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Wo bleiben Altenromance und Altenliteratur?

Ausschnitt aus dem Cover des Romans »Recuerdos – Vielleicht war es ein Tango«

Ausschnitt aus dem Cover des Romans »Recuerdos – Vielleicht war es ein Tango«

Es gibt Jugendliteratur, Kinderbücher, Frauenromane und natürlich jede Menge Subgenres wie Lesben- und Schwulenromance. Doch eine große Lesergemeinschaft wurde vergessen, für die es weder eine eigene Literatur noch ein eigenes Subgenre gibt. Es ist sogar so, dass bei Kindle-Veröffentlichungen in der Wahl der Kategorie (Familie und Beziehungen, Lebensabschnitte) das »mittlere Alter«, das höchst Erreichbare zu sein scheint. Die Kategorie »Silver Age«, »Senioren« – oder mit welchen Euphemismen man auch immer die Generation 50+ zu bezeichnen pflegt – fehlt völlig.

Peter Hakenjos macht sich auf die Suche.

Lesen 35-jährige Männer mehr als 60-jährige Frauen? Das Angebot in der Buchhandlung widerspricht der Antwort, die Ihnen vermutlich spontan einfiel: Für den 35-jährigen Mann gibt es in jeder Thalia-Filiale Regale mit Krimis, Abenteuerromanen und Fantasy, in denen Männer seines Alters die Protagonisten stellen. Wie sieht es mit der 60-jährigen Frau aus? Sollte sich ein Verlagsvertreter hier ins literaturcafe.de verirrt haben und diesen Artikel lesen, wird er jetzt die Backen aufblasen, leicht erröten und dann erleichtert ausrufen: »Und ewig wackelt der Pudding«, das haben wir vor drei Jahren auf den Markt geworfen. Lief gar nicht so schlecht! Da ging es um ein paar komische Alte, die …«

Alte im Film: Vertrottelt, lieb und doof, senil oder asexuell

Von Verlagsseite habe ich schon gehört: »Kein Mensch will etwas über Alte lesen, selbst die Alten nicht!« Stimmt! Auch ich meide das Zeug, das uns mit alten Protagonisten geboten wird. Gelebt habe ich 68 Jahre und weiß, was mich erwartet, wenn Alte in Film oder Literatur die Hauptrolle spielen.

Der Drehbuch- oder Romanautor, vorzugsweise kaum vierzig Jahre alt, stellt uns als vertrottelt, lieb und doof, senil oder asexuell dar. Nein, das muss ich mir nicht geben, das muss ich nicht anschauen und auch nicht lesen! Sie hätten gerne Beispiele?

Peter Hakenjos (Foto:privat)Peter Hakenjos
wurde 1948 geboren, ist aufgewachsen in und immer wieder zurückgekehrt nach Karlsruhe. Er studierte Wirtschaftspädagogik an der Universität Mannheim und war Lehrer für Spanisch sowie Wirtschaftswissenschaften an einer beruflichen Schule, darüber hinaus war er in der Lehreraus- und -fortbildung tätig.
www.peterhakenjos.de [1]

Der Klassiker im Film: Harold and Maude [2]. Maude als 80-Jährige liebt einen 18-Jährigen. Scheint progressiv zu sein. Ist es aber nicht. Die Alte muss zum Gedudel von Cat Stevens mittels eines Suizids entsorgt werden, wäre sonst ja auch eklig, oder?

In Wolke 9 [3], auch einem Film, gibt es schönen Sex von Alten. Super, denkt man zu Beginn. Endlich ein Film für und mit uns Alten! Doch die Strafe folgt auf dem Fuß. Der Ehemann bringt sich um, als seine Frau ihn wegen eines anderen Alten verlässt. Der Autor und Regisseur Andreas Dresen war höchstens 45, als er sein in mehr als einer Hinsicht schwaches Drehbuch geschrieben hat.

