- literaturcafe.de - http://www.literaturcafe.de -

WDR Servicezeit berichtete über E-Books und Zuschussverlage und literaturcafe.de unterstützte bei der Recherche

WDR Servicezeit mit dem Thema E-Books und ZuschussverlageKann man mit E-Books reich werden? Es gibt Ratgeber und Websites, die dies suggerieren. In der Verbrauchersendung »Servicezeit« ging der WDR dieser Frage nach [1] und sprach u.a. mit literaturcafe.de-Herausgeber Wolfgang Tischer, der sich einem E-Book-Selbsttest stellte [2].

Außerdem wollte der WDR wissen, wie Verlage reagieren, wenn man dort ein E-Book veröffentlichen will und wie die Konditionen sind.

Das literaturcafe.de half den Machern des WDR bei der Beschaffung eines geeigneten Romanmanuskripts, das vom Sender an Verlage geschickt wurde. Es ist wenig erstaunlich, dass sich nur Zuschussverlage gemeldet haben, die für eine Veröffentlichung Geld wollten. Die Inhalte der Angebote waren jedoch sehr überraschend – und amüsant.

»Verlag kommt von vorlegen«

»Verlag kommt von vorlegen«, stellt Wolfgang Tischer vom literaturcafe.de im Bericht klar. Ein Verlag zahlt dem Autor Geld, dass er dessen Manuskript drucken, vervielfältigen und verkaufen darf, weil der Verleger überzeugt ist, dass er damit Geld verdient. Ein Verlag ist ein Wirtschaftsunternehmen, und ob sich ein Buch verkauft, das ist das verlegerische Risiko. Ein Verlag wird also ganz genau prüfen, ob das Buch auf dem Markt eine Chance hat und Käufer findet.

Zuschussverlage und Pseudoverlage kehren dieses verlegerische Prinzip um und lassen den Autor bezahlen. Das verlegerische Risiko entfällt ganz oder teilweise.

Testweise hat der WDR das Manuskript eines Fantasy-Romans an Verlage und Pseudoverlage geschickt. Bezeichnend ist, dass von den großen etablierten Publikumsverlagen bislang gar keine Antwort kam. Nur einer schickte eine automatisierte Eingangsbestätigung.

Anders sah es bei denen aus, die für die Veröffentlichung Geld vom Autor wollten. Da der fiktive Autor, den der WDR erschaffen hat, im Anschreiben an die Verlage explizit gewünscht hat, dass sein Buch als E-Book erscheint, erstaunt es, dass viele dieser Verlage dennoch meist die Druckversion angeboten haben. Bisweilen wurde offen zugegeben, dass man auf dem elektronischen Markt noch keine Erfahrung habe.

Auf der anderen Seite ist dies dann doch nicht weiter verwunderlich, da die meisten Autorinnen und Autoren ihr Werk schwarz auf weiß in Papierform in den Händen halten wollen. Da macht eine körperlose Datei wenig her, denn die beeindruckt nicht mal die Verwandtschaft.

Fast 15.000 Euro möchte einer der Verlage - vom Autor!

Screenshot aus dem WDR-Beitrag

Die Angebote bewegten sich dann auch in einem Rahmen, der mit den normalen Druckkosten identisch ist, bis hin zu einem Gesamtpaket von fast 15.000 Euro.

Es gab auch einen Dienstleister, der ganz klar von einem »Druckauftrag« und nicht von einem »Autorenverlag« sprach. Das ist ehrlich.

Denn neben der Umkehrung des verlegerischen Prinzips ist die Vertragsbindung oftmals der zweite Pferdefuß an der Sache, weshalb von diesen Unternehmen abzuraten ist. So wenig es echte Verlage im Sinne der oben genannten Definition sind, so sehr lassen sie sich doch vom Autor oftmals sämtliche Rechte am Text abtreten. Dies bedeutet, dass der Autor danach gar nicht mehr selbst aktiv werden kann und z.B. sein Buch nicht in Eigenregie bei Amazon herausbringen kann.

Einer der Verlage ließ sich die Rechte sogar bis zum Ende der gesetzlichen Schutzfrist abtreten – das wären 70 Jahre nach dem Tod des Autors!

Wenn ein Zuschussverlag – oder auch Dienstleisterverlag, wie sie sich gelegentlich gerne selbst nennen – klar als Dienstleister auftritt, dann spielt er nicht mit falschen Karten.

Schaumschlägerei und Lobhudelei, um den Autor zu umgarnen

Doch klar in Richtung Bauernfängerei geht die Sache, wenn versucht wird, dem Autor etwas vorzuspielen, um den Text oder den Verlag besser zu machen, als sie sind. Wenn sich also die Pseudoverlage mit wohlklingenden Namen schmücken, wenn sie von »Lektorenkonferenzen« schwadronieren, die über die Qualität des Buches befunden hätten, oder von »Plätzen im Verlagsprogramm«, die man dem Autor freihalte, als wolle man ihn sanft zu einer Entscheidung drängen, dann wird es definitiv bedenklich.

