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Warum werde ich nicht veröffentlicht? Oder: Die Große Manuskriptverschickung – Teil 1

Die Große Manuskirptverschickung: Auffangbecken 1Etwa eine halbe Million Menschen, so wird geschätzt, sitzen in den Wohnzimmern der Republik vor Laptops oder sogar Schreibmaschinen und verfassen »Romane«.

Ihre Qualifikation: Deutschunterricht.

Ihr Ansatz: autobiografisch.

Ihr Impetus: Schriftsteller werden, also vor allem reich und berühmt.

In einer fünfteiligen Serie analysiert der Autor Tom Liehr [1] schonungslos, warum diese Werke dennoch kein Verlag veröffentlicht. Immer am Freitag erscheint ein neuer Teil.

Teil 1: Warum es nicht ausreicht, Schriftsteller zu sein

Tom Liehr (Foto:privat)Tom Liehr
Jahrgang 1962, Berliner, ist freier Schriftsteller. Im Aufbau Verlag sind seine Romane »Radio Nights« (2003), »Idiotentest« (2005), »Stellungswechsel« (2007), »Geisterfahrer« (2008) und »Pauschaltourist« (2009) erschienen. Bei Rütten & Loening sind »Sommerhit« (2011) und »Leichtmatrosen« (2013) erhältlich. Er hat zahlreiche Kurzgeschichten in Anthologien und Zeitschriften veröffentlicht, darunter im »Playboy« und in der »c’t«, außerdem Prominentenportraits im österreichischen Magazin »DATUM - Seiten der Zeit« und diverse Sachtexte zum Thema Schreiben im »Autorenkalender«. Er ist Mitbegründer des gemeinnützigen »42erAutoren - Verein zur Förderung der Literatur e.V.«, der u.a. den »Putlitzer Preis« auslobt und den »Autorenkalender« herausgibt und dessen Vorsitzender Liehr jahrelang war. Für eine enorm medienwirksame Aktion schufen die 42er im Sommer 2009 die fiktive Autorenperson »Rico Beutlich«, mit deren Hilfe sie sog. Druckkostenzuschussverlagen erfolgreich auf den Zahn fühlten [2].

Links:
Autorensite:
www.tomliehr.de [1]
42erAutoren:
www.42erAutoren.de [3]

Romane:
Radio Nights [4] (2003)
Idiotentest [5] (2005)
Stellungswechsel [6] (2007)
Geisterfahrer [7] (2008)
Pauschaltourist [8] (2009)
Sommerhit [9] (2011, soeben als Taschenbuch)
Leichtmatrosen [10] (2013)

Ein Teil der schreibenden Menschen hat erkannt, dass es so einfach dann doch nicht ist. Sie turnen durch Autorenforen, lesen selbst viel, reichen Beiträge zu Kurzgeschichtenwettbewerben ein, nehmen Schreibkurse, verfassen zur Übung Fan-Fiction, beteiligen sich an Gruppen-Textanalyse und konsumieren Ratgeber von Aristoteles’ »Poetik« bis zu Freys »Wie man einen verdammt guten Roman schreibt«.

Tatsächlich ist es nicht nötig, irgendeine Istik zu studieren, um professioneller Schriftsteller zu werden. Und auch die Frage, ob die berühmten zehn Prozent Talent bei allen veröffentlichten Autoren wirklich vorhanden sind, muss hier nicht diskutiert werden. Oder jene, ob sämtliche Bücher, die von Publikumsverlagen auf den Markt geworfen werden, tatsächlich »gut« sind. Nein, nicht alle Autoren verfügen über etwas, das man »Talent« nennen könnte, und, nein, nicht alle publizierten Romane sind gut. Aber sie verkaufen sich trotzdem, und zwar keineswegs, weil die Leser von den Verlagen dazu gezwungen würden oder weil es keine Alternativen gäbe, sondern weil die Leute das Zeug lesen wollen. Die Gründe hierfür sind diffus und vielschichtig.

Schriftsteller sind – nicht nur fiskalisch, jedenfalls ab dem ersten Verlagsvertrag – Künstler, stellen also Kunst her. Ein Romanmanuskript, ob nun unfassbar schlecht oder von objektiver Brillanz, ist deshalb immer auch Kunst. Und die liegt bekanntlich im Auge des Betrachters, man muss ihn nur finden. Der einfachste und deshalb auch in der Regel eingeschlagene Weg ist derjenige, das Manuskript Verlagen anzubieten, die einen hübschen Umschlag drumrum wickeln und es dann in einer Startauflage von mindestens 50.000 Stück auf den Markt werfen sollen, selbstverständlich nach Zahlung eines Vorschusses in mindestens fünfstelliger Höhe. Bei Kunst weiß man schließlich nie, wen sie anspricht, und es ist doch die verdammte, ureigenste Aufgabe von Verlagen, diese Leute zu finden, oder?

