Besuchertest mit Bravour: »Inventarium: Späte Huldigungen« von Tina Stroheker

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»Inventarium: Späte Huldigungen« von Tina Stroheker

Ein schweres, großes Buch mit Lesebändchen. Auf dem Buchdeckel vorne und hinten tummeln sich all die bunten Gegenstände, denen Tina Strohekers huldigt: Schlägt man es irgendwo auf, fällt einem sofort ein ganzseitiges Foto ins Auge, mal auf der rechten, mal auf der linken Seite: Horst Alexy hat die gehuldigten Gegenstände auf weißem Hintergrund fotografiert, mal angeschnitten, mal formatfüllend, mal klein. Sie sind der Blickfang, wenn man das Buch willkürlich aufschlägt. Das hat Folgen: So erinnere ich mich z. B. angesichts einer kleine Eieruhr, dass meine Eltern genau so eine neben dem Telefon (das waren die mit der Wählscheibe) stehen hatten, die drei Minuten Sand rieseln ließ: Fasse Dich kurz! stand darauf. Nicht mehr weiß ich, warum diese drei Minuten so entscheidend waren: Wurden die Gespräche etwa im 3-Minuten-Takt abgerechnet? Aber damit nicht genug: weitere Erinnerungen in Sachen Telefon folgten, z. B. wie wir drei Kinder schier in die Hörermuschel krochen, um ja keines der Wörter zu verpassen, die unsere Oma aus Berlin zu uns in den Süden schickte.

»Inventarium: Späte Huldigungen« von Tina Stroheker

Ältere und alte Leserinnen und Leser werden vielen altbekannten und auch wohl auch bereits vergessenen Gegenständen aufs Neue begegnen und dabei den persönlichen Erinnerungen der Autorin, eben ihren Huldigungen! Eine Huldigung war ursprünglich Treuegelöbnis eines Untertans gegenüber seinem Lehnsherrn. Aber ohne Tina Strohekers Texte wären die Bilder nur Fotos. Und die Bilder wiederum leben von den persönlichen Huldigungen der Autorin: Erst die Zusammenarbeit von Text und Bild erzeugt das Staunen.

Mit Bravour hat dieses Buch auch den Besuchertest bestanden: Dieses Buch liegt immer beliebig aufgeschlagen auf dem Wohnzimmertisch. Die meisten Besucher stürzen sich darauf, möchten es am liebsten mitnehmen. Niemand ging kommentarlos vorbei, und fast jede und jeder wagte sogar, einfach umzublättern zu einem neuen Foto bzw. neuen Text. Auch wir blättern schließlich immer wieder: Es ist ein lang anhaltender Genuss.

»Inventarium: Späte Huldigungen« von Tina Stroheker

Dazu trägt auch Tina Strohekers Sprache bei. So beginnt der Texte zum Foto von einem zartblauen Dessous folgendermaßen:

Sie wollte vorbereitet sein. Sie bereitete sich also vor. Sie fand sich ein wenig albern. Dies hielt sie nicht davon ab, das Geschäft zu betreten.

Worauf wollte sie vorbereitet sein? Das erfahren wir nicht! Das geht uns nichts an, es sind schließlich Tina Stohekers Erinnerungen. Wir müssen uns unseren eigenen stellen, was Dessous, Perlen, Unkraut, Leitzordner, Kuhglocken und und und angeht!: 78 Objekte von Arche bis Zeugnis, 78 Huldigungen.

Fazit: Ein schönes, ein gediegenes, ein spannendes Buch!

Tina Stroheker: Inventarium: Späte Huldigungen. Gebundene Ausgabe. 2018. Klöpfer & Meyer. ISBN/EAN: 9783863514648. EUR 34,00 » Bestellen bei amazon.de Anzeige

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