CMA - Bestes vom Bauern Das Literatur-Café - Der literarische Treffpunkt im Internet
 
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Currywurst-Zauber
von Mark Burghardt

Sue und Tom saßen wieder in ihrem Lieblingsrestaurant. Das "Carpe Noctem" besuchten sie in der Regel alle zwei Wochen, um den alltäglichen Stress abzuschütteln und um hier dem vollkommenen Genuss zu frönen. Die beiden waren den Angestellten gut bekannt und wurden auch dementsprechend zuvorkommend bedient. Jedes Mal nach ihrer Ankunft war sofort Ali, der Chefkellner, zur Stelle, um sie mit einem Likör herzlich zu begrüssen. Wie bei nahezu jedem Besuch, bestellten Sue und Tom danach ihr Lieblingsgericht: Gebratene Forelle mit Petersilienkartoffeln, Salat der Saison und dazu ein kühles Bier. Das Essen wurde schnell serviert und entzückte ihren verwöhnten Gaumen jedes Mal aufs Neue, doch irgendetwas war diesmal anders. Sonst war es stets ein unvergleichlicher Hochgenuss gewesen, der noch ein paar Tage nachhallte. „Der Fisch ist vielleicht nicht ganz durchgebraten, dachte Sue, während Tom vermutete: „Die Forelle ist bestimmt nicht frisch". Tom, der sich sehr auf das gemeinsame Essen mit seiner Frau gefreut hatte, rief nach Ali, um sich zu beschweren. Doch dieser versicherte nur: "Jeder Fisch - immer frisch!", um sich dann wieder den anderen Gästen zu widmen. Das war nicht das, was sie gewohnt waren. Eilig verließen sie das "Carpe Noctem" und machten sich enttäuscht auf den Heimweg. Kurz bevor sie auf die laute Hauptstraße einbogen, sah Sue vorne rechts einen hell erleuchteten Imbissstand. Da beide noch reichlich Hunger hatten, steuerten sie geradewegs darauf zu und bestellten bei Walter, dem Chef am Grill, zwei Currywürste. Das war normalerweise so gar nicht ihre Welt, doch diesmal mussten sie einfach eine Ausnahme machen. Der Hunger schrie. Kaum hatte Walter ihnen die Currywurst gereicht, entlockte sie Tom auch schon einen Seufzer der Erleichterung: „Die ist ja richtig klasse. Viel exotischer Curry und so zart im Biss". So etwas hatte er nicht erwartet, schon gar nicht von etwas so Banalem wie einer Currywurst. War das nicht gerade der Grund, warum sie sich immer schon Tage im voraus auf das „Carpe Noctem" gefreut hatten? Endlich Abstand zum Alltäglichen, zum Simplen. Entzückt wandte sich auch Sue ihrem Teller zu. Ihr schmeckte es sichtbar gut, und beide waren sich gleich einig: Vermutlich sollte sie der verdorbene Fisch auf dieses einmalige Geschmackserlebnis, und zwar genau auf dieses, hinweisen. In überschwänglicher Stimmung setzten sie ihren Weg fort. Das „Carpe Noctem" existiert übrigens inzwischen längst nur noch in ihrer Erinnerung..."

© by Mark Burghardt. Für die Rechtschreibung sind die Autoren verantwortlich.

 
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