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elektroLit in Berlin: Der Autor als Content-Provider für energetische Bücher

Literarisches Colloquium BerlinEine dreitägige Veranstaltung im Literarischen Colloquium Berlin widmete sich dem Schreiben und Lesen im digitalen Zeitalter

Seitdem gewisse Autoren, vornehmlich die der so genannten »Popliteratur«, ins Internet drängen und dieses zur Selbstdarstellung nutzen, richtet sich die Aufmerksamkeit der Medien auf die Literatur im Internet. Wüsste man es nicht besser, so könnte man den Eindruck gewinnen, als hätte es davor und neben ihnen nichts anderes (und besseres) gegeben. Scheinbar lassen sich nur bekannte Namen medial verkaufen, sofern man sie dort nicht bereits selber macht.

Auch der Schriftsteller Matthias Politycki, sicherlich ein ernst zu nehmender Vertreter seines Berufsstandes, berichtet davon, dass er während und nach seinem Online-Experiment beim ZDF, als man die Entstehung seines Romans »Ein Mann von vierzig Jahren« im Web mitverfolgen konnte, von Veranstaltung zu Veranstaltung herumgereicht wurde und es interessant war, wie gut man von diesem Ruf des »Online-Schriftstellers« leben konnte. Jedoch sei dieser Hype sehr ernüchternd, denn tatsächlich waren es kaum ein Dutzend User, die die Entstehung des Romans tatsächlich von Anfang bis zum Ende mitverfolgten. Der Rest schaute nur mal kurz vorbei. Politycki selbst wollte nicht unbedingt ins Netz, es war die Idee des ZDF, doch sind seine Erfahrungen sehr interessant, und er berichtete davon auf der »elektroLit«.

Zu dieser Veranstaltung mit dem Untertitel »Lesen und Schreiben im digitalen Zeitalter« hatte das Literarische Colloquium Berlin [1] vom 15. bis 17. Juni 2000 eingeladen. Trotz schönem Wetter und Fußballeuropameisterschaft hatten sich zahlreiche Zuhörer eingefunden, die erfahren wollten, was die Experten zu berichten hatten. Zuständig für Konzeption und Organisation waren keine Unbekannten. Stephan Porombka, Hilmar Schmundt und Thomas Wegmann organisierten bereits die Softmoderne [2] und dies zu einer Zeit, als die Verbindung von Literatur und Internet für viele noch fremd war. In der Tat entpuppt sich die »elektroLit« mit ihren Veranstaltungen als eine getarnte Softmoderne, denn auch hier hielt man sich an die bewährte Mischung von interessanten Podiumsdiskussionen, Vorträgen und künstlerischen Beiträgen. Auch bei den Themenschwerpunkten setzte man den Stil der Softmoderne fort: es ging um aktuelle Entwicklungen und Trends, um die neuen und neuesten Möglichkeiten, die die Elektronik der Literatur bringt.

Nach der Eröffnungsveranstaltung am Donnerstag stand der Freitag im Zeichen der elektronischen Bücher, also jener Lesegeräte, die das Buch ergänzen sollen und deren Inhalte man sich direkt aus dem Internet holen kann. Mit dem so genannten RocketBook brachte der Anbieter NuvoMedia in der Woche zuvor als Erster ein reines Lesegerät auf den deutschen Markt. Aber auch mit dem PalmPilot steht schon seit geraumer Zeit ein handflächengroßer Computer zur Verfügung, der ebenfalls den digitalen Literaturkonsum ermöglicht.

Salmen, Ankowitsch, Simon (v.l.)

Im ersten Teil, der, wie es Thomas Wegemann ironisch formulierte, eher als Verkaufsveranstaltung konzipiert sein sollte, wurden die unterschiedlichen Geräte von Hermann Salmen (NuvoMedia) [3] und Frank Simon (Ecce Terram [4]) vorgestellt. Doch mit Christian Ankowitsch von der ZEIT [5] hatte man sich schon den ersten Kritiker aufs Podium geholt. Dabei ist Ankowitsch durchaus kein Feind der Technik. Selbst Nutzer eines PalmPilot und jahrelang zuständig für den Online-Auftritt der ZEIT, bemerkte er eher beiläufig, dass ein elektronisches Buch für den Fach- und Sachbuchbereich der Printform meist überlegen sei. Auch Frank Simon hatte bereits auf den Vorteil z.B. für Juristen hingewiesen, die nun ganze Meter an herkömmlichen Gesetzestexten in einem Gerät und vor Ort im Gerichtssaal aktuell abrufbar haben. Im Belletristikbereich, so Ankowitsch, würde sich das Gerät jedoch nie durchsetzen. Mit einem normalen Buch »kommt man energetisch eher runter«, beim E-Book schiebe sich aber ständig die Technik zwischen Text und Leser. Das »Verschwinden des Buches während des Lesevorgangs« sei hier nicht gegeben. Zudem sei auch das Display, in dessen spiegelnder Oberfläche man sich auch noch ständig selbst beim Lesen zusieht, ein typographischer Rückfall.

Leider blieb die Diskussion weitestgehend auf dieser emotionalen Basis, und Fragen, inwieweit die elektronischen Bücher sich z.B. auf Fragen des Copyright auswirken, wurden nur am Rande behandelt.

