzt sich Esther wieder an den Schreibtisch, macht ein bisschen Musik an und traeumt ueber ihren Schulheften. Sie denkt schon mit Grauen ans Abendessen, wenn ihre Mutter ihr wie immer viele fettige Sachen aufhalsen wird und ihr verbieten wird, aufs Klo zu gehen, um sie wieder auszuspucken. Aber wenn der Hund unter dem Tisch liegt und die Mutter nicht aufpasst, oder selber isst, mit schmatzendem Genuss, kann sie ihn damit fuettern. Da kommt Helga herein, um sich zu verabschieden. Sie sieht den leeren Teller und ruft: Ah, schon aufgegessen! Ich moechte nur wissen, wo du das hintust, bei deiner Figur! Sie lacht gutmuetig und zwickt Esther in die Wange. Sie glaubte stets, ein besonders inniges Verhaeltnis zu Esther zu haben. Dann zieht sie ploetzlich ihr Naeschen zusammen und hebt es schnueffelnd in die Luft: Aber komisch riechts hier!Ihr solltet mal was lueften! Sie winkt Esther neckisch zu und ist draussen. Esthers Mutter wirft ihrer Tochter einen misstrauischen Blick zu und einen zweiten auf das Bett und bringt ihre Freundin zur Tuer.Esther bleibt am Schreibtisch sitzen und wartet gleichmuetig, bis das Donnerwetter in Form ihrer Mutter zurueckkommen wird.

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Alles wird gut
von Karoline36, 07548 Gera (Deutschand)

Verschwitzt sitze ich im Foyer des Kurheimes. Zum ersten Male fühle ich mich ernstgenommen und wohl. Die Menschen um mich sind mit sich selbst beschäftigt. Ich bin aufnahmefähig, wie lange nicht mehr. Ein Jahr ist verloren in der Dunkelheit des Leidens, in Desinteresse und Einsamkeit. "Sie sind depressiv!" Diese Worte lassen mich verwundert aufhochen. Erschrecken. Dann die Erkenntnis. Kein Grund sich aufzugeben. Nichts, was mich tötet. Mein Blick schweift durch das Foyer. Da ist Cora, die mir fröhlich zuwinkt. Keine 30 Jahre alt, Unterleibskrebs. Eine Tochter, ein Freund warten auf sie. Sie fiel sie mir wegen ihrer herrlichen Lockenpracht auf, nur eine Perücke. "Moin, moin, allet am pennen hier?" Hallt es lautstark durch die Lobby. Antje, die blonde Küstenbewohnerin fällt in die schwirrende Ruhe des Vormittags ein. "Hey Karo, alles klar bei dir?" Ich lächle sie erschöpft an. Sie weiß, dass ich nicht mit ihr reden will und zieht vorbei. Sie ist immer lustig. Ein einziges Mal sah ich sie verzweifelt. Wir saßen im Foyer nebeneinander, spürten unsere warmen Körper. Plötzlich loderte es wie ein Strohfeuer auf. Verzweiflung, nicht wieder nach Hause zu kommen, ihren Mann und ihre kleinen Söhne zu verlassen zu müssen. Angst, die Schmerzen nicht mehr ertragen zu können. Als ich begriff, dass sie schon tot ist, war sie mit einem lauten "Hey Conny, alles fit im Schritt?" auf und davon. Ich spüre meinen schmerzenden Körper, räkle mich während mein Nachbar auf mich einplappert. Alle Gespräche drehen sich um Krankheiten, Ängste. Aufmunternd nicke ich. Ich muss nicht antworten. Er würde jeder anderen erzählen, was ihn quält. Mein Blick verfängt sich in den Zeitungen vor mir und plötzlich bin ich hellwach. Nein, das ist doch, das kann nicht wahr sein. Ich wühle mich durch die Zeitungen. Mir wird schwarz vor Augen, der Atem stockt mir. Ich muss fort, bevor sie aufmerksam werden. Ein fragenden Blick lähmt meinen Gang. "Ich suche es seit 35 Jahren. Ich rauchte,brauchte Fahrgeld, es ist doch nur ein ..."stammle ich wirr. Ist doch bloß ein ...? Nein, das war eben nicht. "Jahre suche ich es, quäle mich. Ich war so dumm. Sehen Sie, was hier geschrieben steht?" Völlig aufgelöst lese ich laut: "Eigentum von Karoline Schwarz. Das bin ich," strahle ich ihn an. "Ja, ich bin das. Es ist mein Buch, mein Leben, Träume, Erinnerung, meine Wurzeln." Tränen der Gewissheit laufen heiß über meine Wangen, während ich leise frage: "Kann ich es mit auf das Zimmer nehmen?"

