Wahrheit und Wirklichkeit: »Auggie Wrens Weihnachtsgeschichte« von Paul Auster

Im Jahre 1990 schrieb Paul Auster eine Weihnachtsgeschichte, die so ganz anders war, als man es gemeinhin von einer Weihnachtsgeschichte erwartet. Doch viele Jahre lang konnte man diesen modernen Klassiker auf Deutsch nicht lesen – bis er schließlich in einem Film zu sehen war.

Glücklicherweise ist das nun anders und man kann die Erzählung kaufen, lesen und sogar an Weihnachten verschenken.

Im November 1990 bekam der amerikanische Schriftsteller Paul Auster einen Anruf von der New York Times. Er wurde gefragt, ob er sich vorstellen könne, für die Weihnachtsausgabe eine Geschichte zu schreiben. Auster erbat sich ein paar Tage Bedenkzeit und schrieb »Auggie Wren’s Christmas Story«. Die Geschichte war ein typischer Auster, denn dieser wollte natürlich keine gewöhnliche Weihnachtsgeschichte erzählen. »In ›Augie Wren‹ wird alles auf den Kopf gestellt«, sagt Paul Auster. »Was bedeutet es zu stehlen? Was bedeutet Schenken? Was bedeutet es zu lügen? Was heißt es, die Wahrheit zu sagen? All diese Fragen werden neu sortiert auf eine ziemlich ungewöhnliche und unorthodoxe Art.«

In der Tat erinnert Austers Weihnachtsgeschichte sehr an eine seiner ersten Geschichten »Stadt aus Glas« aus der »New-York-Trilogie«. Auch darin treibt Auster ein beeindruckendes literarisches Verwirrspiel mit der Realität. Auf die Spitze getrieben wird dies dadurch, dass der Autor »Paul Auster« zur Figur der eigenen Geschichte wird.

Genau das macht Auster auch in »Auggie Wrens Weihnachtsgeschichte«, die damit beginnt, dass der Autor Paul Auster einen Anruf von der New York Times erhält und gebeten wird, eine Weihnachtsgeschichte zu schreiben. Die Realität wird zur Fiktion, und selbst innerhalb der Fiktion stellt sich auf mehreren Ebenen die Frage nach der Wahrheit. Hinzu kommen weitere Auster-typische Ideen, wie die, dass Auggie über Jahre hinweg jeden morgen um 7 Uhr ein und dieselbe Straßenkreuzung fotografiert und die Fotos fein säuberlich mit Datum beschriftet in Fotoalben klebt. Das war 1990, als es noch keine Mobiltelefone mit Kameras gab.

Der Regisseur Wayne Wang gehörte zu den Lesern der Geschichte und machte daraus den Film »Smoke«. Bis dieser in die Kinos kam, sollte es jedoch noch fünf Jahre dauern. Das Drehbuch schrieb er zusammen mit Paul Auster. Auggie wurde von Harvey Keitel gespielt und die Figur des Schriftstellers von William Hurt. Der heißt im Film Paul Benjamin, was wiederum Austers zweiter Name ist: Paul Benjamin Auster. In kleinen Nebenrollen sind Austers Sohn Daniel als Buchdieb und ein schmächter, langhaariger Mann in der Rolle des etwas minderbemittelter Jimmy Rose zu sehen, der ständig in Auggies Zigarrenladen sitzt. Es ist der britsche Schauspieler Jared Harris, der eigentlich so richtig erst als Serienstar in den 2000er Jahren bekannt wurde (Fringe, Mad Men).

Und dann gibt es im Film noch Auggie Wrens Weihnachtsgeschichte zu hören. Keitel darf sie in Gänze und fast ohne einen Zwischenschnitt erzählen, während die Kamera langsam auf sein Gesicht zoomt – filmischer Minimalismus aus einer anderen Zeit.

Jedoch bekommt man als Zuschauer die Geschichte anschließend gleich nochmals zu sehen, ohne Ton und unterlegt vom Tom-Waits-Song »Innocent When You Dream«. Von Waits wiederum gibt es eine Live-Aufnahme, in der er dieses Lied singt und sagt, dass das ganze Lied eine Lüge sei, was wiederum wunderbar zu Austers Geschichte passt.

In deutscher Übersetzung war »Auggie Wrens Weihnachtsgeschichte« jedoch zunächst nicht einzeln erhältlich. Es gab sie ab 1995 zusammen mit dem Drehbuch, später in Anthologien und im Jahre 2000 als deutsch-englische Hörbuchversion, in der Auster das Original und Christian Brückner die deutsche Fassung von Auster-Übersetzer Werner Schmitz liest.

Erst 2008 erschien der moderne Weihnachtsklassiker als eigenständige Ausgabe beim Rowohlt Verlag. 2014 dafür schon in 4. Auflage.

Es ist ein wunderbares Geschenkbändchen mit festem Pappeinband und Fotos des winterlichen Brooklyn von Beowulf Sheehan. Es war eine gute Entscheidung, die Geschichte nicht mit Standfotos der Filmerzählung zu versehen.

So bleibt mehr Raum für die Fragen nach Wahrheit und Wirklichkeit an Weihnachten.

Paul Auster: Auggie Wrens Weihnachtsgeschichte. Gebundene Ausgabe. 2008. Rowohlt Taschenbuch Verlag. ISBN/EAN: 9783499248634. EUR 8,00 » Bestellen bei Amazon.de

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