Also schreiben unsere fünfhunderttausend Schriftsteller ihre Romane, fertigen jeweils zwanzig Kopien an und verschicken diese einfach an die zwanzig Verlage, deren Titel sie selbst im Regal haben. Ein paar Wochen später nehmen dann zehn Millionen Formablehnungen den umgekehrten Weg. Ein interessanter, wenn auch auf Dauer ermüdender, für viele Beteiligte schmerzvoller, extrem unproduktiver Vorgang, der enorm viel Zeit und Geld verschlingt, möglicherweise aber ein brauchbares Motiv für eine Doku-Soap auf RTL II wäre: »Ab ins Buch« (sorry, Oliver) oder »Einsatz mit 26 Buchstaben«. Tine Wittler könnte zwischen zwei Heimwerkershows in die Kammern der Nachwuchsautoren eindringen, zeigen, wie man Manuskripte rückstandsfrei kompostiert, das Schreibzimmer umgestalten und gemeinsam mit einem Team »Freizeitcoaches« Vorschläge für neue Hobbys ausarbeiten. Zwischendurch liest der jeweilige Delinquent zehn Seiten aus seinem Roman vor, als Off-Stimme. Die Lacher dazu kommen vom Band.

Spaß beiseite.

Der sehr umtriebige und in der Szene gut bekannte Hans Peter Roentgen [12] hat im »Sieben Verlag« zwei bemerkenswerte Schreibratgeber veröffentlicht, nämlich »Vier Seiten für ein Halleluja [13]« und »Drei Seiten für ein Exposé [14]«. Darin seziert er einmal (authentische, von Autoren hierfür eingereichte) Romananfänge, jeweils besagte vier Seiten, und im anderen Fall (ebenfalls echte) Exposés, jene offenbar unbedingt notwendigen Kurztexte, die, ausschließlich für Lektoren verfasst, alles über einen Roman sagen, was man dazu wissen sollte, wenn man ihn möglicherweise ins Programm nehmen will. In beiden Fällen geht es um Vermarktung, genauer: um Verlagskontakte. Jene ersten vier Seiten sind es schließlich, die von Lektoren angeblich gelesen werden, bevor sie sich entscheiden, dem Manuskript weitere Aufmerksamkeit zukommen zu lassen oder es zu den anderen zu legen. Und ein gutes Exposé ist fraglos zwingend. Möglich, dass Hans Peter auch noch »Eine Seite für ein Begleitschreiben«, »Drei Spalten für eine Vita«, »Eine Zeile für den Romantitel« oder »Ein Umschlag für einen Manuskriptversand« nachreicht. Um nicht falsch verstanden zu werden: Die beiden genannten (tatsächlich verfügbaren) Bücher sind unbedingt empfehlenswert! Unabhängig davon, ob die Mythen, die sich um die Vorgehensweise von Lektoren ranken, immer der Wahrheit entsprechen oder nicht, helfen diese Bücher nicht nur Neuautoren auf vortreffliche und unterhaltsame Weise dabei, Kardinalfehler, aber auch schleichende Probleme auszumachen und besser zu verstehen, wie gute Geschichten funktionieren – und warum. Leider veröffentlichen Verlage weder Exposés, noch allein die ersten vier Seiten eines Romans. Und selbst wenn diese beiden Elemente vorhanden und exzellent sein müssen, steht doch vor all dem die Frage: Spreche ich den richtigen Verlag auf die richtige Weise an? Und: Interessiert das, was ich geschrieben habe, überhaupt irgendwen? (Am Rande sei bemerkt: Heutzutage finden Jobbewerber nicht nur im Internet tonnenweise Anleitungen und Vorlagen, die ihnen helfen, die entsprechenden Unterlagen in uniformer Perfektion einzureichen. Ein probates Mittel dagegen, dass sich der Bewerber im Gespräch oder spätestens während der Probezeit als totale Niete erweist, sind sie allerdings auch nicht. Diese Erkenntnis wird lediglich zeitlich verschoben.)

Zu Teil 2: »Warum sich niemand für meinen Roman interessiert« [15]