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Wie sich Eichborn-Autor Frank Müller ein Buch zusammenkopierte

Nicht vermisst, sondern rasch gefunden: Autor Müller hat die Texte seines Buches ohne Quellenangabe zusammenkopiert.Lesenswert und ein erschreckendes Beispiel dafür, wie sorglos ein namhafter Verlag mit Plagiaten umgeht, ist dieser Weblog-Eintrag des Druckers Martin Z. Schröder [1]. Der bekam nämlich vom Eichborn-Verlag ein Rezensionsexemplar des Buches »ß. Ein Buchstabe wird vermisst« des Autors Frank Müller zugeschickt. Schröder glaubte seinen Augen nicht zu trauen: Passagen des Buches waren aus einem Artikel abgeschrieben, den Schröder ein Dreivierteljahr zuvor für die Süddeutsche Zeitung geschrieben hatte. Eine Quellenangabe fehlte.

Schröder recherchiert und stellt fest, dass weitere Passagen des Buches ebenfalls ohne Quellenangabe aus der Fachzeitschrift SIGNA entnommen [2] waren. Schröder macht die Sache öffentlich und berichtet von diesem dreisten Textdiebstahl in seinem Weblog. Nun erhält Schröder eine eMail des Autors Frank Müller, in der dieser die fehlenden Quellenangaben mit »technischen Versehen« und »Zeitdruck« begründet.

Doch Kommentatoren in Schröders Blog legen nach: Es wird offenbar, dass Müller Texte des Buches aus der Wikipedia und aus anderen Quellen entnommen hat. Auch Rechtschreibreform-Gegner Theodor Ickler meldet [3], dass weitere Passagen des Buches ohne Quellenangabe aus seinem Werk »Falsch ist richtig« stammen.

Ein Peinlichkeit ohne Grenzen für Autor Müller, ein Desaster für den Verlag. Am 24. Februar hat Schröder die Sache in seinem Blog öffentlich gemacht, am 26. reagiert Eichborn und zieht das Buch zurück, das am 3. März 2008 hätte erscheinen sollen. »Technisches Versehen« und »Zeitdruck« reichten nicht mehr als Entschuldigung. Müllers Plagiat im großen Stil war aufgeflogen.

Doch anstatt dass der Eichborn Verlag die Situation durch eine offene und ehrliche Entschuldigung entspannt, macht er genau das Falsche: Mit lockeren Sprüchen und PR-Deutsch versucht man beim Verlag, die Sache herunterzuspielen. »Dieser Text aus dem Hause Eichborn ist, mit Verlaub, nun doch eine krasse Unverschämtheit«, so ein Kommentator in Schröders Weblog. Ein anderer findet sie »naßforsch, jämmerlich, obszön und so gequält humorig, daß sie wie eine schlechte Parodie des bekannt schlechten Stils des Verlages wirkt«.

Das PR-Desaster des Verlags weitet sich aus und schließlich ändert der Verlag den Text auf seiner Website in einen neutralen Ton und entschuldigt sich bei »den Autoren der nicht kenntlich gemachten Quellen«. Dabei kann der Verlag noch froh sein, dass offenbar keiner der Autoren juristische Schritte gegen den Verlag veranlassen will.

Nachtrag: Einen ganz anderen Weg, mit unliebsamen Autoren umzugehen, beschreitet die Website literaturkritik.de, für die Müller geschrieben hat. Sie hat die Eigenrezension Müllers und sein Autorenprofil einfach kommentarlos gelöscht [5]. Nur im Google-Cache [6] finden sich noch Spuren Müllers [7].