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Beitrag vom 27. August 2013 | Rubrik: Buchkritiken und Tipps, Literarisches Leben

Winteräpfel-Video: Wenn Romanfiguren wandern

James Purdey (Egon Klauser)Vor 10 Jahren erschien »Winteräpfel« von Heidi Knoblich in der ersten Auflage. Bis heute wird das Buch als gebundene Ausgabe verkauft. Ein historischer Roman der Feldberggegend, der nebenbei die Geschichte des Schwarzwaldtourismus erzählt.

Der Stil des Buches ist karg und direkt, wie die Hochmoorlandschaft auf dem höchsten Berg des Schwarzwalds – doch basierend auf der wahren Geschichte Fanny Mayers entwickelt der Roman einen eigenwilligen Lesesog.

Doch der Roman lässt sich nicht nur lesen, sondern auch erwandern. Wolfgang Tischer vom literaturcafe.de war mit den Romanfiguren auf dem Feldberg unterwegs.

http://www.youtube.com/watch?v=DzwUkTvuYUA

Fun-Park und Naturpark auf 1.493 Metern Höhe

Feldberger Hof im SchwarzwaldDer Feldberger Hof liegt nahe des 1.493 Meter hohen Schwarzwaldgipfels. Ein Hotelhochhaus mit Hunderten von Betten, Schwimmbad, Badminton- und Fußballhalle, »Fun-Park« mit Kletterwand und Wellness-Bereich. Es erscheint paradox, dass dieser Hotelkomplex mitten im Naturpark Südschwarzwald liegt. Gleich gegenüber befindet sich das »Haus der Natur«, das den Touristen das Schützendwerte der Landschaft erklärt, was einem angesichts von unzähligen Urlaubern und Tagesgästen, Skifahrern und Wanderern wie eine Sisyphusarbeit vorkommen mag.

Wie es hier oben wohl ohne den touristischen Rummel wäre? Und muss ein Hotel ausgerechnet hier stehen?

Blick hinunter vom Feldberg in Richtung Schwäbische AlbRückblende. Über 130 Jahre früher. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts gab es ein kleines Hotel auf dem Feldberg im Schwarzwald mit Namen »Feldbergerhof«. Ein Leerzeichen konnte man sich damals noch nicht leisten. Der Wintersport war noch nicht erfunden, eine ausgebaute Straße gab es nicht. Im Winter war es gefährlich und oft unmöglich, Gaststube und Hotel zu erreichen. Es gab nur die Sommersaison.

Am 18. Februar 1881 wird im eingeschneiten Haus auf dem Feldberg der Sohn Oskar des damaligen Pächters Carl Mayer geboren. Doch der Mutter geht es nicht gut, sie liegt im Kindbettfieber und wird kurz nach der Geburt sterben.

Hier beginnt der Roman »Winteräpfel« der Journalistin, Sprecherin und Schauspielerin Heidi Knoblich. Fanny Mayer versucht, mitten im Winter den Feldbergerhof zu erreichen. Ihr Bruder und Pächter des Hotels hat sie um Hilfe gerufen, da er mit der Situation allein nicht fertig wird. Fanny kommt aus Basel. Die gebürtige Freiburgerin arbeitet dort seit Jahren als Haushälterin. Doch nun warten andere Aufgaben auf sie, Lebensaufgaben.

»Meinem Bruder will die Frau sterben«

Fanny Mayer»Versteht Ihr denn nicht?«, sagt die fremde Frau bittend. »Ich muss zum Feldberg hinauf! Meinem Bruder will die Frau sterben.« Diese ersten, altertümlich formulierten Sätze werfen den Leser mitten hinein in die Handlung. Knoblich schreibt im Präsenz mit Konjunktiven und oftmals indirekter Rede. Ihre Sätze sind einfach und nicht sonderlich lang. Subjekt, Prädikat, Objekt. Es ist kein historischer Roman, der in opulenten Bildern und adjektivberankten Beschreibungen schwelgt. Der karge, einfache Stil passt gut zum einfachen bäuerlichen Gastronomenleben, das Fanny Mayer ab sofort leben wird. Als gelernte Haushälterin wird sie in kürzester Zeit zu dem, was man heute eine Hotelmanagerin nennen würde.

Knoblich erzählt das wahre Leben der Fanny Mayer, die als »Feldbergmutter« in die Geschichte der Gegend und des Schwarzwalds eingeben wird. Und gleichzeitig ist es die Geschichte der touristischen Erschließung des Feldbergs, denn durch Fannys Betreiben und Engagement, wird das Hotel auf der Bergspitze zum Wintersportmekka. Fannys Neffe Oskar wird der erste deutsche Skispringer bei einem Wettbewerb in der Schweiz sein.

Der Roman »Winteräpfel« gehört zur Ausstattung der Andenkenläden am FeldbergHeidi Knoblich flechtet all diese Informationen in ihren Roman ein, ohne dass es aufdringlich wird. Den oftmals erzwungenen »belletristischen Geschichtsunterricht« anderer historischer Romane gibt es bei ihr nicht. Ein Anhang erläutert für den interessierten Leser das wahre Leben der Fanny Mayer, das nicht weit von der Romanerzählung entfernt war. Knoblich verrät auch, welche Personen es wirklich gab und welche sie erfunden hat.

