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Beitrag vom 30. Mai 2012 | Rubrik: Literarisches Leben

Vorlesewettbewerb: Eine Expedition in literarische Parallelwelten

VorlesewettbewerbWarum spielt in den Castingshows die Literatur keine Rolle? Milena Moser hat eine solche Fernsehsendung in ihrem Roman »Möchtegern« entworfen. Es gibt den Bachmannpreis, bei dem vorgelesen wird, bei dem es aber um Inhalt statt Auftritt geht. Und es gibt Poetry-Slams, bei denen oftmals Auftritt vor Inhalt geht.

Doch es gibt sie: Vorlesewettbewerbe. Allerdings finden sie weitestgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Es wird Zeit, sich in die Parallelwelt zu begeben, die in diesem Fall im futuristischen Porsche-Museum in Stuttgart beginnt. Wolfgang Tischer hat die Reise angetreten.

Tief in der selbstverschuldeten Parallelwelt

Seit der Bücherverschenkaktion ist mir mehr denn je bewusst, dass ich in einer Parallelwelt lebe. Lesen und Bücher spielen in der realen Welt kaum eine Rolle. Wer die raue literaturlose Welt erlebt, blickt plötzlich anders auf Urheberrechtsdiskussionen oder ist fassungslos bei Aussagen wie: »E-Books sind seelenlos. Ich mag das Haptische und den Geruch von Papierbüchern«. Wer solche Sätze sagt, steckt noch viel tiefer in seiner selbstverschuldeten Literaturwelt.

Hin und wieder ist es wunderbar, sich der Illusion einer literaturbestimmten Welt hinzugeben. Was wäre, wenn es im Privatfernsehen nicht um die Suche nach singenden »Superstars« oder »Topmodels« ginge? Wenn nicht Kino, Sport oder Musik, sondern Lesen und Literatur die Top-Themen sind? In Zeitschriften nicht Titelthemen dominieren wie »In 10 Tagen zur Traumfigur« oder »So wird Ihr Windows schneller«, sondern »In 10 Tagen zum eigenen Traumroman« oder »So wird Ihr Plot noch rasanter«?

Was wäre, wenn der Vater zum Sohn vor der Entscheidung nicht sagt »Du musst den Gegner schneller angreifen und deine Torschüsse müssen präziser werden«, sondern »Du musst langsamer lesen und den Text im zweiten Teil deutlich mehr betonen«?

Sätze dieser Art habe ich gehört. Der Sohn war 12 und hat dem Vater voller Enthusiasmus und Aufregung geantwortet: »Ja, des ander‘ Mädel war au‘ echt stark, aber sie hat sich deutlich mehr verlese‘ als ich.«

Ich bin beim Landesentscheid Baden-Württemberg des Vorlesewettbewerbs für Schülerinnen und Schüler. Wer hier gewinnt, der darf im Juni nach Frankfurt reisen, um das Land beim Bundesentscheid zu vertreten und womöglich Deutschlands beste Vorleserin oder Vorleser zu werden.

Acht Schülerinnen und Schüler lesen heute, zwei davon können weiterkommen, denn es gibt die Gruppen »Hauptschule, Realschule« und »Gymnasium«. Jede und jeder von ihnen ist die oder der beste des Regierungsbezirks, und sie haben sich schon über die Konkurrenz in Klasse, Schule, Stadt und Landkreis hinweggelesen. Ich bin erstaunt, dass es in beiden Gruppen je zwei Jungen und Mädchen sind. Ich hätte nur Mädchen erwartet.

»Wir suchen keine Schauspieler«

Seit 1959 findet der Wettbewerb für die 6. Klasse statt, initiiert vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Die Vorleserinnen und Vorleser sind meist 12 Jahr alt.

Ich bin einfach mal hingegangen, denn einfach mal hingehen kann man zum Landesentscheid nicht. Die Publikumsreihen werden von Eltern, Großeltern, Freunden und Klassenkameradinnen und -kameraden bevölkert. Der Veranstaltungsraum ist gut gefüllt, doch der Wettbewerb ist nicht öffentlich, die Presse darf jedoch vorbeischauen.

