YUKON – gehasster Freund von Joey Kelly und Till Lindemann

Die großen goldfarbenen, Großbuchstaben leuchteten mir vielversprechend entgegen: YUKON. Ich bin ihrem Glanz verfallen, so wie ich seit meiner Kindheit dem Ruf der Wildnis von Jack London verfallen bin. Seitdem war der Yukon für mich der Inbegriff von Abenteuer. Dem Yukon haftet ein Mythos an, der einen nicht mehr loslässt. Und wer einmal dort war, der will wieder hin. Als ich die Anfrage nach einer Rezension des Buches im Postfach fand, musste ich einfach ja sagen. Yukon – Mein gehasster Freund – von Joey Kelly, Extremsportler und Bandmitglied der Kelly-Family, und Till Lindemann, Frontmann von Rammstein, das hörte sich vielversprechend an.

Doch das opulente Werk hat mich ratlos gemacht.

Selten habe ich ein so aufwändig und wertig gestaltetes Buch in den Händen gehalten. Der Umschlag ist aus hochwertigem Buchleinen gefertigt, die Goldprägung des Wortes YUKON leuchtet so wunderschön, dass man ständig liebevoll über sie streicht, als ob man danach Goldstaub auf den Fingern hätte.

Das Format entspricht einem Bildposter mittlerer Größe (der Pressetext nennt es »außergewöhnliche, bibliophile Ausgestaltung im exklusiven Querformat«). Wäre das Titelbild nicht so bescheuert und das Buch nicht so schwer, man könnte versucht sein, es an die Wand zu hängen oder längs ins Regal zu stellen. Zwischen den Buchdeckeln befinden sich 192 Seiten und rund 120 überwiegend doppelseitige Panoramaaufnahmen des Fotografen Thomas Stachelhaus. Leider kann ich über das Gewicht nur ungefähre Angaben machen. Beim Wiegen des Buches kapitulierte die Küchenmaschine. Das Display sprang auf 8888. Geschätzt dürfte das Buch so zwischen 2 bis 3 Kilogramm wiegen. Es bedarf einer Lesehilfe in Form eines Tisches, da sonst die Gefahr besteht, die Armmuskulatur zu überbeanspruchen. Warnhinweis: Auf keinen Fall das Buch mit ins Bett nehmen. Bei plötzlicher Ermüdung besteht Gefahr eines Nasenbeinbruchs.

Kommen wir zur Analyse des Inhalts. Auf dem Titelfoto sehen wir Joey Kelly, wie er auf der Schulter von Till Lindemann sitzt und grimmig in die Kamera schaut, dabei seine rechte Faus ballt. Till Lindemann blickt recht stoisch in die Kamera. Das Außergewöhnlich daran ist, dass er mit Joey auf der Schulter im Fluss steht. Beide fassen mit ihrer linken Hand an einen Pfosten, der im Wasser steckt. Die Momentaufnahme wirft Fragen auf. Was soll der Pfosten im Fluss? Und weshalb reicht das Wasser grade mal bis zur Hüfte von Till Lindemann? Führt der Yukon Tiefwasser? Handelt es sich um eine Messlatte? Oder sind die beiden gar so erschöpft, dass sie sich an einem Pfosten festhalten müssen? Am ehesten erinnert mich das Bild an eine gescheiterte Version der Teilung des Roten Meers: Lindemann mit dem Stab des Moses in der Hand, und Joey Kelly, der mit geballter Faust den Göttern zürnt.

Der Yukon sieht harmlos aus, aber man sollte immer Respekt vor ihm haben.

Joey Kelly

YUKON. Das ist zum einen das Territorium in Kanadas Norden. Und zum anderen der Fluss Yukon, der sich quer durch das Yukon Territory und Alaska erstreckt. Und mit dem Buchtitel ist der Fluss gemeint, den Kelly und Lindemann in einer dreiwöchigen Paddeltour mit dem Kanu bereisten.

Auf Seite 4 steht weiß auf schwarz ein einziges Wort und ein Fragezeichen. WARUM? In diesem einen Wort ist die Quintessenz des Buches zusammengefasst. Warum. Sollte jemand dieses Buch lesen? Warum. Sollte jemand dieses Buch kaufen? Warum. Wurde dieses Buch überhaupt gedruckt?

Da machen also zwei Männer einen Abenteuertrip in ein fernes Land auf einem legendären Fluß, dem Yukon. Klingt nach Midlife-Crisis und Selbstfindungsgeschichte. Statt Gestaltungsherapie, Meditation und Yoga Kampf mit den Elementen, dem »gehassten Freund«. Der Fluss, das Boot und ich. Und schau, wie cool wir sind, wir trotzen den Elementen, wir können Feuer machen und Fische fangen. Wir sind echte Kerle, die in der Wildnis überleben. Inhalt Ende.

Dieser Trip war ein Wettkampf gegen mich selbst. Ein simpler noch dazu. Abenteuer. Anstrengungen. Überleben. Zack.