Was das Herz begehrt [5]? Die alte Diane Keaton muss den sensiblen, jungen und schönen Keanu Reeves, der sie liebt, verlassen, um das Ekelpaket Jack Nicholson zu ehelichen. Die Liste mit gesellschaftlich korrekt dargestellten Alten im Film ließe sich beliebig fortsetzen. In der Literatur nicht.

Im Film kann man Alte offenkundig noch an die Leute bringen. Wieso fehlt so etwas fast völlig in der Literatur? Philip Roth mit »Der menschliche Makel [6]«? Der alte Professor liebt die junge Putzfrau. Am Ende sind beide tot. Erbaulich? Eher nicht. Virginia Ironside schreibt uns mitunter [7] aus der Seele. Aber das läuft unter dem Genre »Ratgeber«. Man könnte als Altenromance noch Brücken am Fluss [8] von Robert J. Waller anführen. Dazu müsste man akzeptieren, dass Mitte 40 bereits alt ist. Ist es das? Eher nicht.

Keine Literatur, die sich für uns Alte zu lesen lohnt

Nein, es gibt so gut wie keine Literatur, die sich für uns Alte zu lesen lohnt, und würde etwas für uns geschrieben, wir würden nur wieder erwarten, dass wir darin die asexuellen, verpeilten Deppen oder liebenswert harmlose Schrullen sind. Die Folge: Kein Verlag will Bücher auflegen, von denen er erwartet, dass sie unverkäuflich sind. Und es gibt noch einen weiteren Grund, dass keine Altenromance, keine Altenkurzgeschichten usw. in den Regalen der Buchhandlungen stehen: Die Redaktionsmitglieder der meisten Verlage sind kaum den Hörsälen der Universität entwachsen. Für sie ist das Alter und das Altwerden höchstens ein Thema, wenn es darum geht, uns Alte als lächerlich oder überflüssig darzustellen. Auch alte, unbekannte Autoren sind in den Redaktionsstuben wenig gefragt. Die Alten haben die unangenehme Angewohnheit, bald zu sterben. Dann ist das schöne Geld, das für das Marketing eines Namens ausgegeben wurde, mit dem Debut-Roman verpulvert.

Mit Genres für Alte besteht zudem das gleiche Problem, wie mit allen Sub-Genres, die noch nicht geläufig sind: Um überhaupt Leser zu finden, muss erst für das Genre selbst geworben werden, muss für ein neues Buch wesentlich mehr die Werbetrommel gerührt werden, als für ein Fantasy-Buch, in dem muskelbepackte Werwölfe sich über blasse Jungfrauen hermachen.

Ich habe mich an Romanen für Alte versucht. Zwei Romane waren das Ergebnis: Recuerdos – Vielleicht war es ein Tango [9] und Von Spanien, einer alten Liebe und der verrückten Lust auf Leben [10]. Bei den Kurzgeschichten Alt und frei: Stories vom Lieben und Lästern [11] habe ich zwar bei Vito von Eichborn [12] eine gewisse Anerkennung gefunden, sie wurden in die EDITION BoD aufgenommen, verkauft wurde wenig. Über den Erfolg des zweiten Bandes der Kurzgeschichten: …aber versuchen will ich ihn [13], schweige ich lieber. Der ist bei CreateSpace [14] erschienen.

Einen großen Publikums-Verlag für Altengenres finden? Fehlanzeige. Gut, ich weiß schon: Sie runzeln jetzt die Stirne und denken: »Oh Gott, schon wieder ein Spätberufener, der glaubt Schriftsteller zu sein und dabei das und dass nicht unterscheiden kann!« Vielleicht haben Sie ja recht. Ich kann meine eigenen Romane und meine Altenkurzgeschichten in ihrer Qualität nicht beurteilen. Mag sein, meine Veröffentlichungen gehören in den unüberschaubaren Müllberg qualitätsfreier Vanity-Publisher Produkte. Aber finden Sie in den Katalogen der Verlage etwa Romane, in denen schöne alte Menschen ihre Liebe leben, zueinander finden, nicht die Deppen sind, Sex haben und ihr Leben nach diversen Konflikten wiederfinden? Für einen Tipp wäre ich dankbar [15].

Peter Hakenjos