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Guanako
von Gerd Früstück, 65347 Eltville (Deutschland)

Isabel legte mir lächelnd ihr Kind in die Arme. Während ich immer noch alle angeblich kompetenten Gynäkologen in Rio und Sao Paulo konsultierte, hatte sie offensichtlich unser gemeinsames Problem gelöst. "Ich kann dir helfen", flüsterte sie, "du musst allerdings dazu nach Bogotá fliegen."
Das ergab sich überraschend schnell und Isabel hatte tatsächlich alles vorbereitet: Am Nachmittag erschien Paco im Hotel und fuhr mich zu einem zweistöckigen Vororthaus im Kolonialstil. Er öffnete mir die Tür und ich stand in einem kaum möblierten halbdunklen Raum. Der Hausdiener schaute an mir vorbei zu Paco, dann präsentierte mir seine Hand einen Schlüssel: "Trez."
Ich warf mich aufs Bett und starrte Fra Angelicos Verkündigung an, eine verblasste Kopie in modernem Rahmen. Das Telefonläuten schreckte mich auf, ich nahm es als Signal und ging die Treppe hinunter. An der Wand hockte, die vielen Röcke um sich ausgebreitet, das Gesicht vom üblichen Hut beschattet, eine India. Neben ihr ein verkleinertes, aber genaues Abbild: ihre Tochter. Die Stille der bewegungslos dasitzenden Gestalten war körperlich fühlbar, verstärkt noch von dem steten Gemurmel der Außenwelt. Keine Handbewegung, kein Wort, kein Blick. Etwas unschlüssig hockte ich mich schließlich ihnen gegenüber auf den Boden. Nach geraumer Zeit griff die Frau neben sich und entnahm einem Bündel ein in ein besticktes Tuch gewickeltes Etwas. Wie unter Zwang streckte ich meine Arme aus, sie legte es hinein und öffnete vorsichtig den Stoff - Es starrte mich aus leeren Augenhöhlen an: ein leichtes lederartig ausgetrocknetes Wesen in fötal gekrümmter Haltung!
Im Nachhinein, wenn ich alles so überdenke, fühlte ich eine Selbstverständlichkeit und Natürlichkeit in dem Ablauf des Geschehens, ganz entgegen meiner sonstigen Verhaltensweise. – Ich war nicht überrascht!
Ich erinnere mich noch, wie ich versuchte, ohne dass es mir gelang, auf Spanisch zu formulieren: "Puede, ...Puede,........" ("Kann ich es mit auf das Zimmer nehmen?"), da fühlte ich ihren Blick aus schwarzen unergründlichen Augen auf mir liegen und sie nickte. Ein Rascheln von vielen Röcken und das Geräusch leichter Tritte ließen mich zur Tür sehen: Die Tochter, an einer Hand von der Mutter gezogen, warf mir über die Schulter einen Blick von gleicher Dringlichkeit und rätselhafter Tiefe zu, deutete mit dem Zeigefinger auf den Fötus und mit überraschend tief und voll klingender Stimme sagte sie: "Guanaco."

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Kann ich es mit aufs Zimmer nehmen?
von Katrin Atmanspacher, 79115 Freiburg (Deutschand)

Sie gehen zusammen weg:

