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Beitrag vom 4. November 2008 | Rubrik: Schreiben

Warum Worte aus Wörtern bestehen und Wörter aus Silben

Worte, Wörter, WortEine Besucherin des literaturcafe.de fragt anlässlich einer Textkritik: Wann sind es Worte und wann Wörter? Sind es nur dann Wörter, wenn es tatsächlich um solche geht und nicht um das Gesagte?

Diese selbst gegebene Antwort trifft den Kern!

Das deutsche Wort Wort kennt im Gegensatz zu allen (?) anderen Sprachen zwei Pluralformen: Wörter und Worte.

Wörter sind laut Duden »Lautgebilde bestimmter Bedeutung«; wenn jemand mit uns redet oder wir etwas lesen, gehen wir davon aus, dass Wörter verwendet werden; falls wir einzelne nicht verstehen, fragen wir oder schauen im Wörterbuch nach, vielleicht auch in einem Fremd- oder Spezialwörterbuch oder im Internet: da tummeln sie sich gemeinhin. Manchmal wird man nicht fündig: Dann kann es durchaus sein, dass sie erfunden wurden wie z. B. Pipi Langstrumpfs apothekerverwirrendes Spunk oder auch hier im literaturcafe.de bei Pfarrer Menzel: drei von den in dieser Episode aufgeführten 12 Sprachen sind völlig frei erfunden, eine vierte gibt es gar nicht (das Wort jedoch schon), und eine fünfte ist keine Sprache, sondern eine Schrift.

Worte hingegen meint den Inhalt, nämlich »Äußerung, zusammenhängende Rede, Ausspruch, Beteuerung, Erklärung, Ausspruch, Begriff«. Wenn jemand verspricht, mit dem Rauchen aufzuhören, sind das in der Regel »nur Worte«, da ihnen keine Tat folgt.

Einzelne Wörter oder besser: Begriffe wie Gott, Seele, Wahrheit, Ewigkeit, All, Nichts, Freiheit, Demokratie also schwerst mit Sinn aufgeblasene – können durchaus zu Worten werden. Und dann wirds schlimm, wie schon Goethe seinen Mephisto gegenüber dem Schüler feststellen lässt:

MEPHISTOPHELES.
(…)Im ganzen haltet Euch an Worte!
Dann geht Ihr durch die sichre Pforte
Zum Tempel der Gewissheit ein.
SCHÜLER.
Doch ein Begriff muss bei dem Worte sein.
MEPHISTOPHELES.
Schon gut! Nur muss man sich nicht allzu ängstlich quälen;
Denn eben wo Begriffe fehlen,
Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.
Mit Worten lässt sich trefflich streiten,
Mit Worten ein System bereiten,
An Worte lässt sich trefflich glauben,
Von einem Wort lässt sich kein Jota rauben.

Oder lassen wir Birgit Vanderbekes Jugendliche aus »Sweet Sixteen« zu Wort kommen. Die Depressos (eine Hälfte der Erwachsenen, die andere nennen diese Jugendliche »Regressos«) sehen

sich die täglichen Witzfiguren im Fernsehen an, wie sie im Kreis sitzen und darüber reden, was sie tun könnten, wenn sie was tun würden, was sie aber nicht tun, weil sie als tägliche Witzfiguren im Fernsehen im Kreis sitzen und reden (S. 54)

Die Besucherin des literaturcafe.de fügte ihrer Frage noch folgende Beispielsätze an:

  • Er erinnerte sich an die Worte seines Vaters: »Denk immer zuerst an die Familie!«
    Korrekt: Das sind Worte, da sie eine Lebensregel des Vaters wiedergeben.
  • Die Wörter schnitten tief in sein Hirn: »Sie sind entlassen.«
    Das muss ebenfalls Worte heißen, denn die Aussage ist gemeint!
  • Sie blickte auf dem Tisch umher, als suchte sie die Spur ihrer Worte (jemand hat bei einer Erzählung den Faden verloren).
    Korrekt.
  • Mit heftigen Worten schickte sie die Kinder weg.
    Korrekt.

Um beim letzten Beispiel zu bleiben: Hieße der Satz »Sie bedachte die Kinder mit Schimpfwörtern«, wäre eine bestimmte und uns allen bekannte Gruppe von Wörtern gemeint

Genug der Worte genügend Wörter sind mit Word geschrieben worden!

2 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Tim (leselupe.de) schrieb am 8. November 2008 um 14:13 Uhr

    In diesem Zusammenhang sei immer auch auf das ausgezeichnete Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ hingwiesen… ;-)

  2. Christin Liensdorf schrieb am 19. November 2008 um 09:13 Uhr

    „GEDANKEN =
    WORTE die fließen müssen
    festgehalten werden,
    um zu verkünden &
    zu verbinden,
    was so weit auseinander liegt“ v. Ch.K.-L.

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