CMA - Bestes vom Bauern Das Literatur-Café - Der literarische Treffpunkt im Internet
 
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Streuselkuchen
von Ruth Birk

Jetzt Kaffee und ein Stückchen Kuchen, so `nen richtigen guten Streuselkuchen wie vom Opa. Hier, wo ich lebe, gibt es den nicht in der Art, aber in Berlin. Pech, dass neulich die Zeit so knapp war, wäre so gern zum Bäcker am Kudamm gegangen, der hat guten Streuselkuchen, er kommt aber an Opas nicht ran, auch mein selbst gebackener nicht, alle möglichen Rezepte habe ich versucht, schmecken ja nicht schlecht, aber keiner so, wie der in meiner Erinnerung. Am liebsten habe ich die rohen Streusel genascht, Opa hat erst geschimpft, wenn es zu viel wurden, er hätte dann nicht mehr genug für den Kuchen, der war immer dick belegt, meine Mutter hat als Kind den Teig abgeschnitten und nur die Streusel gegessen, wenn Oma die Krümel unter dem Tisch fand, gab es Dresche. Immer, wenn ich zu Besuch kam, machte Opa Streuselkuchen für mich, damals in Grünau im kleinen Holzhaus mit dem großen Garten, kein Spiel hat gereizt, dabei wollte ich zusehen. Als Opa und Oma noch ihr Geschäft in der Stadt hatten, gab es diesen Streuselkuchen für mich nicht, ich weiß es nicht mehr, vielleicht schmeckte er auch anders, die Oscha muss ihn damals gemacht haben, sie beide hatten doch keine Zeit, da gab es den Vorgartengang mit den zur Schau gestellten Obst- und Gemüsekisten, dort saß, nein thronte die Oma im schwarzen Kleid mit Blümchen und dunkler Schürze, die silbernen Locken leuchteten in der Sonne, Steinstufen führten in den Keller zum Laden, dort verkaufte Opa Lebensmittel und Gummibärchen, Kirschen am Stiel, Bonbonpfeifen, Sahnebonbons, Lakritze, Lakritze mochte ich nicht, war alles in großen Gläsern, Deckel mit Glasknauf, manchmal durfte ich auch naschen, aber der Streuselkuchen war nicht vom Opa gebacken, erst in Grünau im kleinen Holzhaus, als sie sich zur Ruhe gesetzt hatten. Der Duft, wenn der Kuchen aus dem Ofen kam, noch warm war und Opa und Oma mit mir, ihrem Mausele, Kaffee tranken, war der köstlich, möchte noch mal solchen Kuchen essen, wie der geschmeckt hat nach Hefe, Butter, Zucker und Vanille, warum schmeckt kein anderer Streuselkuchen so, ich glaube, dem fehlt etwas, der Duft nach Holz, Garten, Äpfeln und Kaffee, noch etwas, das Gefühl des Geborgenseins bei Opa und Oma.

© by Ruth Birk. Für die Rechtschreibung sind die Autoren verantwortlich.

 
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