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Zahlende Autoren: Hamburger Abendblatt wird scheinbar zum Zuschussverlag

Screenshot: 699 Euro kostet ein Buch in der »Norddeutschen Reihe«Warum sollen Autoren, die keinen Verlag finden, der ihnen ein angemessenes Honorar zahlt, immer nur bei teuren Zuschussverlagen landen [1], die sich das Versprechen auf einen Bucherfolg vom Autor schon mal mit 15.000 Euro bezahlen lassen?

»Das können wir billiger!«, hat man sich offenbar beim Hamburger Abendblatt gedacht. Die zum Springer-Konzern gehörende Zeitung tritt scheinbar selbst als Pseudoverlag auf, bei dem Autorinnen und Autoren für ihr Buch zahlen müssen. Als besonderer Anreiz wird von den Hamburgern ein »Vermarktungspaket« angeboten.

Kleinster Nenner: nicht in irgendeiner Weise negativ

Die Bücher werden in der so genannten »Norddeutschen Reihe« veröffentlicht. Der kleinste inhaltliche Nenner besteht darin, dass die Manuskripte laut FAQ [2] nicht »diskriminierend, gewaltverherrlichend, pornografisch oder in sonst irgendeiner Weise negativ sind«.

699 Euro will das Hamburger Abendblatt vom Autor »für einen Buchumfang ab 100 Seiten« haben. Dafür muss der Autor jedoch fast alles selbst machen und sein Manuskript zum Beispiel als Word-Datei über die Website hochladen und sich ein Cover aus Vorlagen zusammenklicken. Lektoriert wird der Text nicht. Wer Hilfe benötigt, dem wird Zugriff auf ein »Literatur-Netzwerk« angeboten, das »individuell unterstützt«. Was das zusätzlich kosten kann, darüber ist auf der Website norddeutschereihe.de [3] nichts zu lesen.

Vergleichbare Dienstleistungen sind günstiger zu haben

In der Autorenzahlung enthalten sind u. a. eine ISBN, die Anmeldung bei der Deutschen Nationalbibliothek und die Listung im Verzeichnis der lieferbaren Bücher.

Wer als Autor der »Norddeutschen Reihe« ein Buch verkauft, erhält den üblichen Tantiemensatz, der sich pro Exemplar irgendwo zwischen 1 und 2 Euro bewegen wird. Die Bücher sind in Buchhandlungen und Online-Shops bestellbar.

Einen vergleichbaren Dienstleistungsumfang gibt es bei Print-on-Demand-Dienstleistern bereits für um die 50 Euro.

Natürlich lockt man Autorinnen und Autoren mit dem Namen »Hamburger Abendblatt« und damit, dass die Bücher »innerhalb der ersten 12 Monate nach Veröffentlichung 3x im Hamburger Abendblatt beworben« werden. Näher ausgeführt ist dies nicht, jedoch dürften es eher Hinweise im Kleinanzeigenformat sein, wenn man nicht das Glück hat, ein wirklich gutes Manuskript abzuliefern, aus dem die Springer-Zeitung mehr machen kann.

Redaktioneller Beitrag im Hamburger Abendblatt?

Denn während seriöse Feuilletons Zuschussbücher in der Regel nicht mal mit der Kneifzange anfassen, geschweige denn rezensieren, lockt das Hamburger Abendblatt auch mit der Möglichkeit eines redaktionellen Beitrags.

Auch das sonstige Instrumentarium ist bei Zuschussverlagen üblich: So veranstaltet man zur Manuskriptgenerierung einen Schreibwettbewerb »Belletristik/Roman«. Wer gewinnt, bekommt die Veröffentlichung in der »Norddeutschen Reihe« umsonst.

Schade, dass man auch auf die üblichen Floskeln und Sprüche, mit denen normalerweise nur die schwarzen Schafe werben, nicht verzichtet. So verwendet man den Begriff »Lektorat« für die Eignungsprüfung der Manuskripte und die von anderen Pseudoverlagen bekannte Floskel [4] »Ausgewählte Titel werden auch auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert«. Ebenso wird in einem Artikel des Hamburger Abendblattes [5] das Lied vom bekannten Autor gesungen, dessen Potenzial die »echten« Verlage nicht erkannten.

Kein Vertrag mit dem Hamburger Abendblatt

Tatsächlich schließt man jedoch keinen Autorenvertrag mit dem Hamburger Abendblatt ab, sondern mit dem Dienstleister tredition.de [7], der hinter dem Angebot steckt. Ein durchaus seriöser Anbieter, der Autoren gegen Geld die Veröffentlichung ermöglicht, wenn sich kein richtiger Verlag findet, der den Text auf eigenes wirtschaftliches Risiko veröffentlichen und vermarkten will. Ebenso steckt Tredition als sogenannter »White-Label-Diensteister« auch hinter den Verlagsaktivitäten anderer Zeitungsverlage.

Geht man nicht über das Hamburger Abendblatt, so kostet die Dienstleistung einer Selbstveröffentlichung bei tredition.de direkt [8] 150 Euro – dann ohne »Marketingpaket« des Hamburger Abendblattes.

Rechte werden für mindestens 3 Jahre ausschließlich abgetreten

Apropos Vertrag: Obwohl man als Autor für sein Buch zahlt, tritt man bei dieser Kooperation laut Autorenvertrag sämtliche Nutzungsrechte ausschließlich an den Dienstleister Tredition [9] ab. Das schließt z.B. auch die E-Book-Rechte ein, sodass der Text vom Autor nicht z.B. bei Amazon selbst als E-Book angeboten [10] werden darf.

Und die Mindestvertragslaufzeit beträgt zunächst satte drei Jahre! Erst danach kann er mit einer Frist von 30 Tagen zum Ende eines Monats gekündigt werden.

Fazit

Natürlich könnte man sagen: Bevor Autoren, die keinen richtigen Verlag finden, in die Hände von fiesen Abzockern [11] geraten und dort schon mal 15.000 Euro hinblättern müssen, sind sie mit 699 Euro beim Hamburger Abendblatt besser aufgehoben.

Die Mindestvertragslaufzeit von drei Jahren, während der die Nutzungsrechte ausschließlich abgetreten werden, ist jedoch unserer Meinung nach unverhältnismäßig lang.

Denn auf der anderen Seite bieten Print-on-Demand-Dienstleister wie BoD [12] oder epubli [13] ähnliche Dienstleistungspakete bereits ab 40 Euro an. Gerade bei epubli sind die Kündigungsfristen kurz und es gibt keine Mindestlaufzeiten. Auch dort sind die Bücher über Buchhandlungen und Online-Shops erhältlich.

Bleiben die drei Anzeigen und der »Angeberfaktor« in der Norddeutschen Reihe des Hamburger Abendblatt zu veröffentlichen. Ob das die Mehrkosten Wert ist, muss jeder selbst entscheiden. Allzu viel Hoffnung sollte man darauf nicht setzen. Und: Ist die »Norddeutsche Reihe« wirklich ein Angebot des Springer-Blattes? Eigentlich nicht. Schon jetzt zeigt ein Blick auf die Website, dass die Reihe gar nicht so sehr mit der Zeitung verknüpft wird. Die Reihe wird relativ autark beworben. Aktuell findet sich dort nicht das Logo des Hamburger Abendblatts und im Impressum steht Tredition und eben nicht Axel Springer bzw. das Hamburger Abendblatt.