Er sieht so gut aus. Süß ist er. Und gerade jetzt schaut er so lieb. Da kann ich gar nicht anders, da muss ich lächeln. Er hat so zarte Hände, wenn er mich nur kurz berührt, läuft mir eine Gänsehaut über den ganzen Körper. Schade, dass wir so wenig gemeinsam haben. Schade, dass wir die gemeinsamen Bekannten und Freunde haben, die uns ein Scheitern einer Beziehung ziemlich übel nehmen würden. Der One-Night-Stand flöge auf. Und er kann mir dann nicht mehr in die Augen schauen. Nein, das gibt einfach zu viel Unruhe. Ich will ihn. Vergiss es! Dieser Mann ist ein nein-nein, das führt nirgendwo hin und zu Tränen.
Sie macht mich an. Sie macht mich doch tatsächlich an. Ich habe es doch immer gewusst, Männer und Frauen zusammen unterwegs, das kann nur zum Bett führen und genau dort enden. Ich würde wirklich gerne mit ihr schlafen, sie verwöhnen, sie liebt meine Hände ja schon jetzt. Aber ich liebe sie nicht. Attraktiv ist sie, sie macht mich an, wäre sie jede Andere, dann, ja, dann gäbe es jetzt kein Zögern mehr. Aber sie ist Eine und das geht nicht, das geht nicht gut, das gibt nichts als Ärger und sie heult sich dann die Augen aus und ich bin das Arsch. Und nie wieder schaut sie mir dann in die Augen. Auch wenn sie jetzt sagt, so wird es nicht. Was tue ich hier, warum nehme ich sie jetzt in den Arm, warum streichle ich sie?
Ich fühle mich so wohl, ich fühle mich so gut!
Ja - ich will es. Nein - ich darf nicht.
So schön. Das ist so schön. Ich fühle mich so wohl.
Soll ich es riskieren? Höre ich auf Kopf oder Bauch?
Kann ich es mit aufs Zimmer nehmen?
Und was sagst du, was passiert jetzt?
Du schmiegst dich an mich, ich schmiege mich an dich, Wange an Wange stehen wir da und kommen nicht los. Ich küsse dich nicht, du küsst mich nicht, unsere Hände halten sich fest umklammert ineinander verschränkt und unsere Körper pressen sich aneinander.
Du riechst so gut.

Und dann geht jeder heim, jeder allein und in ihren Betten weinen sie, sind traurig und froh und wundern sich und die Frage bleibt:
Kann ich es mit aufs Zimmer nehmen?

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Vorbei
von Annette Bruland, 50674 Köln (Deutschand)

"Mama, ich bin´s! Schau, was ich dir mitgebracht habe. Sie sieht noch ein bisschen karg aus, aber das wird schon!"
Anna stellt ächzend einen riesigen Blumenkübel an die große zweiflügelige Balkontür und zieht die Vorhänge mit einem Ruck zur Seite. Die Zweige der Birke, die winzige erste Blätter trägt, überragen sie und berühren die Wände des kleinen mit Möbeln und Bildern voll gestopften Zimmers.
"Unten an der Pforte saß niemand, sonst hätte ich noch fragen müssen, ob ich sie mit auf dein Zimmer nehmen darf."
Während sie einen Stuhl an die Seite des Metallbettes schiebt, gleitet ihr Blick durch den Raum. Noch ist nichts verändert worden. Da erst bemerkt sie das Fehlen der Familienfotos. Überall stehen Vasen mit Kunstblumen - auf dem Nachttisch ein Strauß Plastik-Maiglöckchen.
Das einzige Geräusch im Raum ist das Quietschen des Stuhls, auf den sie sich niederlässt.
"Wieso konntest du nicht warten? Ich wollte dir doch den Frühling ins Zimmer bringen!"
Erst jetzt wagt sie einen direkten Blick auf das Gesicht der Mutter. Sie erkennt es, doch es ist ihr völlig fremd. Die Haut eine wächserne Fläche. Die Augen hat schon jemand anderes geschlossen. An ihnen kann sie sich nicht festhalten. Das Kinn haben sie mit einem kleinen Kissen abgestützt. Trotzdem öffnet sich der Mund zu einem Spalt. Dahinter nur Schwärze.
Hier sitzt er, der Tod.
Ein saugender Atemzug und schon bricht Anna in lautes Schluchzen aus. Genau so unvermittelt verstummt sie wieder.
Wie geht das, sich von einer toten Mutter verabschieden? So etwas bringt einem keiner bei.
Anna wiegt sich vor und zurück.
"Mama, es ist alles gut, mach dir keine Sorgen!"
Sie legt zögernd ihre Hand auf die gefalteten Hände der Mutter, die auf der Bettdecke ruhen.
So fühlt sich das an, wenn das Leben nicht wieder kommt: die Hände sprechen nicht mehr.
Sie streicht immer und immer über das Bettzeug, als streichelte sie ihre Mutter.
Da ist noch Wärme! Das Federbett hält noch ein wenig Leben fest!
Anna legt ihre Hände beschützend darüber. Regungslos verharrt sie so.

Dann erhebt sie sich langsam, öffnet die Balkontür und tritt hinaus in den kühlen Märzwind. Fröstelnd verschränkt sie die Arme.
Ein Graureiher streift fast das gegenüber liegende Dach. Sie schaut ihm nach, bis nur noch ein Punkt sichtbar ist.
Da erst laufen Tränen über ihre Wangen.

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