Terézia MoraAuch bei der zweiten Veranstaltung des Abend ging es um die Erfahrungen mit dem Lesen auf den Geräten. Drei Schriftstellern und Autoren (Peter Glaser, Michael Rutschky und Terézia Mora) hatte man je eines der Geräte zum Test überlassen und diese schilderten nun ihre Erfahrungen. Freilich war die Textauswahl nicht immer so ganz animieren. Michael Rutschky fand u.a. auf seinem Gerät, dem Softbook, die Hundesteuerverordnung von Oldenburg. Die mag man sicherlich auch gedruckt nicht unbedingt lesen. Niemand äußerte sich wirklich begeistert. Nur Terézia Mora las ihren Testbericht direkt aus dem RocketBook, welches sie liebevoll Rocky nannte. Der Beginn einer neuen Freundschaft? Immerhin durfte Rocky auch schon in der Badewanne mit dabei sein.

Am Samstag auf dem ersten Podium ging es zunächst weiterhin um die neuen Möglichkeiten, die die Technik speziell den Verlagen bietet. Heinz-Ludwig Arnold (Text + Kritik) erzählt von seinem Verlag, der mithilfe der Print on Demand Technik bereits vergriffene Lyrik-Bände namhafter Autoren wieder zugänglichen machen will, Frank Thomas von der VG Wort (der GEMA der schreibenden Zunft) blieb gelassen angesichts der drohenden Flut von Raubkopien (Ähnliches bestehe ja auch schon beim Fotokopieren) und Joachim Klink vom Fraunhofer Institut berichtete von einer Studie, die das Verhältnis der Verlage zu den neuen Medien beleuchtet. Es sei vielleicht einer der größten Fehler, dass viele Verlage sich noch gar nicht um die neuen Medien kümmern wollen und immer noch wie das Kaninchen auf die Schlange starren. Für kleinere Verlage mag es dann schon zu spät sein. Ach ja, und dann saß da auf dem Podium noch Diane Greco vom Eastgate Verlag, der ausschließlich Hypertexte auf CD-Rom oder Diskette veröffentlicht. Leider wurde sie wenig in die Diskussion mit einbezogen und blieb größtenteils hinter ihrem Mac verborgen.

Das zweite Podium sollte aufzeigen, welchen Einfluss das Internet auf die aktuelle Literaturszene hat. Hatte bereits zuvor Heinz-Ludwig Arnold den Kopf über Projekte wie NULL geschüttelt, die dann seltsamerweise doch in Buchform und rückständigerweise mit unaufgeschnittenem Buchblock erscheinen oder Rainald Götz als »Little Big Brother« bezeichnet, der mit seinem »Abfall für alle« nichts weiter tue als die voyeuristische Neigung der Leser zu befriedigen. Dies sei Bildzeitungsniveau aber keine ernst zu nehmende Literatur.

Auch der Medientheoretiker Norbert Bolz, der Medienphilosoph Boris Groys und die Kritikerin Sigrid Löffler teilten weitestgehend diese Meinung. Der Schriftsteller werde zum Textkurator, die Inszenierung seiner selbst wichtiger als sein Werk, die Bücher verkommen zu Devotionalien mit Placeboeffekt.

Blick auf den Wannsee vom LCBDanach dann wuchtete man ein gewaltiges Sprecherpult auf die Bühne, hinter dem sich Peter Waibel, Leiter des ZKM in Karlsruhe, verstecken konnte, um Blick vom LCB auf den Wannseewie immer bei Veranstaltungen zum Thema Literatur und elektronische Medien zu denen er eingeladen ist, eine Stunde lang über die Algorithmisierung von Autor und Leser zu sprechen. Man muss den Verdacht haben, dass der Text seiner Rede selbst einem solchen Computerprogramm entsprungen ist, und vielleicht mag er sich heimlich freuen, welche Begeisterung er mit seiner seit Jahren nur leicht veränderten Rede zumindest bei Teilen des Publikums auslöst. Der andere genoss derweil die Sonne auf der Terrasse des LCB und den herrlichen Blick auf den Wannsee.

Der Abend dann gehörte den Künstlern. Tim Staffel (Text) und Martin Wieser (Design) präsentierten den eigentlich als Theaterstück entworfenen Hypertext »Das Mädchen mit dem Flammenwerfer«. Leider konnte man noch nicht alles zeigen, da das Werk selbst noch nicht ganz fertig sei. Interessant, dass die Ankündigungskultur und Baustellenschild-Ästhetik des Internet sich auch auf die reale Welt auswirkt. Wer weiß also, vielleicht bricht beim nächsten Kinobesuch der Film in der Mitte ab mit dem Hinweis, dass der Rest des Filmes demnächst fertig gestellt werde und man in ein paar Tagen noch mal reinschauen möge.

Bastian Böttcher, der beim Pegasus-Wettbewerb [7] von ZEIT und IBM im Jahre 1998 mit seinem Loop-Pool den Sonderpreis gewann, präsentierte anschließend seine sprachgewandten Texte live. Der Stil klar an Hiphop angelehnt, die Texte jedoch weitaus besser, spielerischer und witziger. Ein lockerer Ausklang, der dem kräftig applaudierendem Publikum gefiel. Wird Literatur also doch überwiegend dann für gut empfunden, wenn sie einfach nur Spaß macht?