Dezent sind von der Autorin immer wieder alemannische Gedichte von Johann Peter Hebel eingestreut, während sie ihre Hauptpersonen Hochdeutsch sprechen lässt. So kommt dem Dialekt keine klischeehafte humoristische Komponente zu, wie es oft in Büchern und Filmen der Fall ist. Im Gegenteil: Hebels zitierte Verse drehen sich melancholisch um Winter und Vergänglichkeit.

Keine Handlungsmuster aus dem Dramaturgiebaukasten

Eine Liebesgeschichte fehlt im Buch natürlich auch nicht. Doch hier hält sich die Autorin ebenfalls angenehm zurück, belässt vieles bei Andeutungen, sodass sich dieser Strang dramaturgisch gut in die Geschichte einfügt. Knoblich verzichtet auf vorgefertigte Handlungsmuster aus dem Romandramaturgiebaukasten und erzählt ohne überflüssige retardierende Momente.

Wer opulente Historienschmöker mit mindestens 500 Seiten liebt, dem werden die »Winteräpfel« karg erscheinen. Hier werden Situations- und Personenbeschreibungen nicht über Seiten ausgewalzt. Hier ist Raum für die eigene Fantasie.

Man muss für die Lektüre Südschwarzwald und Feldberg nicht kennen. Vielleicht wird man nach dem Lesen das kleine, florierende Hotel der Fanny Mayer besuchen wollen. Dann mag man beim Besuch auf dem Schwarzwaldgipfel enttäuscht sein, denn das ursprüngliche Anwesen gibt es nicht mehr und das Hotel hat ein Leerzeichen im Namen.

Doch wer die dortige Hotelanlage kennt, sieht sie nun mit anderen Augen, sieht darin den Geist von Fanny Mayer und versöhnt sich mit dem Tourismus auf fast 1.500 Metern höhe.

Wandern mit Fanny Mayer und James Purdey

Wandern mit Fanny am Feldberg. Gut 70 Leute sind unterwegs.Doch nicht nur literarisch lässt Heidi Knoblich die damalige Hotelchefin auferstehen. Als Schauspielerin und Autorin schlüpft sie selbst in die Rolle der Fanny Mayer. Zusammen mit zwei Schauspielkollegen und zwei Eseln bietet sie inszenierte Lesewanderungen auf dem Feldberg an. Fast fünf Stunden und an die 10 km ist man auf dem Feldberg unterwegs, zwischendrin gibt es ein Picknick mit Bibbeliskäs- und Speckbrot. Um die 70 Leute folgen Fanny Mayer alias Heidi Knoblich an einem sonnigen Augusttag im Jahre 2013.

Die Wanderung ist ein gelungenes Beispiel, wie literarische Stoffe und Bücher interessant aufbereitet werden können. Wer hier mitwandert, der muss das Buch nicht kennen und umgekehrt erzählt Knoblich nicht einfach nochmals die Geschichte des Romans, sondern erschafft für die Wanderung auch neue Charaktere. Die Landschaft bildet die natürliche Kulisse, und wie im Buch belässt es Heidi Knoblich gelegentlich bei Andeutungen und betreibt keine Fanny-Wallfahrt.

Hinter das Hotelgebäude auf dem Feldberg muss man daher ganz allein gehen. Dort steht auch heute noch die kleine Kapelle, die Fanny Mayer 1889 errichten lies. Daran angebracht ist eine Tafel mit der Inschrift: »Der Feldbergmutter Fanny Mayer, 8. April 1851 – 9. Juni 1934, der Gründerin des Feldbergerhofes und Stifterin dieser Kapelle zum Gedächtnis. Sie lebte gütigen Herzens und klugen Geistes, eine fürsorgende Mutter, allen ein Vorbild«.

Wolfgang Tischer

Heidi Knoblich: Winteräpfel: Aus dem Leben der Feldbergmutter Fanny Mayer. Gebundene Ausgabe. 2012. Silberburg. ISBN/EAN: 9783874079099. EUR 19,95 (Bestellen bei Amazon.de)
Alle Infos und Termine zur Wanderung unter heidi-knoblich.de

Winteräpfel: Das Video zur Wanderung

http://www.youtube.com/watch?v=DzwUkTvuYUA

Bonus: Das Esel-Video zur Wanderung

http://www.youtube.com/watch?v=tvXf76gcNS0

Peter Bensberg von ACTIVETOURS erläutert, welche Rolle Esel beim Bau des damaligen Hotels spielten und warum er mit Emma und Merle bei der Wanderung mit dabei ist.

Link ins Web: Der Schwarzwald-Podcast über Fanny am Feldberg

Birgit-Cathrin Duval vom Schwarzwald-Podcast berichtet ebenfalls über die Wanderung und unterhält sich mit Wolfgang Tischer über das Buch »Winteräpfel«.
www.schwarzwald-podcast.de

Karte: Der Feldberg im Schwarzwald


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  1. Neuer Schwarzwald-Podcast: Mit Fanny am Feldberg - Birgit-Cathrin Duval – Journalistin. Fotografin. verlinkte am 27. August 2013 um 09:10 Uhr

    […] war ich gemeinsam mit meinem Kollegen Wolfgang Tischer vom literaturcafe.de, der eine Videoreportage über die literarische Wanderung im literaturcafe.de veröffentlicht […]

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