Wolfgang Tischer (l.) und Immo Mäueler begutachten die Angebote

Wolfgang Tischer (l.) und Immo Mäueler begutachten die Angebote

Das Highlight der Schaumschlägerei war ein Gutachten, das einer der Verlage angeblich von einer Lektorin erstellen ließ. Diese habe, so wurde geschrieben, das Manuskript gelesen.

Es war blanke Lobhudelei! »Mit Freude und Interesse« habe sie das Buch gelesen, schreibt die Lektorin. Sie bescheinige der Protagonistin »sympathisch« zu sein, und die Sprache wurde als »bildhaft und lebendig« charakterisiert.

Wow! Wer ist bei so viel Lob nicht sofort gewillt, einen Vertrag zu unterschreiben, da doch der Verlag genau die eigenen Stärken so wunderbar erkannt hat?

Doch obwohl die Verlagsmitarbeiterin den Spannungsbogen als »gut umrissen« bezeichnet, macht uns das Urteil stutzig.

Denn wir allein wussten, wie das Manuskript entstand. Es gab in der Vergangenheit bereits legendäre Experimente, wie das von Rico Beutlich [4], bei dem im Manuskript nur zusammenkopierter Schwachsinn stand, den die »Verlage« dennoch begeistert drucken wollten – gegen Geld natürlich. Daher war es klar, dass es nicht funktionieren würde, einen Text aus der Wikipedia zusammenzubasteln oder einen Roman von Kafka zu nehmen. Die Verlage dürften mittlerweile genauer hinschauen.

Ein zusammengestoppeltes Manuskript, bei dem die Hälfte fehlte

Freundlicherweise hat uns eine Autorin ein Manuskript eines Fantasyromans zur Verfügung gestellt. Es war ein 350-Seiten-Werk, das sich auf den ersten Blick ganz gut liest, bei dem jedoch jeder erfahrene Buchmensch sofort merkt, dass es viele Schwächen hat und gründlich überarbeitet werden müsste. Wir haben dieses Werk genommen, das erste Kapitel gestrichen und stattdessen einen leidlich passenden Neuanfang dazugeschrieben. Außerdem haben wir die Namen der Protagonisten ausgetauscht.

Der größte Eingriff vor dem Versand bestand jedoch darin, dass wir an einer beliebigen Stelle mitten im Roman einfach ca. 200 Seiten gelöscht haben. Von einem »gut umrissenen Spannungsbogen« kann also nicht mehr die Rede sein.

Schnell wird klar, dass jeder nach der Lektüre der ersten Seiten eine ähnliche positive Bewertung aus wohlklingenden Versatzstücken hätte schreiben können. Man nennt als Zutaten zudem das Genre und den Namen der Protagonistin, und schon hat der Autor den Eindruck, als handle es sich um eine individuelle Bewertung seines Manuskripts. Der Autor dürfte so begeistert sein, dass er gar nicht mehr genau hinschaut.

Denn weiter unten wird im Angebot dennoch ein kostenpflichtiges Lektorat empfohlen.

Die positivste Rückmeldung war eine negative Bewertung

Doch auch positive Rückmeldungen gab es! Und mit positiv sind hier ehrliche Rückmeldungen gemeint.

Denn ein anderer der angeschriebenen Verlage hat ebenfalls ein paar Sätze zum Inhalt abgegeben, die sich ganz anders lesen:

Der Zusammenhang zwischen den ersten Kapiteln erschließt sich dem Leser nicht. Wieso zuerst ein scheinbarer Traum, der dann abrupt in ein Museum wechselt, was als Reise bezeichnet wird? Dann irgendwelche Barbaren, die Handlung aber angeblich Jahre später? Das ergibt keinen Sinn. Da wäre ein wenig mehr Klarheit angebracht, vor allem, wie Oleanda als Frau plötzlich zu diesen Leuten gelangt ist. Den Leser zu verwirren, ist keine gute Methode, ihn zum Weiterlesen zu bringen.

Nebenbei wäre zu bemerken, dass es zu Artus’ Zeiten sicher keinen Kaffee gab – falls dies die Zeit sein sollte, in der das handelt.

Hier hat also jemand sofort den von uns dazugestoppelten Anfang erkannt und auch, dass das Manuskript weitere Schwächen hat. Und ein Angebot für eine kostenpflichtige Überarbeitung gab es nicht – und natürlich auch keinen Verlagsvertrag.

Der WDR hat einen schön stimmigen Beitrag zum Thema erstellt, der die ganze Thematik realistisch und unaufgeregt beleuchtet. Und er kann erfreulicherweise noch ein ganzes Jahr lang online abgerufen werden.

Link ins Web