Wir werden alle fliegen: Warum Sie ES hören sollten, bevor Sie ES sehen

Bill Skarsgård als Horror-Clown Pennywise in der Neuverfilmung (Foto: New Line Cinema)

Stephen King wird in diesem Jahr 70, und im Kino sind gleich zwei Verfilmungen seiner wichtigsten Werke zu sehen. Während die Adaption von »Der dunkle Turm« keinen der Kritiker überzeugte, lässt der Trailer zu ES hoffen, dass diese Neuverfilmung besser wird. Ab dem 21. September 2017 wird ES in den deutschen Kinos zu sehen sein.

Grund genug, den über 1.500 Seiten starken Roman nochmals zu lesen. Denn ES ist mehr als ein Horror-Roman mit Horror-Clown. ES ist eine Geschichte über Außenseiter, über die Freundschaft und die Frage, ob man seinem Schicksal entkommen kann.

Und wer die Geschichte noch intensiver erleben will, der lässt sie sich von David Nathan in über 52 Stunden ungekürzt vorlesen.

Pennywise, der Horrorclown

IT hieß der Roman im Original, der den deutschen Titel ES bekam, als er hierzulande 1986 erschien. Beim Bastei Lübbe Verlag fand man seinerzeit das Personalpronomen als Titel offenbar so aussagestark, dass der Roman »Misery« später nur den deutschen Titel SIE bekam.

Selbst wer das Buch bis heute nicht gelesen hat, verbindet mit dem Roman das weiß geschminkte Clownsgesicht des Schauspielers Tim Curry. Er spielte den Clown Pennywise in der ersten Verfilmung aus dem Jahre 1990. Dabei handelte es sich nicht um einen Kinofilm, sondern um eine zweiteilige Fernsehfassung mit über drei Stunden Länge. Currys Clownsfigur wiederum war oftmals makaberes visuelles Vorbild für die sogenannten Horrorclowns, die scheinbar ihr Unwesen auch in Deutschland trieben.

Ausschnitt aus der ersten Verfilmung des Jahres 1990

Auch die Neuverfilmung, die 2017 in die Kinos kommt, wirbt mit einem noch finsterer dreinblickenden Clown und wird aus zwei Teilen bestehen, wobei derzeit noch am Drehbuch des zweiten Teils gearbeitet wird.

Trailer der Neuverfilmung 2017

Dabei ist die Gestalt des Clowns nur eine von vielen, die das Böse im Roman ES annehmen kann. Im Grunde ist es namenlos, daher nur das unbestimmte Personalpronomen. ES steht für das Böse, das im King’schen Roman irgendwann in grauer Vorzeit irgendwo aus dem Universum auf die Erde kam. Nun lebt es unter der Erde der von King erfundenen Kleinstadt Derry, und rund alle 25 Jahre sorgt ES für Angst und Schrecken, bevor es wieder in eine Art Schlaf versinkt.

Hätte der Roman heute noch eine Chance?

Es wäre interessant zu erfahren, ob das Manuskript von Stephen King heute bei Verlagen noch eine Chance hätte, wenn es nicht den berühmten Autorennamen tragen würde. ES spielt auf zwei Zeitebenen: Da ist das Jahr 1958, in dem sieben Kinder den Kampf gegen das Böse aufnehmen, und da ist das Jahr 1985, in dem die Protagonisten erneut zusammenkommen, da sie 27 Jahre zuvor das Böse offenbar doch nicht besiegen konnten. Zusätzlich hat King noch eine ganze Reihe weiterer Nebenhandlungen eingeflochten, die zum Teil noch früher angesiedelt sind. Der Roman pendelt zwischen diesen beiden Haupterzählzeiten hin und her, die eine im Präsens, die andere im Präteritum. Gegen Ende werden die Zeitsprünge immer kürzer und erfolgen zum Teil mitten im Satz.

Heutzutage schrecken Verlage oftmals vor Manuskripten mit exzessiv eingesetzten Rückblenden zurück. Zum einen, weil sie von den Autoren nicht immer dramaturgisch geschickt eingesetzt werden, zum anderen, weil nicht alle Leser diese Zeitsprünge verstehen. Liest man Leserkommentare bei Amazon, so scheint sich dies zu bestätigen.

Stephen King jedoch arbeitet sehr gekonnt und dramaturgisch geschickt mit diesen Zeitsprüngen. Und dennoch wird man unruhig, wenn die Handlung plötzlich von einer Nebengeschichte oder philosophischen Abhandlungen unterbrochen wird.

