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Zuschussverlage: Autorenzahlungen müssen klar erkennbar sein – Ein Plädoyer

GARANTIERT ZUSCHUSSFREI 100% verlagsfinanziertIrgendwo muss es geheime Textvorlagen für ganz besondere Briefe geben. Zum Beispiel dafür, wie man von Autoren Geld verlangt. Die Argumente dieser Briefe ähneln sich nämlich wie ein faules Ei dem anderen.

»Große Verlage interessieren sich gar nicht mehr für neue Autoren und Literatur, sondern konzentrieren sich auf billige amerikanische Auslandslizenzen, die den Mainstream bedienen und schnelles Geld bringen.«
Aha, die großen Verlage sind böse, nicht an der Kunst, sondern nur am Geld interessiert. Wir sind anders, uns interessiert nur die reine Kunst, wir sind Idealisten und deshalb, lieber Autor, möchten wir von ihnen etliche Tausend Euro haben. Weil wir nicht am Geld interessiert sind wie die großen Verlage.

Herzallerliebst auch das Argument, dass große Verlage nur »billige amerikanische Auslandslizenzen« drucken würden. Allerdings sind amerikanische Verlage keine Wohltäter, sondern verlangen mittlerweile selbst für zweitklassige Werke 50.000 Euro und mehr. Für Bestseller entsprechen die Lizenzkosten locker dem Preis einer Villa im teuersten Münchener Stadtteil. Autoren solcher Briefe haben eine merkwürdige Vorstellung von »billig«. Doch dieses »Argument« fehlt in keinem Anschreiben, mit dem Verlage die Autoren zahlen lassen wollen. Dabei sind gerade die hohen Auslandslizenzkosten der Grund dafür, dass Verlage immer mehr deutsche Autoren veröffentlichen. Die Zahl der Auslandslizenzen ist nämlich rückläufig.

»Das Risiko des Autors ist gering, weil wir von Ihnen nur einen Teil der Kosten als Zuschuss verlangen. In Ihrem Fall wären dies netto 4.413,23 EUR, zahlbar in drei Raten. Dafür zahlen wir Ihnen aber bereits ab dem ersten verkauften Buch statt der üblichen 5 % ein Autorenhonorar von 10 % des Verkaufpreises. Wären wir nicht überzeugt, dass dieses Ziel zu erreichen ist, würden wir das Buch nicht in unser Programm aufnehmen.«
Rechnen wir doch dieses Beispiel einmal durch. 5% sei das normale Autorenhonorar. Hier werden 10%, also 5 Prozentpunkte mehr geboten. Bei einem Ladenpreis von 12,90 wären das 0,645 Euro. Um also einem vergleichbaren Autorenvertrag ohne Zuschuss gleichgestellt zu werden, müssten 6.842 Exemplare verkauft werden. Bei Kleinverlagen sind aber 1.000 Stück schon ein schöner Erfolg. Und viele Verlage verlangen auch durchaus noch höhere »Zuschüsse«.

Ganz so leicht ist wohl doch nicht, dieses Geld wieder hereinzuholen. Jeder Autor, dem solche Zuschussangebote ins Haus flattern, sollte erst einmal den Taschenrechner anschalten und nachrechnen.

»Sie zahlen nur einen Teil des Risikos, wir übernehmen den größten Teil.« Auch das gehört zum Bettelbrief an Autoren wie Hörner zur Kuh. Sie zahlen eine Menge Geld, aber das ist nur ein Zuschuss. 20.000 Euro für ein Buch? »Drucken die das mit einem Umschlag in Platin?«, fragte eine befreundete Kleinverlegerin zu dieser Kalkulation. Beliebt ist auch die Formel »Leider ist unser Budget für dieses Jahr schon ausgeschöpft, sodass wir Ihr Buch nur mit einem Zuschuss Ihrerseits in unser Programm aufnehmen können.« Warum nimmt der Verlag das Buch dann nicht im nächsten Jahr ins Programm, wenn das Budget noch nicht ausgeschöpft ist?

So offenherzig die Verleger über die böse, geldgierige Konkurrenz herziehen, desto verschämter werden sie, wenn es darum geht, was der Autor für sein Geld bekommt. Wolkig wird da von »Herstellungs- und Vertriebskosten« geredet – als ob seriöse Verlage in ihren Verträgen nicht auch Herstellung und Vertrieb garantieren – aber nicht auf Kosten der Autoren. Der Verweis auf 3.687 Buchhandlungen, die man in der Adresskartei habe, darf in aller Regel ebenfalls nicht fehlen, genauso wenig wie Tausende von Zeitungs- und Fernsehredaktionen, denen man das Buch vorstellen werde. Dabei ist es in Zeiten des Internets kein Problem, sich derartige Adressen zu besorgen und eine Massen-eMail zu verschicken.

