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Virginia Ironside: Zu dumm für den Seniorenteller?

Ironside-Seniorenteller»Sag mal, du kennst dich doch mit Literatur aus?« fragte mich meine Nachbarin. »Ja, schon, wieso?« – »Also, da hat mir jemand ein Buch geschenkt, das ich unbedingt lesen muss, es soll ganz doll witzig sein, aber ich weiß nicht, ich muss überhaupt nicht lachen, ich finde da nichts Witziges! Vielleicht bin ich zu dumm für das Buch? Könntest du da nicht mal reinschauen und mir erklären, was da witzig sein soll?«

Also gut. Hier ist sie. Sieben Jahre zu spät, ich weiß, aber besser spät als nie. Eine Buchbesprechung. Und ja, es ist weder der 1. Januar noch der 1. November, aber irgendwann muss man ja anfangen. Carpe diem und all das. Außerdem: Wünschen wir uns nicht alle insgeheim, wir hätten mit 20 ein Buch besprochen? Oder mit dreißig! Oder vierzig! Aber nun, in meinem 60. Lebensjahr – oder besser gesagt: meinem neunundfünfzigsten, oder vielleicht doch dem sechzigsten? Mir fällt da gerade dieser unangenehme Mensch ein, der mir neulich einen Vortrag darüber hielt, dass ich mich, obwohl erst neunundfünfzig, bereits in meinem sechzigsten Lebensjahr befände. Vollkommen konfus das alles, aber wie heißt es so schön: Der Klügere gibt nach.

Na? Fanden Sie das witzig? Ja? Danke! Nein? Schade. So fängt der Text an. Nämlich. Ungefähr. Habe noch eins draufgesetzt, indem ich das ursprüngliche Wort Tagebuch ersetzte durch Buchbesprechung. Damit’s echt witzig wird.

In dem laberigen Stil geht es weiter. Habe aber nicht weiter gelesen – wer bin ich denn? Seit wann muss man ein versalzenes Menü bis zum Ende wacker runterwürgen, bevor man sich das Urteil erlauben darf, dass es versalzen war?

Kostprobe von Seite 237, zufällig aufgeschlagen:

Bin wie immer mit dem Nachthemd unter dem Mantel zum Laden um die Ecke geschlurft, als mir Sheila the Dealer über den Weg lief. Sie sah richtiggehend irrsinnig aus. Ihr Gesicht war übersät von aufgekratzten Pickeln, wie man es bei kokainsüchtigen Topmodels sieht, und sie war so dünn, das reinste Skelett, dass man gute Lust hatte, ihren Arm zu nehmen und wie ein Streichholz zu zerbrechen, nur um zu sehen, ob es ging.

Wenn sie wie immer so schlurft, warum schreibt sie es dann erst hier? Wann und wo sieht man ein kokainsüchtiges Topmodel ungeschminkt? Man würde es doch gar nicht erkennen! Dass ein Skelett dünn ist, muss man eigentlich niemandem erklären. Und am Ende muss es geht heißen statt ging. So viel Salz in so einem winzigen Abschnitt!

Immerhin wissen wir jetzt, wie Irrsinn aussieht: Erstens verkratzte Pickel im Antlitz, zweitens kokainabhängig, drittens magersüchtig: eben heidiklummelig.

Witzig ist das nicht, und schon gleich gar nicht komisch, wie auf der Umschlagrückseite suggeriert wird!

Das mir vorliegende Buch von 2010 hat bereits die 19. Auflage erreicht. Das heißt jedoch nur, dass es massenweise verkauft wurde. Aber auch gelesen? Oder nur verschenkt an ältere Menschen? So wie die Lokalkrimis?

Nichtsdestotrotz: Dass manche Bücher massenweise verkauft werden, ist gut! Denn mit dem Geld können Verlage Literatur fördern, die das verdient.

Der Titel ist im Original übrigens ganz anders: »No! I don’t Want to Join a Bookclub«. Das geht natürlich nicht im Deutschen, denn wer kennt schon einen Buchklub?

Auch die beiden Nachfolger von 2012 laufen bestimmt vorzüglich: Nein! ich geh nicht zum Seniorentreff! (Im Original: The Virginia Monologues) sowie Nein! ich möchte keine Kaffeefahrt! (Im Original: No! I Don’t Need Reading Glasses).

Meine Nachbarin jedenfalls konnte ich schnell erlösen:
»Du bist nicht zu dumm für dieses Buch, du bist einfach nicht dumm genug!«

Malte Bremer

Virginia Ironside: Nein! Ich will keinen Seniorenteller: Das Tagebuch der Marie Sharp. Taschenbuch. 2010. Goldmann. ISBN/EAN: 9783442468683. EUR 8,95 » Bestellen bei Amazon.de [2]
Virginia Ironside: Nein! Ich will keinen Seniorenteller: Das Tagebuch der Marie Sharp. Kindle Edition. 2011. Goldmann Verlag » Herunterladen bei Amazon.de [3]