Gastgeber ist die Firma Porsche, die ins Automobilmuseum nach Zuffenhausen eingeladen hat. Nach einer Führung durch die Ausstellung und einem Mittagessen wird es ernst.

Der Geschäftsführer des Börsenvereins Baden-Württemberg Johannes Scheerer gibt den lieben Onkel und begrüßt. In der Mitte steht auf einer kleinen Bühne der Vorlesetisch, daneben sitzt die fünfköpfige Jury. Scheerer erläutert nochmals die Regeln, die mir bis dahin nicht bekannt waren: gelesen wird hintereinanderweg zweimal 3 Minuten. Zunächst ein Ausschnitt aus einem selbst ausgewählten Jugendbuch, dann gilt es, einen unbekannten Text »vom Blatt« zu lesen.

Kriterien der Jurybewertung sind Lesetechnik, Textgestaltung und Textverständnis. Bei der Technik geht es primär um die Aussprache, bei der Gestaltung um Gefühl und Betonung und das Verständnis wird von einer Moderatorin geprüft, die den Lesenden vorab in einem kleinen Gespräch Fragen zum ausgewählten Buch unterschiebt. »Wir suchen jedoch keine Schauspieler«, stellt Scheerer klar.

Jugendliteratur wie die Startseite von SPIEGEL online

Mich erstaunt die Buchauswahl. Da geht es um Mobbing unter Schülern, um Mord, Weblogs, um ökologische Landwirtschaft, um Kindesmisshandlung und ums 3. Reich. Donnerwetter! Die Jugendliteratur tritt mir heute entgegen wie die Themenauswahl der Startseite von SPIEGEL online.

Ich wollte nicht in der Jury sitzen, denn alle Teilnehmerinnen lesen verdammt gut. Speziell die Interpretation der »vom Blatt« gelesenen Stellen beeindruckt mich, zumal der Text in Venedig spielt und mit italienischen Begriffen und Ortsnamen durchsetzt ist, über die souverän hinweggelesen wird. Wie viele Erwachsene würden das wohl so hinbekommen? Mir würde die Siegerkür verdammt schwerfallen.

In der Pause, in der sich die Jury zur Beratung zurückzieht, frage ich eine der Teilnehmerinnen, wie lange sie denn vorab geübt habe. Sie habe ihren Text vorher vielleicht dreimal gelesen, sagt sie bescheiden. Sie steigere sich in die Sache jetzt nicht allzu sehr hinein. Das klingt nicht nach peitschenschwingenden Eltern im Hintergrund und stundenlangen Leseproben.

Die unaufgeregte Aussage beeindruckt mich umso mehr, als das Mädchen kurz darauf zu den beiden Gewinnerinnen gehört, die Baden-Württemberg beim Bundesentscheid vertreten werden.

Nach Glückwünschen, Dankesworten und Geschenkübergaben löst sich der Kreis an diesem Nachmittag rasch auf. Die Veranstaltung war kurz und hatte keine Längen. Der einzige »Showact« bestand in einer einführenden Lesung des letztjährigen Landessiegers.

Draußen herrscht herrliches Wetter, was Eltern normalerweise mit den Worten: »Sitz doch nicht im Zimmer vor deinen Büchern, sondern geh‘ mal raus!« kommentieren. »Bücher« sagen sie natürlich nur in der Parallelwelt meiner Fantasie, denn eigentlich werden sie »Computer« sagen.

Doch ich träume noch etwas weiter: Warum gibt es diese Wettbewerbe nur für Sechstklässlerinnen und Sechstklässler? Warum nicht auch für Erwachsene? Warum nicht öffentlich? Echtes, gutes Vorlesen und keine Comedy, Bühnenschnickschnack oder Selbstgeschriebenes. Christian Brückner in der Jury. Man könnte aus aktuellen Büchern vorlesen. Dazwischen kurze Interviews mit Autoren. Das wäre doch eine nette Idee für eine Literatursendung in den Dritten oder auf ZDFneo.

Aber ich lebe in einer Parallelwelt. Oder?

Wolfgang Tischer
Dem Autor auf Twitter folgen: @literaturcafe

1 Kommentar zu diesem Beitrag lesen

  1. Oberzeller schrieb am 7. Juli 2012 um 14:24 Uhr

    Empfehlung Ursula

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