Kurz gesagt: Diese Bettelbriefe ähneln sich wie ein faules Ei dem anderen. Natürlich ist die Versuchung groß, trotzdem einzuschlagen. Vor allem, wenn es sich nicht um einen der bekannten Druckkostenzuschussverlage handelt, sondern um einen, der einen guten Ruf hat; der durchaus auch Bücher ohne Zuschüsse veröffentlicht. Wenn ich einschlage, habe ich einen Fuß im Buchmarkt. Gar nicht mal falsch. Tatsächlich gibt es Verlage, die ihren Ruf verscherbeln und damit Geld machen wollen.

Doch das dicke Ende kommt nach. Irgendwann fliegt das Ganze auf. Irgendwann helfen alle Versuche nichts mehr, das geheim zu halten. Trotz aller Drohungen, aller Schlammschlachten findet sich irgendwann jemand, der diesen Nebenerwerb öffentlich macht. Verlage, die Zuschüsse nehmen, sind oft schnell mit dem Rechtsanwalt bei der Hand. Autoren, die solche Angebote öffentlich machen, laufen Gefahr, öffentlich mit Unrat überschüttet zu werden. Trotzdem wird es irgendwann öffentlich.

Eine Katastrophe für die Autoren, die nichts gezahlt haben. Denn dann kocht die Gerüchteküche. »Der wurde nicht wegen seiner Texte, sondern wegen seiner Brieftasche veröffentlicht«, heißt es dann. Selbst wenn das gar nicht stimmt.

Das ist der Grund, warum Verlage, die von Autoren Zuschüsse verlangen, die ganze Branche ins Gerede bringen. Sie schaden allen: den Autoren, die zahlen; sich selbst, weil sie ihren Ruf aufs Spiel setzen und anderen Verlagen, weil der Eindruck entsteht, dass alle Verlage Bücher von neuen Autoren nur gegen Vorkasse veröffentlichen. Was nicht stimmt.

Wir brauchen eine Liste. Eine Liste der Verlage, die von Autoren Geld verlangt haben, die Angebote mit Zuschüssen versandt haben. Um die Verlage, die Geld von Autoren verlangen, von den anderen, die keine Vorschüsse verlangen, zu unterscheiden.

Und wir brauchen ein Prüfsiegel: »Garantiert zuschussfrei!« Damit Autoren und Leser gleich auf den ersten Blick erkennen, um welche Art von Verlag es sich handelt. Wer das Prüfsiegel trägt und gegen die Bedingungen verstößt, muss saftige Strafen zahlen. Damit ließe sich die Ausbildung und Förderung von Nachwuchsautoren fördern.

In anderen Bereichen gibt es eine Preisauszeichnungsverordnung. Verlage, die Geld nehmen, sollten von Anfang an erkennbar sein. Noch besser wäre es, wenn Gerichte solche Paragrafen als unsittlich anerkennen würden, wenn der Verlag sich nicht von vorneherein als »Drucken gegen Geld«-Verlag outet. Dann könnten Autoren nämlich das gezahlte Geld zurückfordern und die Vorgehensweisen solcher Verlage würden sich bald ändern.

Wohlgemerkt, ich habe nichts gegen Verlage, die gegen Geld drucken. Solange sie das ehrlich sagen, solange klar erkennbar wird, was der Autor dafür bekommt. BoD und die zahlreichen Print-on-Demand-Anbieter haben Preisrechner. Da kann man sehen, wie viel der Buchdruck kostet, wie viel das Lektorat und was man dafür bekommt. Jeder Autor, der in die Versuchung kommt, einen vier- oder gar fünfstelligen Betrag dafür zu zahlen, dass er veröffentlicht wird, sollte dort einmal nachrechnen, bevor er sich auf Pauschalbeträge einlässt. Oft ist das ernüchternd.

Oder wollen wir, dass in Zukunft die Qualität der Brieftasche statt der Qualität der Texte darüber bestimmt, wer veröffentlicht wird? Dass Autoren nicht mehr für ihre Arbeit bezahlt werden, sondern zahlen müssen? Dass vielleicht in Zukunft auf der Buchmesse die Spitzenplätze im Verlagsprogramm von Heyne, von Suhrkamp versteigert werden?

»20.000 sind geboten, 20.000, für den Spitzenplatz bei Heyne, meine Damen und Herren, das ist billig, das ist günstig, wer bietet mehr?
20.000 zum Ersten, keiner bietet höher? 20.000 zum Zweiten, zu …
Ah, da sehe ich: 25.000!
25.000 für eine Buchveröffentlichung bei Heyne, 25.000 …«

Soll so die Zukunft aussehen?

Hans Peter Roentgen

Seit über 20 Jahren ist Hans Peter Roentgen als Organisator und Veranstalter von Schreibseminaren aktiv. Er berät Autoren und schreibt Beiträge für zahlreiche Websites. Hans Peter Roentgen ist u.a. Autor von »Vier Seiten für ein Halleluja [2]«, einem »Schreibratgeber der etwas anderen Art«.

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