Erst seit 2011 existiert eine vollständige deutsche Ausgabe von ES. Denn als das Werk 1986 hierzulande erschien, war die englische Ausgabe noch gar nicht auf dem Markt. King arbeitete den Roman nochmals um, sodass die deutsche von der amerikanischen Fassung abwich. Später wurde die deutsche Fassung nachübersetzt, doch erst eine weitere Überarbeitung durch Anja Heppelmann sorgte 2011 dafür, dass Auslassungen und Übersetzungsfehler verschwanden.

Auf Basis dieser erstmals vollständigen deutschsprachigen Ausgabe las David Nathan das Buch als ungekürzte Hörfassung ein, im Auftrag von Amazons Hörbuchanbieter Audible. Das Hörbuch war nur als relativ teure Downloadversion im Einzelabruf für über 35 Euro erhältlich. Im August 2017 ist sie schließlich auch als MP3-CD erschienen und im Preis unter 15 Euro gerutscht.

David Nathan ist in den letzten Jahren die deutsche Stimme der King-Romane geworden, und seine Qualitäten haben wir im literaturcafe.de bereits an anderer Stelle hochgelobt, so z. B. beim Hörbuch »Der Anschlag«. Auch bei ES zeigt Nathan wieder sein ganzes stimmliches Können. Seine Pennywise-Stimme ist schaurig gruselig, doch auch den sieben Kindern gibt er passende Stimmen. Oftmals erhalten Nebengeschichten bei Nathan ihre ganz eigene Erzählerstimme, wie beispielsweise die über den furchtbaren Brand in einem Soldatenclub.

Eine Horrorgeschichte …

Ohne Frage: ES ist eine Horrorgeschichte mit gelegentlich drastischen Schilderungen. Sprachlich peinlich sind in diesem Werk nur einige Sexszenen. Sie zeigen, dass auch Schriftsteller wie King das Körperliche nicht ohne abgegriffene und komisch wirkende Formulierungen beschreiben können.

Allerdings wäre es falsch, die Geschichte als eine Gut-gegen-Böse-Horrostory abzutun, in der das Böse zufällig wie ein Clown ausschaut.

Noch ist nicht klar, wie der Film die Geschichte erzählen wird. In den US-Kinos läuft er am 8. September 2017 an. Bislang bekannt ist nur, dass die Neuverfilmung die beiden zeitlichen Ebenen auf zwei Filme aufteilt und diese um rund 30 Jahre versetzt. Der erste Film, der im September 2017 in die Kinos kommt, wird daher nur die Abenteuer der sieben Kinder beschreiben, die dann nicht mehr in den 1950er, sondern in den 1980er-Jahren stattfinden. Der zweite Teil wird dann das Leben der erwachsenen Protagonisten und ihre Rückkehr nach Derry beschreiben. Die erste Verfilmung aus dem Jahre 1990 hatte beide Ebenen noch wie im Roman unmittelbar verwoben.

Der dramaturgische Reiz des Romans und des Hörbuchs ist daher ein ganz anderer, und selbst in zwei Spielfilmen wird man nicht alle 1.536 Seiten Detailreichtum unterbringen können.

… mehr als eine Horrorgeschichte

Denn der Roman ES ist weitaus mehr als eine Horrorstory. Es ist ein Roman über sieben Außenseiter. Deren Rollen und Erfahrungen scheinen zunächst klischeeartig besetzt zu sein: der Stotterer, der Dicke, der Behütete, der Spaßmacher, das Opfer häuslicher Gewalt, der Jude und der Kurzsichtige. Doch King zeichnet die Figuren tiefer und lässt sie oftmals diese Rollen auch vergessen. ES ist ein Roman über die Kraft der Freundschaft. Gleichzeitig behandelt er die Frage, ob und wie man als Erwachsener den Prägungen entfliehen kann, die man als Kind erhalten hat. In dieser Lesart steht ES plötzlich gar nicht mehr so sehr für eine außerirdische Macht, sondern allgemein für das Böse oder die Gleichgültigkeit der Gesellschaft, gegen die die sieben Kinder antreten und der sie auch als Erwachsene nicht wirklich entkommen sind.

Über 30 Jahre ist ES nun alt, und immer noch wird es gelesen. Davon können viele Autoren bei den immer schneller werdenden Buchmarktzyklen nur träumen. Natürlich erscheint das Taschenbuch nun in einer Ausgabe, dessen Cover ein Filmmotiv aufgreift.

Tatsächlich lohnt es sich, den Film als Anlass zu nehmen, um den Roman (wieder einmal) zu lesen oder das ungekürzte Hörbuch zu hören. Es gibt in ES noch viel zu entdecken.

Wolfgang Tischer

ES als Buch

und ES als ungekürztes Hörbuch