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Zwischenruf von David Gray: Je suis #ganzargbetroffen

Je suis #ganzargbetroffen

Na klar, wir sind alle Charlie [1]. Wir teilen das Bildchen, nutzen fleißig den dazugehörigen Hashtag [2] und modeln ganz schnell und betroffen unsere Facebook-, Twitter-, GogglePlus-, Pinterest-, WhatsApp- und Was-weiß-ich-nicht-sonst-noch-für-Profilbildchen um.

Wir zeigen Solidarität.

So einfach ist das.

Und so wichtig ist es auch.

Bis die nächste Katastrophe kommt, oder irgendwer mit Internetstreetcredit es für cool erklärt, sich statt Icebucket- [3] eben mal Hotwaterchallenges zu unterwerfen.

Da haben ein paar Idioten wieder einmal ihre eigene (mediale) Unsterblichkeit gesucht und in den Abzügen ihrer Waffen gefunden. Das selbe Muster wie in Boston. Was war in Boston? Wann war was in Boston? Richtig. Da war was mit einem Marathonlauf und einer Bombe. Oder war es eine Granate? Was war es? Na, da war jedenfalls was. Was Schlimmes. Furchtbares. Wir waren damals auch alle Boston.

Wir alle meinten es auch damals schon gut. Und meinen es auch jetzt wieder wirklich mit dem Meinen. So aus unserem Herzen heraus und einem Gefühl von Unglaube, Betroffenheit und, ja, und: Beleidigung. Wir sind angegriffen worden. In Paris. In einer Redaktion eines Magazins, auf das im Laufe seines Bestehens von links, von rechts, von oben, unten – aus allen denkbaren und undankbaren politischen Farb- und Glaubensrichtungen so gern eingedroschen worden war, dass es dessen Redakteure für nötig befanden, ihre Redaktionsadresse verdeckt zu halten.

Es ist nichts dagegen zu sagen, auch Satiriker zu kritisieren (Zur Not eben so lange und so heftig, bis sie ihre Redaktionsadresse unter der Decke halten müssen. Das ist Meinungsfreiheit. Wer austeilt, muss auch einstecken können. Und all das).

Aber das jetzt und hier, FreundInnen, LeserInnen und KollegInnen, ist die Ausnahmesituation, das Wasser ist am Kochen, die Kacke am Dampfen, the shit already into the fan. Da vergisst man, dass man vielleicht vor einigen Tagen noch die letzte oder vorletzte Ausgabe von »Charlie Hebdo« oder der »Titanic« selbst für scheiße gehalten hatte [4], das Cover für heillos übertrieben oder schlichtweg bloß geschmacklos [5].

Was ich mir, der ich mir hier mal anmaße, mich ebenso betroffen, hilflos und verloren angesichts der Nachrichten aus Paris gefühlt zu haben wie ihr, dennoch wünsche, ist, dass ihr ab und zu mal – dann wenn gerade kein größenwahnsinniger Bekloppter seinen Narzissmus mit der Waffe in der Hand (der Bombenweste unterm Sakko, der Granate unterm Kaftan, der Pumpgun unterm Mantel) gegenüber Unschuldigen ausgelebt hat – vielleicht auch eure Avatarbildchen ändert, um damit ein Statement gegen die Zensur von Wort, Bild oder Film abzugeben.

In den USA werden gerade jetzt Bücher aus Leihbibliotheken verbannt [7], im Iran, in China, Nigeria und Russland Gemälde, Skulpturen, Bücher und Filme verboten oder in Saudi Arabien regimekritische Blogger zu 1.000 Peitschenhieben verdonnert [8]. Richtig gelesen: Eintausend. Peitschenhiebe. Von einem Henker. Öffentlich verteilt. Unter Aufsicht eines Mediziners.

2014 wurden laut Reporter ohne Grenzen [9] 66 Journalisten, 19 Bürgerreporter und 11 Medienarbeiter nicht nur in Ausübung ihrer Arbeit, sondern wegen ihrer Arbeit getötet.

»Je suis Charlie« – welcher Triumph es doch für uns alle in der schreibenden Zunft wäre, könnten wir heute in einem Jahr irgendwo in Paris stehen und sagen: 2015 waren es ein paar weniger Kollegen, die überall auf der Welt wegen ihrer Arbeit getötet worden sind, als 2014.

David Gray

Über den Autor dieses Artikels

David Gray (Foto: (c) 2013 Licht und Linse Fotografie, Le)

David Gray (Foto: Licht und Linse Fotografie, Le)

David Gray ist das Pseudonym eines deutschen Journalisten und Filmkritikers.

Geboren 1970 in Leipzig, weist sein Lebenslauf längere Aufenthalte in Südostasien, Irland und Großbritannien auf.

Er hat einen historischen Roman, einen Polizeithriller und eine Shortstorysammlung auf amazon.de veröffentlicht.

Autorenseite von David Gray bei amazon.de [10]