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»Ich habe auch schon gehört, dass einem Autor für sein Buch keine Kosten entstehen sollen.« [Nachtrag]

Werbung der Deutschen Literaturgesellschaft für eine angebliche Gedichtsammlung mit einem Vorwort von Marcel Reich-RanickiManchmal sind wir Don Quichotte. Wir kämpfen gegen Windmühlen und wiederholen wie Gebetsmühlen: Firmen, die von Autoren Geld verlangen, sind keine Verlage im eigentlichen Sinne – auch wenn sie sich selbst so nennen. Es sind im besten Falle Dienstleister, im schlechtesten Abzocker. Es ist nicht die Art von Verlagen, deren Werke man gemeinhin in den Buchhandlungen findet.

Es ist der Normalfall im Buchhandel, dass der Verlag das wirtschaftliche Risiko einer Veröffentlichung trägt und dem Autor ein Honorar zahlt. Nochmals deutlicher: Ein Autor erhält Geld vom Verlag, nicht umgekehrt. Wir schreiben es hier [1], hier [2], hier [3] und an vielen anderen Stellen.

Doch dann wieder ein Windmühlenschlag ins Gesicht: In einem Kommentar zu einem Beitrag heißt es völlig ironiefrei und ernst: »Ich habe auch schon gehört, dass einem Autor für sein Buch keine Kosten entstehen sollen. [4]«

Uns steht der Mund offen, denn wir ahnen, wie viel Potenzial für »literarische Abzocker« weiterhin besteht.

»Wenn ich von jedem, der mir ein Manuskript zuschickt, eine Einreich- oder Bearbeitungsgebühr von 150 Euro verlangen würde, dann könnte ich mir die Rumrennerei bei den Verlagen sparen«, sagt der seriöse Literaturagent Uwe Heldt in einem Seminar der Text-Manufaktur [5].

»Wer dumm und eitel ist, ist selbst schuld«

»Wer so dumm und eitel ist, dass er diesen Pseudo-Verlagen das Geld in den Rachen schiebt, der ist doch selbst schuld«, sagte eine Teilnehmerin in einem Gespräch am Rande des gleichen Seminars.

Eine Meinung, die offenbar auch bei den Medien vorherrscht, die nicht einmal dann über die schwarzen Schafe der Branche berichten, wenn diese – wie im ersten Halbjahr 2009 die wohlklingende Deutsche Literaturgesellschaft – unerlaubt und skrupellos mit Elke Heidenreich [6] oder Marcel Reich-Ranicki werben. Die Deutsche Literaturgesellschaft behauptet, sie würde eine Gedichtsammlung mit einem Vorwort von Marcel Reich-Ranicki herausgeben. Die Qualität der Gedichte ist dabei offenbar egal, denn wer knapp 800 Euro zahlt, darf in diesem Werk ein Gedicht veröffentlichen.

Suhrkamp schweigt: Abzocke im Namen Marcel Reich-Ranickis

Selbst dem Suhrkamp Verlag scheint es reichlich egal zu sein, wenn sein Autor Marcel Reich-Ranicki für dubiose Werbezwecke missbraucht wird. Zwar dementierte Reich-Ranickis Sekretariat bei der FAZ sofort, dass der Kritiker etwas mit einer angeblichen Gedichtanthologie bei der Deutschen Literaturgesellschaft zu tun habe, doch die Suhrkamp-Geschäftsleitung reagierte selbst auf mehrfaches Nachfragen nicht.

Auf Dummheit oder Eitelkeit kann und darf man daher das Thema nicht reduzieren. Vielmehr ist es – so erleben wir es bei Anfragen an die Redaktion immer wieder – die grenzenlose Naivität und Unkenntnis der Gepflogenheiten der Buch- und Verlagsbranche, die die Menschen gutgläubig in die Hände dieser Dienstleister treibt. Von den Pseudo-Verlagen wird diese Naivität gnadenlos ausgenutzt, indem man z. B. für einen Verlag wohlklingende Namen wählt und es als normal bezeichnet, dass Autoren für eine Veröffentlichung zahlen. Aus dem Argumentationsbaukasten [3] der Pseudo-Verlage stammt daher auch immer wieder der Hinweis, dass selbst Goethe und Schiller ihre Werke im Eigenverlag herausgebracht hätten.

Wer die Höhe eines angeblichen Zuschusses im vierstelligen Bereich mit den günstigen Druckkosten bei einer örtlichen Druckerei oder einem Print-on-Demand-Dienstleister vergleicht, dem wird schnell klar, dass es hier vielleicht eher um Tatbestände wie Wucher oder Täuschung gehen könnte, denn die Differenz wird sich weder mit »Marketingaktivitäten« noch mit sonstigen »Leistungen« der Zuschussverlage begründen lassen.

Den oft gehörten Satz »Ich habe jetzt einige Verlagsangebote, aber das ist mir alles zu teuer« wollen wir einfach nicht mehr hören, denn aus ihm strahlt ebenfalls die grenzenlose Naivität. Denn wenn der Autor zahlen soll, dann hat das mit seriösen Verlagsangeboten nichts zu tun.

Korrekt muss die Lagebeschreibung daher lauten: »Ein echtes Verlagsangebot habe ich leider nicht, lediglich ein paar Dienstleister wollen mir mit blumigen Versprechungen eine kostenpflichtige Publikation andrehen.«

Und solange dieser Artikel wieder einmal einer Autorin oder einem Autor diese Erkenntnis bringt, solange werden wir unsere Rosinante satteln.

Nachtrag vom 24. Juni 2009:
Weniger illegal als erwartet: Das Buch mit Texten Elke Heidenreich ist tatsächlich erhältlich [8]

Unglaubliches ist passiert: Wir haben das Werk bei Amazon bestellt – und es liegt nun tatsächlich auf dem Redaktionsschreibtisch! In einem weiteren Bericht erklären wir, wie es dazu kommen konnte, dass im Buch tatsächlich Texte von Elke Heidenreich enthalten sind.
Hier klicken und weiterlesen » [8]