Joey Kelly

Die Fotografien, alle in einem graublauen monochromen Farbton und stark bearbeitet, zeigen dem Betrachter Joey Kelly und Till Lindemann in Tarnklamotten beim Paddeln im Kanu, beim Feuermachen, beim Angeln mit der Rute und beim Schießen auf Fische mit Armbrust und Pfeil und Bogen. Und ja, anders als in Deutschland und den meisten europäischen Ländern ist das Jagen auf diese Weise in Kanada und den USA erlaubt.

Fast 200 Seiten lang geht das so. Ich frage mich, WARUM?

Zu Beginn des Buches lesen wir ein Interview, das Thorsten Zahn mit den beiden führte, und erfahren etwas über die Beweggründe, Vorbereitungen und Herausforderungen. Das ist mit der wertvollste Teil des Buches, weil es einen kleinen Einblick gibt in ihre Gefühle, Erfahrungen. Erlebnisse. Und hier erklärt sich das Titelfoto mit dem Pfosten: Die beiden versuchten, Netze auszulegen, um Fische zu fangen. Das Buch würde viel mehr Tiefe gewinnen, wenn der Leser mehr darüber erfahren hätte, was den beiden Protagonisten durch den Kopf gegangen ist, welche Anstrengungen, welche Herausforderungen mit der Reise verbunden waren.

Dazwischen gibt es einige Texte von Till Lindemann. Auf Seite 108/109 sehen wir ein Foto, wie er vorm Zelt am Feuer sitzt und verloren in die Weite schaut. Über ihm hängen dunkle Wolken wie ein ganzer Friedhof voller Grabsteine herab. Dazu die Worte: KRANK. Ich schau am Horizont entlang. Bin krank. Ach krank. So schrecklich krank. Gleich zwei Panoramaseiten widmen sich einem toten Elch, dessen Kopf Lindemann aus dem Wasser hält. Lebt er? Ist er tot? Haben sie ihn mit der Armbrust erlegt? Wir erfahren es nicht. Es gibt keine Worte, keine Geschichte zu den Bildern. (Im Interview wird die Geschichte des Elches erläutert: Er war bereits tot, als die beiden ihn entdeckten).

So reiht sich ein Bild ans andere. Männer im Kanu. Männer vorm Zelt. Männer am Feuer. Männer beim Fischen. Männer mit der Armbrust. Und der Himmel über dem Fluss wird noch dunkler, noch düsterer, noch bedrohlicher.

WARUM?

Das Buch lässt mich ratlos zurück. Es berührt mich nicht. Nicht die Geschichte, nicht die Typen, nicht die Texte und auch nicht die Bilder. Die Szenen wirken zu gewollt, zu inszeniert. Die Bildstimmungen, als hätte man sie absichtlich bearbeitet, um sie dunkel und düster zu halten.

Und dass ich zum Abschluss auch noch ein Bild ansehen muss, in dem Joey Kelly seinen Zeigefinger zum F… Y… in die Höhe Richtung Fotografen reckt. Hm.

Lichtblick ist am Ende des Buches der Text des Journalisten Dieter Kreuzkamp über den Yukon, der viel Geschichte und Infos lesenswert in seinen Text packt.

Und – ganz am Ende erfahre ich doch die Antwort auf meine Frage.

DARUM

Weshalb man Wasser reiten muss? Die Antwort ziemlich simpel. Für die werte Leserschar.

Offen bleibt, wer das sein soll. Als jemand, der den Yukon (Yukon Territorium) liebt und kennt, hat mich das Buch nicht überzeugt. Vielleicht ist es eher was für Fans von Joey Kelly und Rammstein?

Birgit-Cathrin Duval

ist Reisejournalistin und Fotografin mit Schwerpunkt Kanada und Schwarzwald. Sie hat den Yukon mehrmals bereist und wurde für ihre Kanada-Reportagen mit dem
GoMedia Awards Keep Exploring Award of Excellence ausgezeichnet. Ihre neuste Kanada-Reportage, eine Foto-Story über eine Motorradreise auf dem Alaska-Highway ist in der Dezember-Ausgabe der Zeitschrift Motorrad veröffentlicht. Ihre nächste Reise in den Yukon führt sie im März 2018 bei Minus 40 Grad auf dem Dempster Highway von Tuktoyaktuk, Northwest Territories bis nach Dawson City, Yukon

Mehr über ihre Reisen und Projekte auf takkiwrites.com.

Diese Buchbesprechung erschien zunächst in ihrem Blog.

Joey Kelly, Till Lindemann, Dieter Kreutzkamp, Thomas Stachelhaus, Thorsten Zahn: Bildband Yukon: Mein gehasster Freund. Joey Kelly und Till Lindemann fahren im schmalen Kanu auf dem Yukon durch Alaska und trotzen der Gewalt der Natur. Nah dran an einer engen Freundschaft. Gebundene Ausgabe. 2017. NG Buchverlag GmbH. ISBN/EAN: 9783866906402. EUR 79,00 » Bestellen bei Amazon.de